Der Ruhetag

Ein Bankbesuch auf dominikanisch

Ein Mieter hatte mir seinen Scheck für seine Miete gegeben.
Aber da kein Mieter so richtig schön dumm ist, hatte er das Datum um einen Monat vorgezogen und die Bank hat das natürlich gemerkt.

Also wurde ich zitiert, um den ungültigen Scheck wieder abzuholen. Vorher hatte ich den hoffnungsvollen Mieter hier zu uns zitiert und er hat mir unter permanenten Entschuldigungen beim Barte seiner Großmutter versichert, dass es sich um einen ziemlich unbewussten Irrtum handelte. Die Betonung lag für mich auf ziemlich.

Das ganze spielte sich am 1. Februar ab.

Die Arbeiter und Angestellten hier in der Dom Rep bekommen ihr Gehalt – umgerechnet zwischen 150 und 300 Euro im Monat – in zwei Teilen ausgehändigt. Sonst wäre nach wenigen Tagen das ganze Land schon wieder pleite.

Da die größeren Ausgaben wie Miete, Versicherung usw. am Monatsende oder zum Monatsanfang fällig sind und hier praktisch niemand in der Lage ist, Daueraufträge einzurichten und auszuführen, wird eben alles persönlich gemacht.

Das bedeutet für jeden Dominikaner oder überhaupt jeden, der hier irgendwas mit der Bank zu tun hat, dass er vom 14. bis zum 16. und vom 30. bis zum zweiten eines Monats in keine Bank gehen sollte.

Er kann es ja probieren, aber er wird kaum reinkommen.
Die größte Bank hier im Ort hat Platz für ca. 150 Besucher, die dann eben dort warten, bis sie aufgerufen werden.

An den berühmten Tagen in der Mitte und am Ende des Monats sind es aber mindestens 300-400 Menschen, die sich wie die Fußballfans in der Stehkurve aneinander schmiegen, um dann irgendwann entweder zusammenzubrechen oder an einen Schalter zu gehen, nachdem sie nach stundenlangen Warten doch noch aufgerufen wurden.

Als ich im Laufe des Vormittags dort mit meinem neuen Scheck antanzte, kam ich zwar noch die ersten 3 Meter rein in den großen Bankschalterraum, aber das war’s dann auch.

Obwohl mich dort die leitenden Mitarbeiter seit Jahren alle persönlich kannten, zählt an solchen Tagen keinerlei persönliche Beziehung mehr. Das heißt im Klartext: ebenfalls warten bis es dunkel wird.

Man hat aber seid kurzem in der Mitte des Eingangsbereichs einen großen Automaten aufgestellt, an dem man Nummern ziehen muss. So wie in Deutschland in jeder Behörde.

Anders als in Deutschland kann man den Automaten aber erst bedienen, wenn man vorher seine Personalausweisnummer eingegeben hat, denn dann prüft der Automat automatisch, ob man dort überhaupt ein Konto hat – denn es gibt einen Beruf des „Bankwarte-Anstellers“.

Das sind meist Jugendliche, die den ganzen Tag in der Bank stehen und solche Nummern ziehen für diejenigen, die nicht ganz so lange warten wollen. Aber da niemand hier seinen Personalausweis aus der Hand gibt – weil sonst damit sofort im Internet irgendwelche großen Mengen bestellt werden, die nie bezahlt werden, deswegen ist der Beruf des „Bank-Anstellers“ im Moment nicht sehr populär.

Ich habe also ganz brav meinen dominikanischen Personalausweis aus der Tasche gezogen und die Nummer eingetippt. Dann wurde ich auch gleich mit Senor Henckell auf dem Display begrüßt und ich konnte aus einem Menü von 30 oder 40 Vorgängen das aussuchen, was ich da eigentlich wollte.

Natürlich gibt es keinen Menü-Punkt für „Scheck einreichen“, denn die Dominikaner können nur Geld ausgeben. Dass sie von irgendjemand mal Geld bekommen oder sogar einen Scheck – das ist bei der Konstruktion und Konfiguration dieser Apparate überhaupt nicht vorgesehen.

Als ich mich dann mehr oder weniger aus Spaß oder Langeweile vor diesem Automaten durch das gesamte Menü hangelte, fand ich irgendwann auch drei farbige Knöpfe.

Beim ersten farbigen Knopf war darunter das Symbol eines alten Mannes mit Krückstock, daneben, in einer anderen Farbe, das Symbol eines Menschen in einem Rollstuhl, und als letztes, ebenfalls in anderer Farbe, das Symbol einer Frau mit einem Bauch so lang wie quer. Also hochschwanger.

Diese drei Symbole sollten laut Auskunft den Schwerbehinderten, den Alten und den Schwangeren eine gewisse Präferenz in der Wartezeit geben.

Ein Blick über die Hunderte von schwarzen Köpfen vor, neben und hinter mir in dieser Bankfiliale reichte aus, um erst mal zur Sicherheit das Symbol des alten Menschen zu drücken.

Es ertönte ein kleiner Warnton, aber die Lampe leuchtete.

Das gefiel mir schon ganz gut, und ich drücke dann zum Spaß gleich die nächste Taste, das war der Mann mit dem Rollstuhl.

Ich habe mich in den letzten Jahren auf einigen Flughäfen dieser Welt schon als Rollstuhlfahrer angemeldet, und bin dann immer sehr schnell durch irgendwelche Wartehallen geschoben worden, das klappte viel besser, als selber zu laufen.

Nachdem ich also diesen Rollstuhl-Invalidenknopf gedrückt hatte, ertönte wieder ein anderes Geräusch, und auch das wurde akzeptiert.

Jetzt fing die Sache an mir Spaß zu machen, und ich drückte – nachdem ich mich links und rechts kurz umgesehen hatte und diesen Hilfeknopf für Schwangere mit meiner anderen Hand kurz abgedeckt hatte – also jetzt diesen letzten Knopf.

Ein etwas komisches Geräusch bestätigte, dass auch dieser Hilferuf angekommen war und die Maschine fing an zu rattern.

Nach einem kurzen Augenblick hielt ich einen schönen Zettel mit einer schönen Nummer in der Hand.

In dem Wartesaal dieser Bank hängen an allen Seiten große Monitore, so wie auf den Flughäfen.

Da wurde dann angezeigt, welche Art von Nummern und Eingaben jetzt an welchen Schaltern bearbeitet werden.

Meine Nummer war nirgends zu sehen.

Doch dann erschien eine Ansage, die blinkte so ähnlich wie kurz vor einem Banküberfall. Und die Nummer unterschied sich auch völlig von allen anderen Nummern.

Eine Minute später wurde diese Nummer grün unterlegt und kurz bevor ich mich überhaupt zum ersten Mal setzen konnte, wurde ich durch den Automaten an einen bestimmten Bankschalter geleitet.

Die hinter dem Schalter sitzende, freundliche, dominikanische Bankangestellte guckte mich kurz an und verglich meinen Zettel mit der Nummer, die auf ihrem Monitor erschien.

Das Alter musste ihrer Meinung nach wohl irgendwie stimmen.

Den Rollstuhl – so konnte sie sich denken – hatte ich wahrscheinlich am Eingang stehen gelassen, weil ich mit dem sowieso nicht durchgekommen wäre. Und ein Blick auf meinen Wohlstandsbauch genügte ihr wohl, um mich dann freundlich mitleidig zu fragen: „Na, wann ist es denn soweit…?“

Ich sagte nur „sehr bald“.

Und fügte dann sicherheitshalber gleich hinzu „…und es wird auch bestimmt ein Mädchen“.

Dann nahm sie meinen Scheck in Empfang, gab mir die Quittung und hatte sicherlich abends zu Hause beim Abendbrot einiges zu erzählen.

Soweit zum dominikanischen Ruhetag.