Arabische Geschichten

Ein kleiner Reiseführer

Vorwort

vor zwei Jahren machte ich zusammen mit meinem Sohn Jan eine kleine persönliche Abschiedsreise durch China und Tibet. Jan hatte nie zuvor diesen Teil der Welt gesehen.

Ich selbst aber hatte gut 30 Jahre meines Lebens dort gelebt und gearbeitet.

Ich hatte gemerkt und gesehen, wie sich in diesem relativ kurzen Zeitraum ein so großer und wichtiger Teil der Welt total verändert hat.

Über diese einmalige und aufregende Zeit in China kann man nicht in einfacher und normaler Form berichten, das wäre entweder zu gewaltig oder zu unverständlich geworden.

Ich habe es deswegen für meine Familie, meine Freunde und mich selber bei einigen kleinen Geschichten, Glossen und Geständnissen über diese Zeit in China belassen.

Es gab darin aber einen Zeitraum von sieben Jahren, der so skurril und einzigartig war, dass ich darüber in der mir gegebenen Form berichten möchte.

Gleichzeitig werde ich zusammen mit meiner lieben Frau und unserer großen Enkelin Nanda, der Tochter von Jan, diese Gegend um den Persischen Golf jetzt noch einmal kurz besuchen.

Ein Abschiedsbesuch der besonderen Art.

Eine Woche werden wir mit dem Schiff entlang der Küste von Dubai, Abu Dhabi, den Emiraten und Oman reisen und dabei sicherlich sehen und erleben, wie sich auch hier alles im Laufe der letzten 30 Jahre total verändert hat.

Zur Vorbereitung dieser kleinen Reise habe ich das Wichtigste aus jener abenteuerlichen  Zeit zusammengefasst und aufgeschrieben. Diese Art der Vorbereitung war gleichzeitig für mich persönlich eine Aufbereitung der speziellen Art.

„Sieben Jahre in Tibet“ ist ein bekannter Roman und grandioser Film.

Die sieben Jahre, die in meinem Leben die Episoden Persischer Golf – südliches Afrika – China und Hamburg darstellten, sind etwas, was es vorher nie gegeben hat und auch mit Sicherheit nie wieder geben wird.

Deswegen dieser Bericht.

Für Nanda und Nelly zur Vorbereitung.

Für alle anderen als Angebot, etwas Ungewöhnliches zu lesen – bewusst ohne Bilder, die Fantasie des Lesers soll genauso arbeiten wie ich beim Schreiben der folgenden Seiten.

Für gelegentliche Abschweifungen bitte ich um Entschuldigung, sie waren notwendig, um Thema und Hintergrund etwas verständlicher zu machen.

Die Drohung, dies alles zusammen mit anderen Geschichten meines etwas ungewöhnlichen Lebens eines Tages zu veröffentlichen, bleibt bestehen.

Hamburg, im Januar 2018

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

1 Warme  Wolle   

2 Scio me nihil

3 Dampf  ablassen

4 Gloria Britannia     reich durch Dösen

5 Pökeln – das unbekannte Wort

6 Die Lotterie   

7 Schiff ahoi

8 Der Pass passt nicht

9 Gefunden

10 Neue Länder – neues Glück

11 Das Operetten – Land

12 Der Araber

13 Das  goldene Land

14 Schlitzaugen vs Schlitzohren

15 Der Plan

16 Ein geheimnisvoller Freund

17 Der Richter

18 Warten

19 China und die 40 Kisten

20 Bitte Zahlen

21 Chinesische Verträge

22 Zweimal in China

Epilog

Prolog

Es war noch kalt, es nieselte seit Stunden und morgens um sieben war es auch noch stockfinster.

Das große Tor war bereits geöffnet und ich stand dort in einer windigen Ecke, mit Sicht auf die Straße, die Eisenbahnschienen und die Kräne, die auf der einen Seite dieses riesigen Holzgebäudes am Kai von Schuppen 51 im Hamburger Hafen lagen.

Durch die riesige Holzluke, die den Weg in die Lagerhalle öffnete, konnte man eine Unmenge von Fässern, Kisten, Ballen und Hunderte von Paletten sehen, auf denen all das gestaut und gelagert war, das die 40 Hafenarbeiter in den letzten zwei Tagen aus den vier großen Frachträumen des Übersee-Frachters an Land brachten und das jetzt in diesem großen Hafenschuppen lagerte.

Traditionell nannte man diese Lagerhallen in Hamburg Schuppen, obwohl sie mit einem landläufigen Schuppen nur insofern etwas zu tun hatten, als sie viele hundert mal so groß waren wie jeder Schuppen irgendwo in Deutschland.

Dann sah man aus der Ferne das schwache Licht mehrerer ankommender Autos. Vorne zwei große dunkle Limousinen, dahinter noch ein kleines Auto.

Diese Kolonne bewegte sich praktisch bis vor die Eingangstür dieses Lagerhauses. 

Die Motoren wurden abgestellt und die Türen geöffnet.

Insgesamt waren es sieben Menschen, die jetzt zum Tor kamen. Alles Männer und alle mit ausdruckslosen, fast versteinerten Gesichtern.

Zwei aus dieser Gruppe sahen mich an der Seite des Tores stehen und nickten mir kurz zu. 

Die anderen gingen ohne Gruß vorbei und nach kurzer Zeit fingen sie an, sich umzuziehen. Sie legten ihre Mäntel und Anzugjacken irgendwo auf eine große Kiste und streiften sich alle große, dunkelgrüne oder dunkelblaue Arbeitsoveralls über den gesamten Körper. 

Dann wurde der Chef des Lagerhauses gerufen, er bekam sein Trinkgeld und setzte sich in eins der vielen dort herumstehenden Gabelstapler. Er bekam ein Papier und wusste dann sofort, wo unter den hunderten oder tausenden von Ballen und Fässern die 20 großen Ballen waren, die von dieser Delegation angesehen werden sollten. 

Die Ballen waren größer als die Männer und wogen an die 150 Kilo. Sie waren mit eisernen Reifen umwandet und die beiden jüngeren Leute, die mitgekommen waren, fingen an, mit einer großen Drahtschere den Ballen zu sprengen. 

Nachdem der letzte Stahlreifen durchschnitten war, vergrößerte sich der Ballen um praktisch das Doppelte, er war in Australien mit riesiger Wucht zusammengepresst worden. 

Jetzt fingen alle an, die Felle, aus denen der Inhalt dieser Ballen bestand, Stück für Stück zu prüfen.

Mit den Fingern griffen sie in die Wolle, prüften in der Mitte der Felle und an den Seiten die Länge und Qualität der Wolle. Dann drehten sie jedes Fell auf die andere Seite, um auf der Rückseite die Beschaffenheit des Leders zu beurteilen.

Es wurden insgesamt einige hundert Schaffelle sortiert und in verschiedenen Haufen auf den Boden rund um den Ballen geschmissen.

Es waren dies dann die verschiedenen Qualitäten, die man im Ballen gefunden hatte.

Die guten, die nicht ganz so guten und die ziemlich schlechten Qualitäten – alles ein ziemliches Durcheinander, das aber auch gleichzeitig System hatte. 

Schließlich wurde alles wieder zusammen auf die Ballen gepackt und dabei wurde genau gezählt, wie viel Stück in welchem Haufen nach dieser Sortierung enthalten waren. 

Nach gut einer Stunde war das ganze erledigt, man hatte genügend Ballen besichtigt und sich ein Bild gemacht von der Qualität dieser Ware.

Jetzt kam der Chef dieser ganzen Gruppe auf mich zu, denn ich hatte die ganze Zeit aus einiger Entfernung alles beobachtet.

Er sagte nur so etwas wie „So mein Jung, jetzt bist du dran, viel Spaß, die Ungarn sind heute Morgen nicht sehr gesprächig. Viel Glück und Tschüss.“ 

Dann gingen alle, mit Ausnahme von 3 Männern, wieder zurück zu ihren Autos und verschwanden in der morgendlichen Dämmerung. 

Jetzt wandte sich der Chef der Ungarn an mich und sagte in ziemlich gutem Deutsch „Guten Morgen und entschuldige bitte, wenn es so lange gedauert hat, aber wir mussten einige Sachen dort sehr genau prüfen.“

Dann reichte ich dem Vize, so nannte man den Chef dieser Lagerhallen, meine Papiere, er fuhr wieder los mit seinem Elektro-Gabelstapler und kam dann mit zehn Ballen an. Dies war unsere Ware – also die Schaffelle, die wir den Ungarn vorm halben Jahr verkauft hatten. 

Ich musste jetzt alles alleine machen, aber ich kannte das Prozedere und die Kniffe, die man dabei benötigt, zur Genüge.

Ich fing an, verschiedene Schaffell-Ballen aufzumachen und die Ungarn fingen wieder an, alles zu begutachten, schmissen ihre verschiedenen Qualitäten auf den Boden und ich fing dann schon an, die Ergebnisse jedes Ballens zu zählen und wieder zusammen zu packen. 

Es gab verschiedene Tricks, um nur mit einem Tau und einem dicken Knüppel die Ballen praktisch so fest wieder zu schließen, dass sie ohne Probleme danach auf einen Lkw und auf eine Reise nach Ungarn geschickt werden konnten.

Es handelt sich bei diesen Ungarn um zwei Direktoren des staatlichen Einkauf-Büros und einen Fabrikdirektor des ungarischen Staats-Monopols für Felle und Leder. 

Sie kamen gern nach Hamburg, denn das war eine willkommene Abwechslung in ihrem sonst nicht sehr aufregenden Leben. Sie waren ausgewiesene Fachleute und im Gegensatz zu Kunden aus Österreich, Polen, Süddeutschland, Italien oder dem Balkan gab es mit ihnen kaum große Diskussionen.

Wenn alle Leute etwas von der Qualität einer Ware verstehen, war klar, dass sie entweder gut oder mittel oder schlecht war.

Die Verträge über diese Lieferung waren vor einem halben Jahr ausgehandelt und unterzeichnet worden. Darin war eine ganz bestimmte Qualität Inhalt der Verträge und so sollte jetzt die Ware sein, die soeben besichtigt worden war.

Wenn sie nicht diesem Vertrag entsprach, konnten die Käufer, in diesem Fall also die Ungarn, entweder die Annahme der Ware verweigern oder eine Diskussion über einen Nachlass anfangen.

Waren die gelieferten Schaffelle in Ordnung und entsprachen der vereinbarten Qualitäts-Beschreibung, so war alles o. k. und den Rest des Tages konnte jeder machen was er wollten.

Solche Verträge nannte man früher einen „Verkauf auf Besicht- und Gutbefund“. 

Man konnte also als Kunde Ware reklamieren, wenn sie nicht gut war, aber wenn sie in Ordnung war, musste sie auch genommen und bezahlt werden, so wie im Vertrag vereinbart. 

Die Männer aus Budapest, der Hauptstadt von Ungarn, sagten dann noch, dass sie die Ware, die sie zuerst bei unserer Konkurrenz gesehen hatten, teilweise leider nicht akzeptieren konnten, denn sie war wesentlich schlechter als im Vertrag vereinbart. 

Es war dies die Ware der Firma Köhm und High, dem größten Hamburger Fell- und Lederimporteur.

Ich kannte die Herren dieser Firma aus diversen Treffen im Hafen, in deren Firma war ich allerdings bis dahin noch nie. 

Am Schluss sagte mir der Leiter der Ungarn noch einen Satz, der für mich der Anfang einer ganz großen und neuen Entwicklung werden würde.

Der Satz selber war ganz einfach. Es war an sich nur eine Frage, in der allerdings auch ein großer Vorwurf mitschwang.

Er sagte zu mir mit einem leisen und etwas vorwurfsvollen Ton nur ganz kurz :

„Seit wann seid ihr ehrbaren Hamburger Kaufleute denn unter die Zocker gegangen?“.

Diese kleine Bemerkung war für mich so ungewöhnlich, dass ich sie bis heute nicht vergessen habe.

Und sie sollte gleichzeitig die nächsten zehn Jahre meines Lebens entscheidend beeinflussen. 

Kapitel 1     

Warme  Wolle

Nicht einmal hier im Keller konnte man sich von den Strapazen der letzten Nacht ausruhen und erholen.

Ich lag in einer ziemlich dunklen Ecke mitten zwischen hunderten von Papprollen, die mit irgendwelchen kleinen Wollmustern gefüllt waren.

Es war Anfang der Sechzigerjahre, ich hatte vor einigen Monaten eine Lehre bei der renommierten Hamburger Wollimport-Firma Otto Fauster angefangen, oder besser gesagt anfangen müssen.

Ich hatte zuvor in der zehnten Klasse eines Hamburger Gymnasiums eine Ehrenrunde gedreht und dachte, dass ich die Wiederholung ja leicht und lässig schaffen würde, schließlich hatte ich den ganzen Lehrstoff ja schon einmal ein Jahr lang miterlebt.

Es kam die bitterböse Überraschung.

Meiner lieben Mutter wurde mitgeteilt, dass ich auch im zweiten Anlauf das Klassenziel der zehnten Klasse mit Bravour verfehlt hätte und man mich deswegen nicht länger auf diesem Gymnasium als Schüler wünsche.

Sollte ich jetzt freiwillig die Schule verlassen, würde man mir noch ein einigermaßen akzeptables Abschlusszeugnis geben, um mir den Weg in den Beruf nicht völlig zu verbauen.

Das war es also. 

Keine Ahnung, wie meine liebe Mutter, die damit total überfordert war, das Ganze meinem strengen Vater beigepult hatte.

Sie muss sich sehr ins Zeug gelegt haben, denn er fing plötzlich an, sich in Hamburg um eine Lehrstelle für seinen etwas missratenen Sohn zu kümmern. 

Natürlich sollte es irgendwo in derselben Branche sein, in der er und damit unsere Familien-Firma selber tätig war – das war die Firma Henckell & Co, spezialisiert auf Import und Großhandel von Leder, Fellen, Pelzen und sonstigen Tierprodukten. 

Es gab in dieser Branche insgesamt sechs Firmen in Hamburg. Zwei waren relativ groß und die anderen vier mehr oder weniger Ein-Mann-Betriebe. Wir waren die Nummer zwei, die Firma Köhm und High war mit Abstand die Nummer eins. 

Natürlich wollte niemand in dieser kleinen Branche den Sohn des Chefs einer Konkurrenzfirma bei sich als Lehrling ausbilden. 

In unserer eigenen Firma gab es seit Generationen den Grundsatz, dass man nur weibliche Lehrlinge einstellte. Die lernen schnell, sind ruhig, können Kaffee kochen und wenn sie anfangen die Abläufe der Firma zu verstehen, dann heiraten sie, bekommen Kinder und man trennt sich im Guten.

Männliche Lehrlinge dagegen haben den unausgesprochenen Willen sich durchzuboxen, die paar kleineren und größeren Geschäftsgeheimnisse zu lernen, zu kopieren und dann später im eigenen Geschäft für sich selber auszunutzen.

Die anderen Firmen in Hamburg hatten das gleiche Prinzip – insofern gab’s keine Chance, dass ich das lernen konnte, was bei uns in unserer Branche zu erlernen war.

Und selber als Lehrling in der eigenen Firma anzufangen, das war aus verschiedenen Gründen völlig unmöglich.

Also suchte mein Vater irgendetwas, was ein bisschen ähnlich war.

Über zwei Hockeyclubs und die dortigen Verbindungen landete ich ziemlich schnell in der Firma Otto Fauster.

Der Chef dieser renommierten Woll-Import Firma Otto Fauster wohnte zwei Straßen von uns entfernt, hatte dort genau wie wir eine schöne Villa, aber im Gegensatz zu uns sogar noch einen eigenen Tennisplatz im großen Garten.

Um zu zeigen, dass er vielleicht doch der bessere oder erfolgreichere Hamburger Kaufmann war, wurde vom Chef des Fauster-Clans dann gnädig der junge Thewes Henckell als neuer Lehrling akzeptiert.

Um zu prüfen, ob die Lehrlinge überhaupt schreiben oder rechnen konnten, wurden alle zuerst einige Monate in die Buchhaltung gesteckt. 

Mit Rechenmaschinen, die in der Mitte per diverser Hebel und an der Seite mit einer Kurbel angetrieben wurden  und Durchschlagpapier, das genau geordnet und gebügelt werden musste, verbrachte man dort den Tag.

Ich schaffte es schnell, die gesamte Belegschaft dieser Buchhaltung gepflegt mit allerlei Dönsches und Gedöns zu unterhalten – ich wurde also nicht rausgeschmissen und landete dann als nächstes im Keller.

Das war der Lagerraum für hunderte oder tausende von Woll-Mustern aus den letzten hundert Jahren, die alle als Referenz für irgendwelche Abschlüsse und Qualitäten aufbewahrt wurden.

Dort im Keller gab es bereits einen Lehrling, der schon im zweiten Lehrjahr war.

Er hieß Christian Köhm und war der Sohn der großen Hamburger Leder und Fell-Importfirma Köhm & High, also unseres größten Konkurrenten. 

Christian hatte mehr oder weniger das gleiche erlebt.

Schulabbruch und mit dem entsprechenden Glück und einigen Verbindungen landete auch er bei dieser Hamburger Traditionsfirma, die sich so gewollt oder ungewollt zum Sammelbecken gepflegt verkrachter Hamburger Jung-Existenzen entwickelte. 

Das einzige, was Christian und ich gemeinsam hatten, war die Bemühung, die bildhübsche junge Empfangsdame, deren einzige Talente im Schminken und privatem Telefonieren angesiedelt waren, diese hoffnungsvolle Ex-Jungfrau also möglichst schnell rumzubekommen.

Das klappte nicht, denn ich spielte in dieser Zeit gleichzeitig noch in einer Band, mit der wir Tanzmusik und Jazz machten (Tanzmusik bis Mitternacht, danach, wenn niemand mehr in der Lage war zu tanzen, dann eben richtig schönen Jazz zum Schmusen, Träumen, wieder Wach-Werden und Weiter-Schlafen – und das drei oder viermal in der Woche).

Leider stand bei Otto Fauster der Chef ausschließlich auf klassische Musik und ich konnte ihn mit meinem musikalischen Können in keiner Weise beeindrucken.

Richtig beeindrucken konnte aber unser Saxophonist – und zwar unsere bildhübsche Empfangsdame.

Er brachte mich des öfteren morgens um kurz vor acht zur Firma, wenn wir mal wieder die ganze Nacht durchgespielt hatten.

Und da er der Einzige war, der ein Auto hatte, holte er diesen Mensch gewordenen weiblichen Traum dann nach einigen Lächeln und Versprechungen abends von der Arbeit wieder ab. 

Was dann passierte weigerte ich mir auszumalen.

Ansonsten interessierten Christian und ich uns überwiegend dafür, möglichst ungestört in dem großen Keller dieses Bürohauses eine Ecke zu finden, wo wir ungestört unser Schläfchen machen konnten.

Hätte ich damals schon gewusst, dass Christian der Anfang einer sehr ungewöhnlichen Beziehung oder Erfahrung war, die ich später durch ihn oder besser gesagt durch die Firma seiner Familie erleben würde, hätte ich vielleicht einiges anders gemacht. 

Nach der Lehre schickte man mich nach Südamerika, die Alternative wären vier Jahre Bundeswehr gewesen und das wollte niemand in der Familie.

Christian landete auch irgendwo in Südamerika, aber wir haben uns dort kaum gesehen. 

Ich fing dort an das zu lernen, was ich später perfekt konnte, nämlich das Schmuggeln über sämtliche Grenzen Südamerikas hinweg – mit allen möglichen und unmöglichen Materialien.

Es gab viele Jahre lang keinen größeren und erfolgreicheren Schmuggler als den noch relativ jungen Thewes Henckell. 

Christian kehrte bald zurück nach Hamburg und schaffte es in kürzester Zeit, eine Riesenpleite  hinzulegen. Übertroffen wurde die nur durch die spätere Pleite seines Vaters. 

Zu dieser Zeit war es Mode, dass sowohl junge als auch ältere Menschen in Deutschland Jacken und Mäntel aus Lammfell-Artikeln trugen.

Von Lammfellmützen über Fellkragen, von Fellkragen  bis Fellschuhen und vor allem Leder- und Felljacken und Lammfell-Mäntel in jeder Art – es gab wohl kaum einen Kleiderschrank in Deutschland, in dem nicht solche Artikel aufbewahrt wurden. 

Christian kaufte mithilfe der Firma seines Vaters riesige Mengen von solchen Leder- und Felljacken in Uruguay und Argentinien. 

Er eröffnete in Hamburg-Altona einen Laden, der bald so groß wie C & A war und nannte ihn ziemlich plump Fellows – als Assoziation auf Fell und junge Leute.

Auf jeder zweiten Straßenbahn und in jedem Bus hinten klebten die Aufkleber „Follow me to Fellows“.

Ich fand das schon damals ziemlich unprofessionell, aber die eigentliche Katastrophe war das, was er in seinem Laden hatte.

Er muss wochenlang im Vollrausch in sämtlichen Kaschemmen und Puffs zwischen Montevideo und Buenos Aires Verträge über irgendwelche obskuren Mengen von Leder- und Lammfellbekleidung unterschrieben haben, denn was schließlich in Hamburg-Altona ankam und auf die Bügel gehängt wurde, war mit zwei Worten klar beschrieben: unvergesslich – unverkäuflich.

Es waren zu 95 Prozent alte Holländer.

Hinter diesem Begriff steckt folgende Erklärung: 

Es gibt viele tierische Produkte, woraus man gute, leichte und schöne Bekleidungs-Artikel machen kann, also Fell- Jacken oder Pelzmützen oder Pelzmäntel.

Es gibt aber einige wenige Tierarten, die haben von der Natur aus ein so dickes Fell, dass auch der beste Gerber und Kürschner daran verzweifelt.

Das sind zum Beispiel die Häute und Felle von Fohlen, von Seehunden, von Hunden und von alten dicken Schafen.

Wenn man aus diesem Material eine Jacke oder einen Mantel macht, so wird er in der Regel doppelt so schwer wie jeder andere Pelzmantel.

Und statt zwei oder drei Kilo auf den Schultern zu tragen, wie es normal ist, muss die arme Frau dann 6–8 Kilo schultern. 

Das können nur ganz wenige robuste Damen in Europa – und das wiederum sind meistens die überwiegend kräftig gebauten Holländerinnen. 

Wenn also irgendwo auf einer Pelzmesse ein Muster oder ein Modell war, was von vornherein doppelt so schwer war wie normal, dann hieß es in der Branche einfach nur: schon wieder ein schöner Holländer.

Ich glaube nicht, dass die Holländerinnen selber jemals mitbekommen haben, dass ihre meist stattliche Statur in unserer Branche als Verständigungs-Knüppel benutzt wurde. 

Zurück zu Christian – von den tausenden von Jacken und Mänteln, die nun verträumt in seinem riesigen Laden hingen, war der allergrößte Teil ausschließlich für Holländer geeignet. 

Die Stangen, an denen sich diese Konfektion präsentierte, bogen sich schon, wenn man genauer hinsah – und es dauerte, soweit ich mich erinnere, weniger als ein Jahr, dann waren sowohl Fellows als auch die Ware und  Christian selber verschwunden.

Ich habe ihn dann nie wieder gesehen. 

Aber die Firma seines Vaters, die stolze Firma Köhm & High, die gab es weiterhin.

Und als ich nach Jahren aus Südamerika zurück nach Hamburg kam und in unserer Familien-Firma anfing zu arbeiten, war Köhm und High nach wie vor die unbestrittene Nummer eins. 

Das sollte lange noch der Fall sein – bis ich die Bemerkung der Ungarn  an einem kalten Morgen im Hamburger Hafen mitgehört hatte.

Ehrlich gesagt,  gehört – aber noch lange nicht verstanden.

Kapitel 2

Scio me nihil scire

(Sokrates, lateinisch für Fortgeschrittene)

Zwischen dem Moment, in dem mich meine Familie aus dem wohlbehüteten Hamburger Lehrlings-Dasein in die südamerikanische Pampa geschickt hatte und dem Moment, in dem ich jetzt in Schuppen 51 im Hamburger Hafen die Besichtigung mit den Ungarn beendet hatte, lagen sieben Jahre. 

Ich muss irgendwo noch einfügen, dass ich nach Beendigung der Lehre als Woll-Kaufmann noch eine weitere kurze Lehre in einer großen Leder- und Pelz-Fell-Gerberei in Kassel durchgemacht hatte.

Diese Erfahrungen in einer Gerberei wurden für mich später wirklich wichtig – ich konnte mit einer gepflegten Halbbildung auf den verschiedensten Gebieten nicht nur deutsche Kunden oder südamerikanische Lieferanten, sondern später auch noch chinesische Fachleute davon überzeugen, dass das meiste, was ich so von mir gab, auf irgendwelchen  Grundlagen basierte, die ich mir soeben ausgedacht und dann im Brustton der Überzeugung in die Debatte eingefügt hatte – und von denen die anwesenden Fachleute zugeben mussten, dass sie davon bisher noch nichts gehört hatten. 

Diese Mischung aus Respekt und Erstaunen ob meines sehr speziellen Fachwissens genügte dann, um bei meinen verschiedenen Gesprächspartnern eine sachliche Debatte gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Jedenfalls hier hatte ich meistens das letzte Wort.

Das erste Jahr in Buenos Aires verlief geordnet.

Morgens Schlachthof, mittags Kinos – das war der preiswerteste Ort, um in der glühenden Mittagshitze irgendwo sein Mittagsschläfchen in angenehm gekühlter Luft durchzuführen – und  nachmittags Besuch bei den vielen argentinischen Pelz-Fell-Händlern, die aus ganz Südamerika ihre Ware nach Buenos Aires schmuggelten, um sie von dort aus nach Europa und Nordamerika zu verkaufen.

Im zweiten Jahr fing ich an, die Nachbarländer Uruguay, Brasilien und Chile zu besuchen.

Ich lernte schnell und viel, fand überwiegend nette Leute und fing an, dort die einheimischen Spezialitäten zu kaufen. In Uruguay und Brasilien waren dies neben den klassischen Lammfellen auch teilweise recht exotische Artikel. 

Darunter waren dann Gürteltier-Körper-Schalen für exotische Musikinstrumente, Blumentopf-Unterleger, filigran zusammengenäht aus kleinsten bunten Rindsleder-Stückchen, Anaconda-Schlangen – Häute für Hamburger Sado-Mado-Studios sowie  Pferdeschweifhaare von patagonischen Pampa-Ponies, bestens geeignet für kostbare Geigensaiten Schweizer Philharmoniker.

Ich reiste regelmäßig ganz runter nach Feuerland und kannte dort bald jeden Bauernhof.

In Feuerland kaufte ich so ziemlich alles, was es an diesem äußersten Punkt der Welt zu kaufen gab, Wolle, Felle, Pelze von Biber, Nutria und Seehunden – praktisch alles was es gab. 

Um in jener Zeit runter nach Feuerland  zu gelangen, musste man immer über Santiago, der Hauptstadt von Chile, reisen. 

Ich brachte bei gelegentlichen Besuchen in Hamburg meistens das eine oder andere kleine Souvenir mit.

Aus Santiago habe ich mein größtes Souvenir mit nach Hamburg gebracht – die schönste Frau Südamerikas, geborene Inka-Prinzessin und die wohl letzte ihres Stammes, die auf die gepflegten Versprechungen junger Hamburger Reisender reinfiel. 

Die nächsten Jahre schmuggelte ich alles was vier Beine, ein schönes Fell und auf dem Weltmarkt eine gewisse Begehrlichkeit hatte – von den Urwäldern des mittleren und oberen Amazonas  direkt ins Herz von Mittel-Europa. 

Von meiner Mutter habe ich offensichtlich eine recht ausgeprägte Fantasie mit in die Wiege gelegt bekommen.

Ich konnte sie erfolgreich anwenden, indem ich jedes Jahr einige neue Tierarten erfand. 

Es gab in Europa inzwischen eine immer größer werdende Liste von Produkten, die entweder nur mit speziellen Zertifikaten oder überhaupt nicht mehr nach Deutschland und die umliegenden Länder geliefert werden durften. 

Jede Sendung aus Südamerika musste eine genaue Rechnung und andere Dokumente haben, in denen exakt aufgeschrieben sein sollte, um was es sich bei dieser Lieferung handelt.

Wenn jetzt zum Beispiel brasilianische Langschwanzkatzen aus dem mittleren Amazonas verboten waren, so handelte es sich bei meinen Sendungen dann eben um die soeben erfundene  und sehr seltene Rasse der Kurzschwanz – Katzen.

Den Brasilianern war es völlig egal, was sie in die Papiere schrieben, Hauptsache der Umschlag, den sie erhielten, war einigermaßen gut gefüllt.

Und in Deutschland waren diese neuen Rassen nicht auf der verbotenen Liste.

Und somit konnten wir sie problemlos importieren. 

Beim deutschen Zoll wurde ich allmählich als Spezialist für exotische Angelegenheiten bekannt. 

Im Hamburger Zoo, dem bekannten Hagenbeck, war ich nach einigen Jahren der Experte für sehr ausgefallene Artikel – der ideale, ziemlich alles wissende Sachverständige.

Das lief dann meistens so ab:

Ich schickte etwas aus Südamerika nach Hamburg. 

Der Hamburger Zoll konnte mit der Beschreibung der Ware nichts anfangen, weil es diese Artikel nicht in ihren schlauen Büchern gab. Man fragte also zur Sicherheit bei Hagenbeck nach.

Hagenbeck wusste auch nicht so richtig  Bescheid und nahm dann Kontakt bei seinem Experten für Südamerikanische Pelzfelle auf.

Ich fuhr dann zusammen mit einem Mitarbeiter von Hagenbeck – inzwischen einer meiner guten Freunde – zum Zoll und begutachtete  intensiv meine dortige eigene Sendung.

Wenn ich die Ware dann schließlich als unbedenklich deklarierte und somit freigab, waren alle froh, wieder einen komplizierten Fall gelöst zu haben. 

Egal, ob ich später aus Afrika dunkel-gestreifte Hochland-Zebras erfand, oder die bekannten Dickschwanz-Wüsten-Schafe, die als einzige in Botswana oder Namibia bei glühender Hitze immer noch ihr schönes dickes Wollkleid trugen, um dann über Südafrika nach Europa zu gelangen – der Mensch freut sich, wenn er helfen kann. 

Einige Jahre später durfte ich dann in China die Reihe der dortigen Pelztiere um etliche Arten erweitern. 

Die Tiere selber landeten sowieso scharf gewürzt in heimischen Kochtöpfen in der Mongolei und Mandschurei – dann konnten die Felle und Pelze dieser kleinen und größeren Delikatessen ruhig auf dem Rücken von Brigitte Bardot oder Gina Lollobrigida glänzen und funkeln – was diese Damen trugen, war dann für die nächsten 2 Jahre die große und sehr teure Mode.

Und ich war in der Lage, die von mir geschaffene Nachfrage mit dem entsprechenden eigenen Angebot zu befriedigen.

Diese Fähigkeit, das Tierreich mit viel Liebe und Geduld gelegentlich etwas zu erweitern hat mir Freude gemacht, meinen Kunden manchmal den dringend benötigten Nachschub ermöglicht und das allgemeine Aussterben einiger bis dahin unbekannter Arten ein bisschen verzögert. 

Zusammengefasst – es waren viele Leute froh, jederzeit auf mein ausgeprägtes Fachwissen zurückgreifen zu können.

Irgendwann geht alles zu Ende.

Bei mir wurde diese burleske Episode meines beruflichen Werdeganges damit beendet, dass meine Kinder kurz und knapp erklärten, sie selber würden niemals solche Pelze kaufen und tragen und alle ihre Freunde auch nicht. 

Wir entschieden uns dann in der Firma, ausnahmsweise auf die Meinung junger Leute zu hören und beschlossen, uns ab sofort nur noch mit dem Handel und der Fabrikation von Produkten aus dem Bauernhof zu beschäftigen. 

Und so fing ich an, in Deutschland und Europa herumzureisen und den noch übrig gebliebenen Händlern, Fabrikanten und Gerbereien schöne, dicke, dumme Schaffelle zu verkaufen. 

Die gab’s auf der ganzen Welt und sie hatten das Image einer Nähmaschine.

Sie laufen und laufen und laufen. 

Volkswagen hat daraus eine erfolgreiche Werbekampagne gemacht, ich selber eine ebenfalls recht unterhaltsame Verkaufs-Strategie. 

Jedes Mal, wenn VW eine Doppelseite in allen deutschen Tageszeitungen mit seinen biederen Golfs buchte und bezahlte mit dem Motto „Er läuft und läuft und läuft…“ schickte ich einen kleinen Marktbericht an unsere Kundschaft. 

Beides wurde gelesen, meine Berichte waren interessanter. 

Im Stil, nicht im Inhalt.

Das ganze ging gut und lief und lief und lief – bis ich an einem Montagmorgen im Hamburger Hafen in der Kälte des alten Schuppens 51 den Kommentar der Ungarn hörte.

Kapitel 3

Dampf  ablassen

Der Schuldige war schnell gefunden. Er hieß James Watt.

Er lebte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in einem kleinen Ort in England.

Schuldig wurde er, weil durch ihn in kurzer Zeit eine sehr große Anzahl von Menschen ihre Arbeit verloren und vor dem Nichts standen.

Im Nachhinein sollte man besser nicht von Schuld sprechen, sondern davon, dass die meisten Dinge einfach geschehen. 

Das nennt man dann das Prinzip von Ursache und Wirkung.

Doch zurück zu unserem James.

Er hatte, wie die meisten Männer, zwei Lieblings-Orte.

Der eine war sein Ohrensessel und der andere Ort die Küche. 

Wie die allermeisten Männer dieser Welt pendelte er mit Vorliebe zwischen diesen beiden Orten hin und her. 

In der Küche zelebrierte er seine beiden Lieblingsspeisen – heißen Tee und harte Eier.

Sobald diese fertig waren, balancierte er alles auf einem kleinen Tablett zu seinem Lehnstuhl und genoss dieses üppige Mahl. 

Er war – ebenfalls wie die allermeisten Männer dieser Welt – ungeduldig, sobald er in der Küche war. Die Ungeduld fing bei ihm an, sobald er das Wasser für seinen Tee und die harten Eier aufgesetzt hatte.

In zwei kleinen Kochtöpfen erhitzte er das Wasser und bedeckte beide Töpfe mit jeweils einem großen Deckel.

Als untrügliches Zeichen, dass das Wasser jetzt wirklich heiß war, fingen die Kochdeckel zum Schluss an zu klappern. 

Erst ein wenig, dann immer stärker.

Gleichzeitig entwich bei jedem Klappern ein bisschen zischender  weißer Dampf aus einem Spalt zwischen Kochtopf und Deckel. Eine normale Reaktion, wie wir heute wissen – Wasser verdampft, sobald es um die 100 Grad erreicht hat.

Irgendwann ging dieses Klappern dem guten James auf die Nerven.

Er versuchte das Klappern abzustellen, indem er irgendwelche Sachen auf den Kochtopfdeckel legte.

Der Erfolg war gering – er konnte beobachten, dass nach einem kurzen Moment der Deckel mitsamt allem, was er darauf gestellt hatte, in die Luft flog und die Küche sich in eine einzige große Dampfwolke verwandelte.

James war nicht dumm, er war handwerklich begabt, hatte in seinem Beruf Erfolg und überlegte jetzt, was er mit diesem Dampf, der beim Kochen des Wassers entstand, was er also mit diesem Dampf noch machen könnte. 

Er baute sich eine einfache Vorrichtung – heute würde man sagen kleine Ventile, um diesen Dampf etwas zu kanalisieren und auszunutzen.

Er begriff, wie das ganze zusammenhing: 

Der Dampf, der aus dem kochenden Wasser entstand, drückte den Deckel über dem Topf etwas nach oben. In diesem Moment konnte der Dampf aus dem Kessel entweichen und nachdem diese Dampfwolke dann aus dem Topf entwichen war, fiel der Deckel wieder zurück auf den Kochtopf – es war jetzt kein Druck mehr im Kochtopf vorhanden. 

Das ganze wiederholte sich permanent, solange das Wasser auf dem Feuer erhitzt wurde. 

Nachdem James dies alles begriffen und studiert hatte, war es nur noch ein kurzer Weg bis er aus dieser Erkenntnis heraus eine eigene kleine, einfache aber erfolgreiche Maschine entwickelte – es war die Geburtsstunde der Dampfmaschine.

Das System wurde schnell in England bekannt und weiterentwickelt.

Die Eisenbahnen wurden nach dem gleichen Prinzip gebaut. 

Ein großer Kessel, eine große Heizung vor dem Kessel, einige Ventile, die den Dampf ablassen und dabei dann mit großer Kraft in einem System aus verschiedenen Stangen und Rädern die Lokomotive in Bewegung brachten. 

Die Erfindung von James Wort gilt heute als Ursprung der sogenannten industriellen Revolution.

Kapitel 4

Gloria Britannia – reich durch Dösen

England war zu jener Zeit das Zentrum der europäischen Textilherstellung. 

Auf den sehr großen und sehr saftigen Weiden in Mittelengland gab es unendlich viel Schafe. Es gab Rassen mit sehr feiner langer Wolle und es gab Rassen mit grober und offener Wolle. 

Ein oder zweimal im Jahr wurden die Schafe geschoren.

Geschickte Schafscherer schafften es, die gesamte Wolle eines Schafes in einem Stück aus Rücken und Seiten des Tieres herunter zu scheren. 

Dieses große Stück Wolle nennt man das Vlies.

Die Wolle musste dann lange gewaschen werden, dabei verlor die Wolle über die Hälfte ihres Gewichts.

Dann wurde sie gesponnen.

Jeder kennt Bilder dieser alten Spinnräder, die in jedem Haus zu finden waren. So wurde aus den gewaschenen Woll-Vliesen durch das Spinnen über das Spinnrad ein Garn – und Garne konnte man sehr gut weiter verarbeiten.

Es gab je nach Qualität der Wolle feine und gröbere Spinnfäden.

Die feinsten und dünnsten Garne wurden dann mit der Hand viele Mal gekämmt, so ungefähr wie heute junge Mädchen die langen blonden Haare so lange kämmen, bis die Haare wunderschön glänzend, seidig und geschmeidig vom Kopf auf die Schultern fallen. 

Diese vielfach gekämmten Garne wurden dann gewebt. Das Tuch und der Stoff, den man daraus webte, nennt man noch heute Kammgarn.

Es ist das edelste und teuerste aller Wollprodukte – Ein Anzug oder Kostüm aus reinem Kammgarn ist Beweis von bester Qualität, von Luxus und gutem Geschmack. 

Aus der gröberen Wolle wurden ebenfalls Garne gesponnen und zu typisch englischen Stoffen gewebt, die noch heute unter dem Namen Tweed auf der ganzen Welt getragen werden. 

Es gab in diesem Prozess der Textilherstellung zwei Arbeitsvorgänge, die eine große, handwerkliche Geschicklichkeit erforderten und die nur so schnell gemacht werden konnten, wie der Mann oder die Frau mit ihren Händen arbeiten konnten. 

Zum einen die Arbeit am Spinnrad – also das Spinnen von Wolle zu Faden und Garn. 

Und danach dann das Arbeiten am Webstuhl – also das Verarbeiten der Fäden und Garne zu Stoffen. 

Jeder hat irgendwo schon Bilder gesehen, wo Menschen vor einem Webstuhl sitzen und mit der Hand ein Schiffchen zwischen den Fäden des Webstuhls hindurch schieben. 

Bei Teppicharbeiten ist es heute noch genauso wie vor hunderten von Jahren. 

Aber diese beiden Arbeitsvorgänge – also das Spinnen und das Weben – waren im Grunde genommen einfache Arbeiten.

Und nachdem die Menschen in England gesehen hatten, wie schnell und genau eine Dampfmaschine von James Wort zum Beispiel die großen Eisenbahnen antrieb – da war es nicht weit, bis die ersten anfingen, diese schnelle und genaue Mechanik für ihre Spinnräder und Webstühle zu benutzen. 

Nach wenigen Jahren gab es tausende von mechanischen – also mit Dampfmaschinen betriebene Spinnräder und Webstühle in England.

Und nach wenigen Jahren  passierte die Katastrophe, mit der niemand gerechnet hatte.

Die Verarbeitung und Fabrikation war so schnell und so groß geworden, dass man die gesamte Wolle der Ernte eines Jahres bereits innerhalb von wenigen Wochen zu fertigen Stoffen verarbeitet hatte.

Und dann musste man die schönen neuen Maschinen abstellen, denn es gab schlichtweg keine Wolle mehr.

Diese ganze Entwicklung, von der Erfindung der ersten Dampfmaschine bis zu dem Moment, wo man feststellte, dass man nicht mehr genügend Wolle hatte, das ganze dauerte nur wenige Jahrzehnte. 

Doch die Engländer sind bekannt als Volk, das sich jeder Herausforderung stellt.

Man hatte inzwischen einen großen Teil der Welt für die britische Krone erobert und ein riesiges Empire errichtet. 

Für die Bauern in Mittel-England war es eine einfache und logische Überlegung: 

Sie mussten einfach nur irgendwo in der Welt Orte finden, wo sie ihre Schafe in noch größeren Mengen züchten konnten. 

Der Absatz war praktisch von Anfang an gesichert – die heimische Textilindustrie in England würde mit Kusshand jede gelieferte Menge Wolle aufkaufen und gut bezahlen. 

Nach kurzer Zeit war klar, wo in Zukunft diese riesigen Schafherden weiden würden. 

Es gab klimatisch auf der Welt nur eine Gegend, die hier in Frage kommen würde. 

Es war dies der berühmte 30. südliche Breitengrad. 

Wenn man sich auf der Weltkarte diesen 30. Breitengrad einmal anschaut, so sieht man, dass er auf der südlichen Halbkugel durch 3 Kontinente verläuft – durch Südamerika, über Südafrika bis hin nach Australien und Neuseeland. 

Genauer gesagt, ziemlich genau durch die Mitte von Argentinien und dem benachbarten Uruguay.

Dann über den Südatlantik – um dann quer durch die Mitte der Republik Südafrika zu ziehen.

Schließlich weiter über den südlichen Pazifik – und der 30. südliche Breitengrad läuft  über den südlichen Teil Australiens, um dann in Neuseeland zu enden, bevor er seine Rundreise um die Welt wieder in Argentinien neu beginnt. 

Genau auf dieser Linie gab es die optimalen Bedingungen für eine weltweit neue und riesige Schafzucht. 

Und es war mehr oder weniger alles bereits in britischer Hand. 

Also nur noch das neue Weide-Land dort irgendwie markieren, Bauernhäuser errichten und Tiere hinbringen – die Welt hatte, ohne dass es groß zur Kenntnis genommen wurde, innerhalb weniger Jahrzehnte eine komplett neue Textil-Versorgung erhalten. 

Und alles very British. 

Das Ganze funktionierte schnell, effizient und reibungslos.

Die Farmer hatten auch schnell herausbekommen, dass eine Ausdehnung ihrer Schafzucht auf weiter angrenzende Länder nicht möglich war.

Der Grund war schlichtweg das Klima.

Im Norden Argentinien wird es schon sehr heiß und weiter nördlich in Paraguay oder Brasilien ist es dann schon tropisch – und das mögen die Schafe gar nicht. 

In Südafrika das gleiche. Die nördlichen Nachbarländer wie zum Beispiel Namibia oder Botswana oder Mosambik sind ebenfalls schon viel zu heiß.

In Australien waren es ebenfalls die tropischen Gebiete in Nordaustralien, die für die Schafzucht völlig ungeeignet waren.

Und in Neuseeland gab es überhaupt kein tropisch warmes Gebiet.

Insofern konnten die Farmer in Argentinien, Südafrika, Australien und Neuseeland ruhig schlafen – Konkurrenz gab es nicht. 

Die Schafzucht ist an sich eine Art geschlossenes System.

Die Lämmer werden geboren. Ein Teil davon wird in den ersten Monaten geschlachtet und das Fleisch von diesen jungen Lämmern ist auf der ganzen Welt begehrt.

Wenn sie nach knapp einem Jahr geschlechtsreif werden, wird ein großer Teil der männlichen Schafe kastriert, es sind dann die Hammel und auch für Hammelfleisch gibt es in bestimmten Gegenden der Welt eine gute und große Nachfrage.

Die weiblichen Tiere bleiben dann meistens sieben Jahre im Freien auf der Weide und werden ein oder zweimal im Jahr geschoren.

Nach der zweiten oder dritten Schur hat der Farmer so viel Geld mit der Wolle verdient, dass ihn das Schicksal der älteren Damen auf der Weide nicht mehr weiter interessiert. 

Nach sechs oder sieben Jahren werden die Tiere dann in großen Herden zum Schlachthof geführt und die Preise, die man dann dort für das Fleisch, die Därme, die restliche Wolle und das Fell bekam, spielten an sich keine große Rolle mehr für die Schafzüchter. 

Sie verkauften ihre alten Schafe zu irgendeinem vorher festgelegten Preis pro Kopf.

Wenn irgendein Farmer als Beispiel 4000 Schafe an einen Schlachtplatz lieferte, wurde vom Schlachthof gesagt, dass man diese Herde zum Stück von – als Beispiel – fünf Dollar pro Kopf aufkauft und dann konnte der Schlachthof mit den Tieren machen was er wollte, also die einzelnen Teile entsprechend verwerten. 

Die Verwertung ergab meistens, dass man ein Drittel für das Fleisch, ein Drittel für die Därme (sehr begehrt für bayerische Wurstfabriken) und ein Drittel für das Fell bekam. 

Diese Felle der alten Schafe waren minderwertig im Vergleich zu den Fellen der allermeisten anderen Tiere. 

Die Schafe waren extrem auf Wolle gezüchtet und lagen von den sieben Jahren, die sie draußen an der frischen Luft waren, mehr oder weniger sechs Jahre oder länger auf dem Gras und dösten und schliefen. 

Entsprechend war auch das Leder – was den Körper eines Tieres an sich schützen soll – unter den riesigen Wollmassen ziemlich degeneriert. 

Man kann sich das mit zwei Beispielen klarmachen: 

Eine Ziege oder eine Antilope, die irgendwo in kargen, bergigen und sandigen Gebiet lebt, muss ihr Leben lang in Bewegung sein.

Das Tier muss laufen und springen um Nahrung zu finden. Manchmal auch, um so schnell wie möglich vor Feinden zu fliehen. 

Dabei wird ihre Haut täglich extrem bewegt – wenn sich ein Tier bewegt, bewegt sich die gesamte Haut mit.

Wenn so eine Ziege dann geschlachtet wird, ist die Haut sehr dünn, sehr elastisch und geschmeidig und der Mensch kann daraus dann später Ziegenlederjacken oder feine Damenschuhe machen, die von erstklassiger Qualität sind, leicht und angenehm zu tragen. 

Das Leder eine Wollschafes, welches 90 Prozent seines Lebens irgendwo auf der Weide gedöst hat, ist dick und fettig, die Haut-Muskeln sind erschlafft und man kann nicht mehr viel mit so einem Fell machen. 

Ein guter Gerber kann vielleicht noch ein bisschen Beweglichkeit aus dem Leder herausarbeiten – aber zu mehr als Schuhfutter in dicken Militärstiefeln oder ziemlich plumpen und schweren Fellmänteln und Umhängen für Trapper und Soldaten – zu mehr reicht es meistens nicht.

Es gab jedoch einen Verwendungszweck, der vor ca. 50 Jahren mehr oder weniger erfunden wurde und der eine gewisse Zeit lang ein Riesenerfolg war. 

Diese alten, dicken und unförmigen Felle wurden zu Lammfell-Autositzbezügen verarbeitet. 

Dann lagen sie als Sitzbezug auf den Autositzen und Fahrer und Beifahrer freuten sich, wenn sie auf so natürliche Weise einen angenehm warmen Rücken während der Fahrt hatten. 

Andere Lammfelle, deren Wolle noch relativ lang war, landeten als Babyfelle in Kinderwagen und Baby-Säcken – ein guter Verwendungszweck, der gesund und sinnvoll war. 

Felle mit ganz langer Wolle wurden schließlich so gegerbt, dass sie auf den Fußboden des Hauses gelegt werden konnten, sehr zum Vergnügen von darauf herumtollenden Hunden, Katzen und Verliebten.

Ich selber bin relativ schnell auf die Idee gekommen, diese Lammfelle aus Südamerika, Südafrika und Australien für Autositzbezüge zu verwenden. 

Ich war im Laufe meines Leben über 150 Mal in Südamerika, daneben unzählige Male in Australien und Südafrika und ich habe dort auf den Schlachthöfen und auch bei den jeweils lokalen Händlern diese Schaf- und Lammfelle gekauft, um sie dann in Europa zu verkaufen. 

Das war noch ein Teil des klassischen Import-Geschäftes.

Man kaufte eine Rohware und verkaufte sie an Fabriken, die daraus irgendein Produkt machten. 

Die größten Fabriken – und hier spricht man besser von Gerbereien, denn es sind die Gerber, die aus stinkenden Rohfellen am Ende schöne Lammfelle machen – von diesen Gerbereien gab es nur noch wenige in Deutschland. 

Aber es gab noch sehr viele und sehr große Gerbereien im seinerzeitigen Osteuropa – also in der seinerzeitigen Tschechoslowakei, in Jugoslawien, sowie in Ungarn, Polen und Russland.

Da ich durch meine Ausbildung in der Wolle und gleichzeitig in der Gerberei eine recht gute Kenntnis vom gesamten Ablauf und Prozess hatte, besuchte ich die nächsten 10 Jahre lang alle europäischen Gerbereien, um ihnen diese Schaf- und Lammfelle aus den Ländern des 30. Breitengrades zu verkaufen.

Einer unserer besten und treuesten Kunden dabei waren die Ungarn. 

Und damit sind wir wieder bei der Delegation an jenem kalten Montagmorgen, als ich den Ungarn im Schuppen 51 des Hamburger Hafens mehrere Partien australischer und südafrikanischer Schaffelle präsentierte, die einige Monate zuvor per Vertrag an die Ungarn verkauft worden waren und wo jetzt die Käufer aus Ungarn die Qualität besichtigten. 

Die Ware, die ich präsentierte, war in Ordnung. 

Der Kommentar, den ich zum Schluss von den Ungarn hörte, war es nicht.

Kapitel 5

Pökeln – das unbekannte Wort

„Nein, nicht schon wieder“ 

Die drei Matrosen schrieen diesen Satz praktisch gleichzeitig, als sie vom Kapitän den Befehl erhielten, wieder ein neues Fass aus dem Lagerraum ganz unten aus ihrem großen Segelschiff hoch an Deck zu holen.

Aber sie mussten dem Befehl gehorchen, sonst würde man sie an einem armdicken Tau einmal unter ihrer Galeere hindurchziehen – und dabei war schon so mancher elendig ertrunken. 

Der Grund ihres Protestes war der Inhalt des Fasses, welches jetzt wenige Augenblicke später in der Mitte des Achterdecks stand und dessen Deckel mit einer dicken Eisenstange aufgemacht wurde.

Kaum war der wuchtige Holzdeckel entfernt, stieg ein ganz übler Geruch aus dem Fass – es war bis oben hin gefüllt mit Fleischstückchen, die in einer dicken braunen Flüssigkeit lagerten. 

So oder ähnlich muss es sich auf hunderten von Segelschiffen im Mittelalter zugetragen haben.

Diese Segelschiffe der Spanier, Portugiesen und Engländer waren inzwischen in der Lage, über alle großen Meere zu segeln. 

Nur die Verpflegung war das ewige Problem. 

Anfangs hatte man Hühner, Schweine und sonstige Tiere an Bord. Aber sie benötigten mehr Futter, als sie selber gaben, wenn sie dann geschlachtet wurden.

Und vor allem soffen sie der Mannschaft große Teile des kostbaren Trinkwassers weg, was alle Schiffe als kostbarstes Gut auf jeder Reise mit sich führen mussten.

Die Lösung war recht einfach – es wurde gepökelt.

Pökeln ist selbst als Wort heute kaum noch bekannt. Dabei haben die Menschen seit tausenden von Jahren auf diese Art und Weise einen Teil ihrer Ernährung über lange Zeiten konserviert.

Die Babylonier, die Sumerer und fast alle Römer kannten bereits diese Form der Lebensmittelaufbewahrung. 

Ursprünglich wurde das rohe Fleisch oder der rohe Fisch mit viel Salz eingestrichen und dann in Fässer gelegt. Etwas Wasser darauf und das Fass zugemacht – fertig war der Eisschrank des Mittelalters.

Die Römer veredelten bereits diese gepökelten Fleischstückchen in den Fässern auf angenehme Art mit Knoblauch, Koriander, Pfeffer, Lorbeer und Wacholder.

Ohne dass man es früher genau wusste, hatte man das Geheimnis entdeckt, wie man Eiweiß konservieren konnte – denn alles Fleisch, egal von welchem Tier, besteht fast ausschließlich aus Eiweiß.

Die Chinesen hatten das System dann noch verfeinert.

Bekanntlich wird in China bis heute fast alles, was in eine Küche gelang, erst einmal in kleine und kleinste Stückchen zerschnitten und zerkleinert.

Und genauso war es früher – alles nach dem Zerkleinern gekocht oder gebraten und schließlich in meterlange tierische Därme gefüllt.

Egal ob Schwein oder Rind oder andere Tiere, jedes Säugetier hat einen Darm. Dieser wird gut gereinigt und gefüllt mit Fleisch, Gewürzen und dann in Salz gelegt. So wurde monatelang konserviert.

Das war auch in China der Eisschrank vor tausenden von Jahren. 

Dieser kleine Exkurs über Pökeln, Eiweiß und Konservierung war leider notwendig für das Folgende in diesem Kapitel – zu dem wir jetzt ganz entspannt zurückkehren.

Kapitel 6

Die Lotterie

Von all dem hatte ich überhaupt keine Ahnung, als ich aus Südamerika zurückgekehrt war und anfing, die europäischen Gerbereien und Großhändler zu besuchen, um ihnen Lammfelle und Schaffelle aus Südamerika, Südafrika und Australien anzubieten und zu verkaufen.

Die Herstellung von Produkten aus Fellen, Pelz und Leder war seit Jahrhunderten unverändert. Die Tiere wurden geschlachtet, das Fell wurde ihnen abgezogen – bei den Hasen sagte man, es wird ihnen das Fell über die Ohren gezogen – und dann wurde es getrocknet. 

Getrocknet wurden diese Leder genauso wie die Wäsche des Hauses – also auf der Wäscheleine im Garten. 

Oder die Lammfelle wurden auf den Boden gelegt, um dort langsam zu trocknen. Hauptsache, man konnte so ein Schaf oder Lammfell von beiden Seiten – Wollseite und Fleischseite – ansehen, um die Qualität zu beurteilen. 

Das ganze war für mich inzwischen Routine und ich konnte mit einem Griff in die Wolle feststellen, ob die Wollfaser die nötige Länge und Feinheit hat.

Dann sollte man das Fell umdrehen und auf der anderen Seite nachsehen, ob es irgendwelche Löcher oder Beschädigungen auf der Lederseite gibt – für mich tagtägliche Arbeit, ich war Fachmann geworden. 

Bei den letzten Besuchen großer Kunden in Jugoslawien und Ungarn war es aber mit der Freundlichkeit vorbei. 

Ich wurde erst durch die Blume und dann ziemlich direkt gefragt, ob wir als Firma inzwischen auch zur Hamburger Mafia gehörten.

An sich war ich, trotz meiner etwas außergewöhnlichen bisherigen Berufserfahrung als solider Schmuggler, immer noch stolz, mich zur alten Kaste der Hamburger Pfeffersäcke gehörig zu fühlen.

Die Anschuldigungen, erst verdeckt und dann immer offener, dass die Hamburger Leder- und Häute-Händler dabei waren, ihren seit Generationen erarbeitete guten Ruf zu verspielen, diese Anschuldigungen merkte ich natürlich und sie trafen mich.

Ich wusste bloß nicht, was es genau damit zu tun hatte, denn wenn ich mal irgendwo nachfragte, bekam ich keine konkrete Antwort. 

Erst bei einem  Besuch eines unserer ältesten und treuesten Kunden erfuhr ich dann, um was es sich eigentlich bei dieser ganzen Sache handelte.

Man führte mich in das große Rohwarenlager dieser Gerberei, wo Hunderte von Fell-Ballen lagerten, die ich sofort als australische und südamerikanische Ware erkannte.

Dann war aber eine ganze Wand dieses Rohwarenlagers voll gestapelt mit Holzpaletten, auf denen sich etwas befand, was ich vorher noch nicht gesehen hatte. 

Auf jeder dieser Paletten lag, ca. ein bis eineinhalb Meter hoch, eine große undefinierbare Menge von Lammfellen, die auf der einen Seite Wolle hatten und auf der anderen Seite, dort wo normalerweise das trockene Leder zu sehen war, quoll eine Flüssigkeit raus, weiß und gleichzeitig sehr dreckig. 

Dieser Besuch war im Spätsommer und je näher man an diese Palettenwand kam, desto stärker wurde der Gestank. 

Der Chef des Betriebes, mit dem ich diese Besichtigung machte, sagte seinem Lagerchef, er solle mal einige dieser Paletten mit dem Gabelstapler runter holen und vor uns hinstellen.

Dann stand ich vor so einer Palette.

Ich  sah zum ersten Mal einen großen Haufen von Schaf und Lammfellen, die nass und glitschig auf den Paletten gestapelt waren und irgendwie still vor sich hin gammelten. 

Der Direktor nahm die obersten Felle von dem Haufen herunter und drehte sie um.

Auf der einen Seite war normale Wolle, aber alles verklebt mit einer Salzschicht und kleinen und größeren Salzstückchen.

Auf der Lederseite, wo man normalerweise erkennen konnte, ob diese Ware gesund und frisch ist, da war nur eine dunkelrote oder dunkelbraune Masse von Fleisch, über die sich eine dicke verkrustete Salzschicht gebildet hatte.

In einem guten Restaurant würde man das als „Weidelamm an Salzkruste“ auf die Karte setzen und sicher hervorragend verkaufen.

Und dann erfuhr ich die ganze Geschichte: 

Unser Mitbewerber und gleichzeitig größter Konkurrent in Hamburg, die Firma Köhm und High, hatte bereits vor einem Jahr angefangen, solche Ware überall in Europa anzubieten und zu verkaufen.

Es waren normale Schaf- und Lammfelle aus Australien, die praktisch zum halben Preis angeboten wurden – und alle kauften sie wie wild. 

Jede Gerberei in Europa hatte das gleiche Problem mit der Kalkulation. 

Ein Lammfell, das man später als Dekoration auf den Fußboden oder auf das Bett gelegt hat, kostete als Beispiel 20 DM.

Davon waren zehn D-Mark der Preis für die Rohware und zehn D-Mark der Preis für das Gerben. 

Felle, Pelze und Leder gerben können die Menschen seit Tausenden von Jahren.

Aber das Gerben ist eines der wenigen Berufe, in dem kaum Maschinen eingesetzt werden können. 

Es war, ist und wird immer gute und fast ausschließlich reine Handarbeit bleiben. 

Vom Rinds-Ledergerber bis hin zum Schuster, der, egal ob für die Schuhreparatur oder die Maßanfertigung exklusiver Lederschuhe, auch heute noch alles mit der Hand machen muss.

Es gab in Südamerika und auch schon in Südafrika Gerbereien, wo der Arbeitslohn wesentlich billiger ist als in Europa – entsprechend war die Kalkulation aller europäischen Fabriken immer knapper geworden. Lediglich ihre gute Qualität schützte diese europäischen Betriebe noch etwas.

Als aber jetzt die Hamburger Firma Köhm und High, auf einmal, die gleiche Rohware zum halben Preis anbot und garantierte, das es sich um die gleiche australische Ware handelt, die man bis vor kurzem noch in anderer Form – also getrocknet und gepresst in Ballen – geliefert hatte, als also garantiert wurde, dass die Qualität genau gleich sei – da griffen alle in Europa zu und die Hamburger Firma Köhm und High hatte von heute auf morgen das Monopol in dieser neuen Ware. 

Natürlich musste es bei so einer Sache auch einen Pferdefuß geben. Und der kam dann nach einigen Monaten ans Tageslicht: Die Lieferungen waren extrem unterschiedlich in der Qualität.

Es war wie ein Lotteriespiel.

Der Versand und Transport dieser Ware war immer der gleiche. Es wurden immer 100 rohe gesalzene Lammfelle auf eine Holzpalette gelegt und dann 20 Paletten in einem Container verstaut.

Der Container kam in Hamburg an und wurde per Lkw direkt zu den Gerbereien irgendwo in Europa gebracht.

Von zehn Containern, die eine Gerberei dann erhielt und auspackte, waren als Beispiel sechs einwandfrei und bei den restlichen vier Containern stank die Ware bereits so, dass man sie im Grunde genommen gleich wegschmeißen musste.

Jeder Protest der Kunden bei Firma Köhm und High half aber nichts, denn man sagte dort, dass jeder Kunde die Möglichkeit gehabt hätte, die Ware vorher in Hamburg im Hafen zu besichtigen.

So wie ich im Schuppen 51 im Hamburger Hafen zusammen mit den Ungarn die Ware gemeinsam besichtigte. 

Eine solche Besichtigung aber lehnten alle Kunden ab, denn anders als bei einer normalen Ware, die an der Luft getrocknet war und wo man jede Feinheit der Wolle und jede Beschädigung des Leders sofort sehen konnte, war es hier ein einziger Haufen von nassen, dreckigen und blutigen Fellen, vermischt mit ganz viel Salz in der Wolle und auf dem Leder – niemand auf der Welt war in der Lage zu beurteilen, ob diese Lieferung im Laufe des Gerbprozesses sich als korrekt oder als Totalschaden herausstellen würde. 

Und weil auf der anderen Seite nun niemand in Hamburg diese Ware besichtigte, verloren die Gerbereien ihre Garantie und mussten auch jeden vergammelten Container bezahlen. 

Manchmal hatten die Gerbereien Glück, dann waren von zehn Containern nur zwei Totalverlust und die andern acht in Ordnung. Und wenn man für die ganze Ware den halben Preis bezahlte, war es trotzdem noch ein gutes Geschäft. 

Manchmal war es auch umgekehrt und dann hatten die Kunden mit solch einer  Lieferung einen Riesenverlust.

Das also war es: ein reines  Lotteriespiel – und ich verstand jetzt, was der Chef der Ungarn an jenem Morgen im Hamburger Schuppen 51 mir sagen wollte. 

Kapitel 7

Schiff ahoi

Beim nächsten Besuch in Ungarn schüttete der Direktor mir dann sein Herz aus – sie hatten im letzten halben Jahr mehrfach bei unserem Hamburger Mitbewerber sehr große Mengen solcher gesalzenen Australien-Waren gekauft. 

Es gab viele gute und wohl noch mehr viele schlechte Container – man hatte aber diese Art des Lotterie-Spielens ganz gründlich satt. 

Man bat mich, alles zu unternehmen, um Seriosität, Ruhe und den alten Begriff „von Treu und Glauben“ im traditionellen Handel wieder zu beleben. 

Ich konnte nichts versprechen – ich musste einfach versuchen, hinter die ganze Geschichte zu kommen 

Ich musste als erstes herausfinden, um was für eine Ware es sich handelt. 

Aber es gab bei diesen ganzen Paletten keinerlei Hinweise, wer der Absender war und aus welchem Land oder welcher Provinz sie kamen. 

Bei den getrockneten Schaf- und  Lammfellen, die in gepressten Ballen verschifft wurden, war auf jedem Ballen die Marke und der Name des Absenders aufgeschrieben und alles war klar für Kunde und Lieferant.

Natürlich versuchten wir über unsere australischen Lieferanten herauszubekommen, was eigentlich jetzt am Markt passiert war. 

Aber von dort kam auch nur die Mitteilung, dass man solche Anfragen in letzter Zeit vermehrt erhalten hatte, aber mehr konnte oder wollte man dazu nicht sagen.

Einige Wochen später reiste ich nach Australien, um dort die Einkäufe für die nächste Saison vorzubereiten.

Irgendwann während dieser Reise bekam ich eine Zeitung in die Hand mit einer großen Überschrift im Wirtschaftsteil – und einem Foto von einem riesigen Schiff, welches  eine sehr ungewöhnliche Form hatte. 

Und als ich den Artikel zu Ende gelesen hatte, wusste ich endlich Bescheid 

Ich informierte mich über die Handelskammer und über einige andere Quellen, um soviel wie möglich über das zu erfahren, was ich in der Zeitung gelesen hatte. 

Und wie bei den meisten großen Rätseln, war die Lösung auch hier ganz verblüffend einfach: 

Vor knapp zwei Jahren hatte man angefangen, jede Woche eine Menge von 40.000 lebenden Schafen in den Arabischen Golf zu verschiffen. 

Die Araber – genauer gesagt in diesem Fall die Perser – hatten riesige Ölvorkommen, sie waren durch ihre Öllieferungen in die ganze Welt steinreich geworden und verschifften Ihr Öl in großen Tankern, die ihnen ebenfalls gehörten. 

Die Öllieferungen wurden jedes Jahr größer, die Tanker auch. 

Die Menschen, die in diesem Gebiet leben, sind Moslems. 

Moslems haben eine Vorliebe für Schaf und  besonders für Hammelfleisch, also von kastrierten männlichen Schafen – die wiederum in Australien zu nichts nütze waren. 

Solange die Golf-Regionen noch keine Ölgelder hatten, waren sie arm und das Fleisch, was sie kauften, wurde in Australien tiefgekühlt und dann sehr billig nach Indien, Pakistan und in die arabischen Staaten geliefert. 

Jetzt aber waren die Menschen am persischen Golf auf einmal richtig reich geworden. Und nun wollten sie kein tiefgefrorenes, hartes Fleisch mehr kaufen, sondern nur noch das beste – und das ist für jeden Moslem das richtig zarte, frische Fleisch vom Schaf und Lamm.

Also wurden einige alte Tanker umgebaut, die riesigen Tankbehälter bekamen innen ein Gerüst, von bis zu 20 Stockwerken, aus Holzböden und Lattenrosten. 

Und mit diesen Tankern – umgebaut vom Öl- zum Vieh-Transport – wurden dann jede Woche zehntausende lebende australische Schafe transportiert.

In 15 – 17 Tagen waren sie im Persischen Golf angekommen.

Dort wurden sie vom Schiff runter in neu erbaute Schlachthäuser geführt, vorher noch etwas aufgepäppelt und dann feierlich geschlachtet – den letzten Blick dabei immer streng vorschriftsmäßig gen Mekka gerichtet.

Mit diesem neuen Lebensmittel wurde in der Region innerhalb kurzer Zeit von jenen, die dabei mitmachten, Millionen verdient. 

Und da sich bei solchen Luxus-Schlachtungen niemand für die dabei anfallenden Lamm- und Schaffelle interessierte, wurde dieses Nebenprodukt für ganz wenig Geld an denjenigen verkauft, der mit dieser stinkigen Masse etwas anzufangen wusste.

Das alles lernte ich in wenigen Tagen in Australien – jetzt musste ich nur selber in den arabischen Golf, um zu sehen, was dort inzwischen los war. 

Kapitel 8

Der Pass passt nicht

„Sorry Sir“

Das sagte ausdruckslos der hinter seiner Glasverblendung fast unsichtbare Beamte und blätterte weiter in dem Dokument.

Seite um Seite. Und sehr genau. 

Dann blickte er zum ersten Mal kurz auf und sah mich an.

Er war dunkelhäutig, hatte pechschwarzes Haar, einen gewaltigen Bart und einen stahlharten Blick.

Er wiederholte sich, diesmal kurz und in einem ganzen Satz. 

„Sorry Sir, we can not let you in“. 

Ich stand nur einen Meter entfernt von ihm, aber ich merkte, dass uns Welten trennten. 

Er saß in seinem kleinen Holzhäuschen im Flughafen von Teheran und war einer der vielen Beamten, welche die Pässe der Reisenden prüften, die aus aller Welt am Flughafen Teheran ankamen und hier in den Iran einreisen wollten.

Ich war verdutzt, sprachlos und konnte mir aus dieser Situation keinen Reim machen. Offensichtlich wurde mir in diesem Moment die Einreise verwehrt. 

Ich war bis dahin mit meinem deutschen Pass in der ganzen Welt überall problemlos eingereist.

Für China, Nordkorea, Australien und USA benötigte man als Deutscher seinerzeit noch ein Visum. Das zu bekommen war aber relativ einfach, meistens nur eine Frage der Zeit und der Geduld.

Ich schätze, dass ich bisher in mindestens der Hälfte aller Staaten dieser Welt irgendwann einmal eingereist war und niemals gab es an irgendeiner Grenze irgendein Problem.

Und jetzt das hier.

Natürlich fragte ich den Grenzbeamten, der mich nicht einreisen lassen wollte, nach einer Begründung. Und seine Antwort war für mich genauso unverständlich, wie die Zurückweisung hier am Flughafen von Teheran.

Er sagte, in einem schwer zu verstehenden Englisch, dass er auf vielen Seiten in meinem Pass Ein- und Ausreisestempel der Republik Südafrika gesehen hätte. Ich sei dort offensichtlich sehr häufig gewesen.

Als ich das hörte, hoffte ich, dass ich irgendwann jetzt aufwachen würde und der ganze Spuk würde sich als ein dummer, böser Traum herausstellen.

Aber da war kein Traum, das war die Realität der Welt zu diesem Zeitpunkt – so Anfang der achtziger Jahre im letzten Jahrhundert.

Der Beamte gab mir meinen Pass zurück und meinte nur, ich solle auf die andere Seite zur Information gehen, dort würde man sich weiter mit mir beschäftigen. 

An die nette Frau, die sich dann dort in der Information meiner annahm, kann ich mich noch recht gut erinnern.

Sie fragte, woher ich komme und ich sagte wahrheitsgemäß: aus Australien.

Sie fragte mich dann, ob ich eventuell noch eine andere Staatsangehörigkeit hätte, mit der ich mich ausweisen könne. 

Mir ging durch den Kopf, dass ich in meinem Koffer in einer Blechdose ein kleines Museum meiner langjährigen südamerikanischen Schmuggler-Tätigkeit hatte. Darunter drei Personalausweise, einen aus Argentinien, einen ein aus Paraguay und einen aus Kolumbien. Außerdem hatte ich noch einen echten kolumbianischen Pass dabei, den ich mir vor vielen Jahren einmal für 200 Dollar gekauft hatte.

Dieser kolumbianische Pass war, in dem Schmugglernest am oberen Amazonas, auch für nur 100 Dollar zu haben, dann allerdings ohne das spezielle schwarze Tintenpulver, das über den Daumen geschüttet wurde, damit der Fingerabdruck im Pass echt und korrekt wurde. 

Dann hatte ich noch einen chinesischen Spezialausweis dabei, der mir einen Sonderstatus in China und Nordkorea gab als Mitinhaber einer deutsch-chinesischen Joint Venture-Firma und mit dem ich in China zum halben Preis und ohne Begleitung der Geheimpolizei rumreisen konnte. 

Aber alle diese Dokumente erschienen mir in dieser Situation nicht so richtig erwähnenswert. 

Ich verneinte also die Frage der Frau. Ich sagte, ich sei Deutscher und ich wolle runter nach Koramchar, der größten Hafenstadt des Irans am persischen Golf. 

Sie fragte, ob ich im Ölgeschäft tätig sei, denn Koramchar war ein großer Öl-Verladehafen. 

Ich sagte nein – ich suche dort Schaffelle, die in den beiden Schlachthöfen dieser Hafenstadt anfallen. 

Die Frau konnte mit dieser Erklärung überhaupt nichts anfangen und wechselte dann schnell das Thema. 

Sie fragte mich, ob ich noch nie etwas von den Verbindungen zwischen Israel und Südafrika gehört hätte. Ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich davon leider keine Ahnung hätte.

Und dann klärte sie mich in wenigen Sätzen auf: 

Bekanntlich ist Israel im gesamten Nahen Osten, bei allen arabischen und muslimischen Staaten geächtet. Niemand, der irgendwann einmal in Israel war, durfte mit israelischen Stempeln im Pass in ein arabisches oder islamisches Land einreisen.

Das erschien mir noch logisch, denn natürlich wusste ich von der politischen Situation im Nahen Osten und von der extrem großen Spannung zwischen allen arabischen Ländern und Israel. 

Aber was hatte das ganze jetzt mit den Pass-Stempeln von Südafrika zu tun? 

Sie sagte mir dann, dass es in den letzten Jahren immer stärkere Verbindungen zwischen der südafrikanischen Apartheid-Regierung und der Regierung von Israel gegeben hat. 

Die südafrikanische Apartheid-Regierung war in ganz Afrika ebenso geächtet, wie die israelische Regierung in den arabischen Ländern. Daraus ergab sich irgendwie eine Zusammenarbeit dieser beiden Außenseiter und jetzt erinnerte ich mich auch, dass ich darüber schon gelegentlich etwas gelesen hatte. 

Israel war wohl inzwischen eine Atommacht geworden, ohne dass man es jemals zugegeben hätte. Und es sollen jetzt – den Gerüchten nach – Atomtests in Südafrika irgendwo in einer Wüste gemacht werden. Es sollte auch viele andere Verbindungen zwischen diesen beiden Ländern geben, alles war von großen Geheimnissen umgeben. 

Auf jeden Fall war das Ergebnis, dass die arabischen und muslimischen Staaten seit zwei oder drei Jahren ihr Einreiseverbot erweitert hatten – nicht nur für Menschen mit Stempeln einer israelischen Ein- und Ausreise, sondern auch für Menschen, die in ihren Pässen die entsprechenden Stempel der Republik Südafrika hatten

Und das war bei mir klar ersichtlich der Fall.

Da ich in meinem Flugticket die Strecke Australien – Iran – Frankfurt – Hamburg hatte, wollte ich einige Tage im Iran bleiben, um das Geheimnis der großen Schiffe mit lebenden Australischen Schafen zu erforschen und dann weiter nach Hamburg. 

Ich verbrachte den Rest des Tages im Transit des Flughafens, nahm nachts eine Maschine nach Deutschland und hatte viel Zeit, mich zu ärgern.

Kapitel 9

Gefunden

In Hamburg angekommen, fand ich schnell heraus, dass es für Geschäftsreisende nach Israel und auch nach Südafrika die Möglichkeit gab, ganz offiziell und legal in Deutschland einen zweiten Pass zu beantragen.

Das machte ich und wenige Wochen später reiste ich dann mit einem ganz frischen neuen deutschen Pass wieder nach Teheran und dann problemlos weiter an den persischen Golf nach Koramchar.

Ich wollte unbedingt herausfinden, ob es dort eine Möglichkeit gab, diese gesalzenen und sicherlich sehr billigen Felle der australischen Schafe zu bekommen, die wohl alle in Koramchar geschlachtet wurden. 

Um es kurz zu machen – ich fand die beiden Schlachthäuser sehr schnell.

Man war sehr freundlich zu mir und zeigte mir, wie das ganze dort gehandhabt wurde.

Ich wollte nicht unhöflich sein und gleich am Anfang den Leuten erklären, dass ich schon nach zwei Tagen ziemlich genau wusste, wo der Fehler im Ablauf war, die Leute hätten es sowieso nicht verstehen können.

Hinzu kam, dass mir gleich am Anfang in beiden Betrieben die jeweiligen Direktoren sagten, dass man sich gerne mit mir unterhalten würde und dass man sich freue, dass man mich kennenlernen könne – aber man arbeitet seit längerer Zeit bereits in Hamburg mit einer Firma Köhm und High zusammen und diese Firma hätte sich schriftlich die Exklusivität geben lassen respektive einen Vertrag gemacht, in dem sie die gesamte Jahresproduktion aufkaufen würde.

Und bis jetzt waren die Geschäfte mit diesen Hamburger Kollegen relativ problemlos gewesen, abgesehen von einigen Beschwerden über unregelmäßige Qualität, die sie aber hier im Schlachthaus nicht nachvollziehen konnten.

Ich wurde also offiziell auf die Warteliste gesetzt und wenn in zwei oder drei Jahren der Vertrag mit Köhm und High auslaufen würde, dann wolle man sich mit uns in

Verbindung setzen um zu besprechen, ob auch wir an einem neuen Vertrag interessiert sein. 

Im Klartext – hier lernte ich zwei Sachen. 

Die erste und weitaus wichtigste war, dass ich jetzt  wusste, warum die Lieferungen nach Deutschland und den anderen europäischen Ländern  so unterschiedliche Ergebnisse hatten.

Und zum anderen war mir klar, dass ich dort keinen Vertrag für eine Belieferung bekommen würde.

Kapitel 10

Neue Länder – neues Glück

Einen Monat später reiste ich nach Südafrika – diesmal mit dem alten Pass, denn dort begann die Saison und ich hatte vor, mehrere Schaffell-Partien zu kaufen.

Die Schaffelle waren in Südafrika günstiger zu kaufen als in Australien oder in Südamerika.

Das lag nicht nur daran, dass die Wolle der Tiere, bedingt durch ein etwas anderes Klima, nicht ganz so lang und fein wurde wie in Australien. 

Man hatte schlicht Probleme, die Ware jedes Jahr neu zu verkaufen. 

Die Apartheid der südafrikanischen Regierung hatte dazu geführt, dass auch in Europa die gesamten Ostblockländer – seinerzeit alle streng kommunistisch oder halb kommunistisch – ein Embargo gegen alles aussprachen, was aus Südafrika kam. 

Es gab zwar in Polen und Russland einige größere Gerbereien, die gerne diese etwas günstigere Ware einkaufen würden, aber in Polen und Russland waren die Kontrollen sehr streng. 

Im Gegensatz dazu gab es, im seinerzeitigen Jugoslawien, die größten und qualitativ besten Gerbereien Europas. In Jugoslawien wurden die gesamten Armeen des Ostblocks mit Kleidung und Schuhen ausgestattet und die jugoslawischen Betriebe waren bekannt für solide Arbeit und gleichmäßig gute Qualität.

Es gab nur ein Problem: Sie durften ebenfalls keine Rohware aus Südafrika importiert.

Ich hatte zu diesem ganzen Themenkomplex viele Erfahrungen in Südamerika gesammelt.

Gab es in Südamerika Probleme, war es am besten , einfach neue Tierarten zu erfinden. 

Der Handel mit diesen Fantasie-Tierchen war nicht verboten – weil es für diese soeben erfundenen Tiere schlicht keine Zollvorschriften gab.

Und was nicht verboten ist, ist erlaubt. 

Diese Erfahrung wandelte ich jetzt ein bisschen um und erfand statt neuer Tiere neue Herkunftsländer. 

Die nördlichen und damit bereits in tropischen Gebieten liegenden Nachbarländer der Republik Südafrika sind Namibia, Botswana, Zimbabwe und Mosambik

Am unbekanntesten und somit auch am unverdächtigsten war meiner Meinung nach zu diesem Zeitpunkt Botswana

Ich fuhr mit unseren beiden südafrikanischen Hauptlieferanten also schnell mehrmals nach Botswana.

Dort wurden problemlos einige Import + Exportfirmen gegründet und ein Jahr später pendelte ich zwischen Südafrika und Jugoslawien hin und her, um für die Jugoslawen schöne südafrikanische Schafherden zu besorgen, die kurz vor ihrem Tod irgendwie auf einem langen Marsch die Orientierung verloren hatten.

Auf wundersame Weise waren sie kurz vor ihrem Lebensende in einem Schlachthof in Botswana angekommen und beendeten somit ihr erfülltes Dasein als Mitglied einer immer weiter wachsenden Menge von wunderschönen Botswana-Schafen.

Sie erhielten als Republikflüchtlinge der südafrikanischen Apartheid  die entsprechenden neuen Dokumente der Republik Botswana und machten sich dann als dumme, dicke Schaffelle auf die lange Reise nach Jugoslawien.

Immer brav begleitet von mir, ihrem treuen Hirten.

Botswana stieg innerhalb von wenigen Jahren zum zweitgrößten Schaffell-Exporteur von ganz Afrika auf, ohne dass dort jemals auch nur ein einziges Schaf geboren, geschweige denn geschlachtet wurde.

In der Importstatistik von Jugoslawien schwang sich Botswana zum drittgrößten Lieferanten empor, nach Australien und Argentinien.

Alle hatten ihren Vorteil.

Die südafrikanische Ware war billiger als die australische.

Die Botswana-Verbindung kostete in Botswana selber nur relativ wenig Geschenke an die örtlichen Zollbeamten und Veterinäre.

Die Händler in Südafrika wurden Transit-Spezialisten für Ware aus Botswana nach Osteuropa und ich selber  war als einziger, der die ganzen Zusammenhänge kannte, der respektierte Leiter dieser ganzen Operationen.

Irgendwo hängen noch die Medaillen, mit denen man mich zum Ehrenmitglied der Handelskammern in Südafrika und Botswana machte.

Alles hat seine Zeit – einige Jahren später schlief dieses schöne, grenzüberschreitende Fantasiegeschäft ein.

Der Grund war schlicht und einfach, dass in Südafrika die Zeit der Apartheid vorbei war und die neue Regierung ganz normale Geschäftsbeziehungen mit allen Ländern der Welt aufnahm.

Und Botswana fiel in Bezug auf seine riesigen imaginären Schafherden ins kommerzielle Nirwana zurück.

Mir war klar, dass mit der Normalisierung der Beziehung von Südafrika zu den anderen Ländern dieser Welt ein Großteil der Geschäfte, die ich dort in den letzten Jahren aufgebaut hatte, nicht mehr möglich sein würde.

Es gab zwei Möglichkeiten – entweder das ganze ad acta zu legen oder sich etwas Neues auszudenken.

Zum Aufgeben hatte ich keine Lust, dazu hatte ich schon zu viel Zeit und Energie in all das reingesteckt, was man mit dem Oberbegriff „A A“ bezeichnen könnte.

Wobei A A  meine ganz persönliche Abkürzung für „Abenteuer Afrika“ war, keine Safari, keine wilden Tiere, dafür eine Safari durch die unendlichen Weiten der menschlichen Haupteigenschaften – Sehnsucht, Hoffnung, Dummheit und Gier.

Kapitel 11

Das Operetten – Land

Ich wollte meine burleske Tätigkeit in diesem schwarz–weißen Kontinent nicht beenden, ohne vorher dem ganzen noch eine ganz persönliche Krönung zu geben.

Und das gelang.

Zu einer Krönung gehört ein König.

Und den gab es wirklich – und das mitten in Südafrika.

Doch der Reihe nach – auch wenn es schwerfällt.

Einer unserer Hauptlieferanten in Südafrika hatte in der Nähe von Johannesburg eine kleine Gerberei errichtet. Dort wurden Schaffelle für den südafrikanischen Binnenmarkt produziert, denn ein Export von gegerbten Fellen war durch die Apartheid-Politik der Regierung nicht möglich – niemand in Europa und Amerika durfte solche Waren aus Südafrika kaufen.

Ich fand eine Lösung, die so typisch Thewes war und so bizarr, das es mir von Anfang an Spaß machte, sie zu verwirklichen.

In der Mitte der Republik Südafrika gibt es ein ganz kleines und völlig unbekanntes Land.

Es heißt Lesotho.

Es ist eins der ärmsten Länder der Welt, aber politisch unabhängig.

Es liegt auf einem kleinen Gebirge und war zu jener Zeit nur durch zwei Straßen zu erreichen.

Die wenigen 10.000 Menschen, die in dieser kleinen Republik lebten, erhielten finanzielle und wirtschaftliche Unterstützung aus der ganzen Welt, sonst wären sie innerhalb von wenigen Tagen pleite und verhungert.

Warum es mitten in der Republik Südafrika so einen kleinen Operettenstaat gab, will ich hier nicht weiter erzählen, es genügt zu wissen, dass Lesotho existierte und nur die allerwenigsten wussten, wo und warum.

Ich fuhr also, als sich das Ende der Botswana-Episode abzeichnete, einige Male dorthin, um mir dieses exotische Fleckchen etwas genauer anzusehen.

Es gab drei Sachen, in denen sich das kleine Königreich Lesotho total von dem es umgebenden Südafrika unterschied.

Das wichtigste war, dass es dort keine Rassentrennung gab.

Während in Südafrika Schwarze und Weiße strikt getrennt lebten und zum Beispiel Mischehen völlig unmöglich waren, so gab es hier in diesem kleinen Lesotho überhaupt keine Rassenprobleme.

Das zweite war, dass es in der kleinen Hauptstadt Maseru von großen Geländewagen nur so wimmelte. Alle waren mehr oder weniger fabrikneu und parkten in den wenigen Strassen dieser Operetten-Hauptstadt an allen Stellen.

Es war manchmal für die Taxis kaum möglich, sich einen Weg durch all die parkenden großen Geländewagen zu bahnen.

Der Grund war ganz einfach:

Alle wohlhabenden Länder dieser Welt hatten irgendwelche Entwicklungshilfe-Ministerien. Diese hatten die Aufgabe, alle armen Länder zu unterstützen und gleichzeitig sollten mit diesem Entwicklungshilfe-Geld möglichst sofort Produkte aus den Geber–Ländern gekauft werden.

Also im Fall von Deutschland: Das deutsche Entwicklungsministerium beschloss, das bitterarme Lesotho mit einigen Millionen zu unterstützen. Und gleichzeitig wurden dann mit diesem Geld sofort Volkswagen oder BMW oder Mercedes Autos gekauft.

So kam statt Bargeld dann eben eine Unmenge von Autos in Lesotho an, mit denen die dortigen Ministerien und  die Mitarbeiter der diversen staatlichen Hilfsstellen die paar Berge in Lesotho rauf und wieder runter düsten – zu mehr waren die Unmengen von Autos nicht zu gebrauchen.

Wenn irgendwo der Aschenbecher eines solchen Pkw voll war, wurde er nicht entleert, sondern man ließ das Auto stehen und suchte sich ein neues Auto mit leerem Aschenbecher.

Das Dritte war, dass es in diesem kleinen Land jede Menge von Casinos gab. Die Menschen kamen aus ganz Südafrika dorthin, um nächtelang zu spielen und ihr Geld dort zu lassen.

Irgendeine Industrie, oder irgendetwas, das in Lesotho selbst produziert wurde, gab es nicht – vielleicht außer kleinen, schokoladenfarbigen Babys.

Dafür hatte Lesotho aber als selbstständiges Land der Dritten Welt sämtliche Rechte, seine eigenennationalen Produkte in alle Welt zu exportieren.

Nur gab es überhaupt keine Produkte.

Der deutsche Philosoph Nietzsche hatte, kurz bevor er wahnsinnig wurde, über diesen Zustand einmal gesagt „Wo nichts nichtet, nichtet nichts“ – und damit Lesotho sehr genau beschrieben.

Ich musste dort als erstes einen Kontaktmann suchen.

Ich fand ihn ziemlich schnell in einem gewissen Mister Jennings.

Ein netter, unbeholfener Engländer, der lange in Südafrika lebte, sich dort in eine sehr hübsche schwarze Frau verliebte und mit ihr natürlich dort nicht leben konnte. Also zogen sie nach Lesotho und waren als schwarz-weißes Ehepaar ein typisches Ergebnis der südafrikanischen Apartheid-Politik mit der Lesotho-Lösung.

Die beiden einzigen Straßen, die zu jener Zeit überhaupt nach Lesotho führten, gingen immer höher und höher. Das kleine Königreich lag wie eine Burg auf einer kleinen Bergkette in der Mitte von Südafrika.

Das einzige Verkehrsmittel, das es in diesen Bergen gab, waren Pferde, Esel und die genügsamen Maultiere.

Die paar Bauern dort hatten einige Kartoffelfelder und vielleicht einige Hühner und Schweine bei ihren kleinen Rundhütten. Eine normale  Landwirtschaft war bei dem gebirgigen Gelände überhaupt nicht möglich.

Ich erklärte jetzt Mister Jennings in groben Zügen, was ich vorhatte und ich merkte bald, dass er sich für solch bizarre Gedanken, wie ich sie ihm vortrug, schnell begeisterte.

Ich sagte ihm, dass wir ein Haus mit einer größeren Waschküche brauchten und wir würden dann noch zwei oder drei kleine Maschinen aus Südafrika mit einem Lkw dorthin bringen.

Das war alles.

Ach ja, Wasser sollte es noch geben und möglichst einen Platz, um Wäsche zu trocknen.

In wenigen Tagen war alles fertig.

In einem alten Gebäude wurde ein kleines Lager einer Spedition zur Waschküche umgebaut .

Dort wurden zwei oder drei kleine alte Maschinen aufgestellt und einige größere Holz-Bottiche mit Wasser.

Fertig war die „Lesotho Universal Tanning Industry  Ltd“ – die erste und größte Gerberei in Maseru, der stolzen Hauptstadt des kleinsten Königreichs der Welt.

Kein Mensch hatte in diesem Ort jemals das Wort Gerberei gehört und niemand hatte jemals zuvor ein gegerbtes, schönes, weißwolliges Lammfell gesehen.

Wir putzen den umgebauten Raum, kachelten und fliesten einige Wände, damit es schön hygienisch aussehen sollte und brachten dann am Schluss 50 rohe und 20 fertig gegerbte schöne Lammfelle aus der Gerberei in Johannesburg in unseren neuen und perfekt durchorganisierten Betrieb nach Maseru.

Es wurde alles schön verteilt.

Einige der Felle wurden in die alte Waschmaschine gesteckt.

Andere schwammen dekorativ in den beiden Holzbottichen herum, einige weitere lagen lasziv irgendwie auf dem Boden oder auf einem Tisch – und schön sichtbar in der Sonne von Lesotho lagen schließlich 20 wunderschöne, strahlend weiße Kuschel-Lammfelle.

Auf dem Hof wurden auf einer Wäscheleine einige Lammfelle sauber nebeneinander zum Trocknen aufgehängt.

Und sie hingen dort unberührt die nächsten Wochen Tag und Nacht verträumt nebeneinander – denn der komplizierte Trocknungsprozess war in dieser Hightech-Produktion natürlich ein wichtiger Bestandteil der Lesotho Universal Tanning Ltd.

Schließlich trat noch unsere hoch entwickelte Personalabteilung in Aktion.

Es wurden jeweils 5 Frauen und Männer für eine Woche angestellt.

Ihre einzige Aufgabe war, pünktlich zu erscheinen und sich während der Arbeitszeit in der Waschküche aufzuhalten. Dann konnten sie wieder nach Hause gehen um sich auszuruhen.

Etwas zu tun gab es nicht für sie, aber das war in ganz Lesotho der Fall. Arbeit gab es sowie nirgendwo, außer als Zimmermädchen im Hotel und Casino oder als Aschenbecher-Ausleerer des Fuhrparks des Verkehrsministeriums.

Zu beiden Tätigkeiten brauchte man aber Abitur und gute Beziehungen zum Minister.

Mein neuer Freund Mr. Jennings hatte sehr schnell die Verbindung zum Wirtschaftsminister hergestellt.

Zwei oder drei gemeinsame Bierchen zwischen Jennings und dem Wirtschaftsminister – das war in Lesotho der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Im Laufe der Woche hielt dann eine kleine Kolonne von mehreren riesigen Geländewagen vor unserer Waschküche an.

Der Minister mit seinem gesamten Gefolge betrat unsere neue Fabrik.

Ich erklärte ihm, dass wir hier anfangen würden, eine der größten und ausbaufähigsten Industrieanlagen von Lesotho zu erstellen und dass wir bereits sehr viele neue Arbeitsplätze geschaffen haben.

Die Produkte würden wir direkt nach Europa exportieren und somit würde unsere Produktion eine feste Größe in der Exportstatistik von Lesotho sein.

Der Minister und all seine Begleiter klatschten vor Freude, denn solche Initiativen von Europäern und insbesondere von deutschen Dichtern und Denkern war genau das, was sie immer gesucht hatten.

Dichter und Denker war von ihm sehr gut formuliert.

Immerhin hatte ich viel nachgedacht, um all das zu erdichten.

Um den Hintergrund dieser ganzen Aktion zu verstehen muss man nur folgendes wissen:

Die deutsche Regierung förderte mit ihrem Entwicklungsministerium die Industrialisierung der unterentwickelten Länder. Für viele Produkte, die aus Ländern der dritten Welt nach Europa exportiert werden, gab es Zuschüsse aus Deutschland.

Als Beleg dafür wurde in der Regel eine Bescheinigung des Export-Landes ausgestellt, auf der stand, welche Waren und zu welchem Wert in Lesotho hergestellt und exportiert wurden. Das deutsche Entwicklungsministerium zahlte dann als Beispiel 20 oder 25 % des Wertes, der in diesem Dokument zertifiziert war, als Prämie an die Regierung von Lesotho.

Jede Ware, die von Lesotho aus den Weg in die übrige Welt finden sollte, musste über das Gebiet von Südafrika gefahren werden, um dann in einem der südafrikanischen Häfen in die Welt exportiert zu werden.

Und diesen langen Transportweg haben wir dann etwas abgekürzt, indem wir direkt aus der Gerberei in Johannesburg die Lesotho-Ware in schöne, bunte Kisten packten und zum Hafen nach Kapstadt oder einen der anderen Häfen Südafrikas brachten.

Das einzige, was dabei nachweislich aus Lesotho kam, war die Folie „Made in Lesotho“, die auf jeder Kiste stolz auf das kleine Königreich aufmerksam machte.

Zusammengefasst: Unsere Waschküche in Maseru, der Hauptstadt  von Lesotho, entwickelte sich in der Statistik zu einem der größten Export-Betriebe des Landes.

Jeden Monat wurden laut der Statistik des Lesotho-Wirtschaftsministerium zehntausende wunderschöne, seidig glänzende Lammfelle in unserer kleinen Waschküche in Lesotho produziert und in alle Welt verkauft.

Mister Jennings erhielt als Berater und Mitinhaber der erfolgreichsten Waschküche der Welt jedes Mal einen schönen Bonus neben seinem guten Gehalt als Chef-Koordinator unserer Welt-Firma.

Die Ware selber wurde umgehend an die gleichen Kunden in Jugoslawien verkauft, die von uns die Rohware aus Südamerika und Australien bekam.

Man durfte ja Fertig-Ware mit Zertifikat aus Lesotho importieren. Und diese Lesotho-Ware war von guter Qualität und außerdem unschlagbar günstig.

Die Kisten wurden geöffnet, ein kleines Etikett mit „Made in Jugoslavia“ wurde an jedes dieser schönen Johannesburg-Lammfelle genäht – und so lag die Ware schließlich in Deutschland bei Karstadt und all den anderen Kaufhäusern.

Ich setzte noch durch, dass die schönsten Lammfelle die Bezeichnung „King-Size“ bekamen.

Das war für die deutschen Kunden ein Hinweis, für welche Bettgröße sie geeignet waren – aber der alte, kleine König von Lesotho war sich ganz sicher, dass er damit gemeint war.

Irgendwann ging auch diese schöne, aufregende und lehrreiche Zeit in Südafrika und seinen unbekannten Nachbarn zu Ende.

Was blieb, waren die Stempel in meinem Pass, mit dem ich jetzt vor einem iranischen Beamten stand und der nicht geneigt war, mich reinzulassen

Ich glaube, wenn ich ihm diese kleine Lebensabschnitts-Beichte erzählt hätte, die Grund und Erklärung für die vielen Südafrika-Stempel war – er hätte mich wohl trotzdem sofort weiter nach Hamburg geschickt.

Kapitel 12

Der Araber

„Wir ziehen los, mit ganz großen Schritten und Peter fasst der Heidi von hinten an die Schulter…“

Dieser Text aus der Polonaise Blankenese war die fröhliche Begrüßung unter allen Mitarbeitern unserer Firma und sie wurde jeden Morgen gesungen, bevor die ersten Kunden in Frankfurt auf unseren Messestand kamen.

Und auch bei jedem Vertragsabschluss, über einer bestimmten Summe, fing einer von uns wieder mit diesem blöden Lied an.

Alle fassten sich dann hintereinander in einer Reihe an die Schulter und gemeinsam wurde eine sehr laut und sehr falsch gesungene Polonaise einmal quer durch unseren Messestand  gestartet.

Die Nachbarstände wussten dadurch zwar ziemlich genau über unseren jeweiligen Tagesumsatz Bescheid, waren aber trotzdem neidisch, dass sie nicht einen ähnlichen Gag hatten, der jedes Mal neues Publikum anlockte.

Es gab viel zu feiern auf dieser Messe.

Es war nicht die normale Pelzmesse, die ich selber schon 15 oder 20 Jahre als Aussteller mitgemacht hatte – es war diesmal die Heimtex, eine Spezialmesse für Möbel und Heimtextilien.

Einer unserer größten Kunden stellte dort aus.

Er hatte mich zu dieser Messe eingeladen, weil ich ihm eine neue Produktlinie in China besorgt hatte.

Ich war wenige Jahre vorher von den Chinesen eingeladen worden, mir in China verschiedene Sachen anzusehen und dieser Kunde aus Westfalen bat darum, einmal mit mir nach China zu reisen. Er wollte über mich dort etwas kaufen, was bis dahin von den Chinesen exklusiv nur an zwei große deutsche Supermärkte verkauft wurde.

Ich schaffte es, für diese Ware ebenfalls Verträge zu bekommen, verkaufte zehn Minuten nach Vertragsunterzeichnung bei den Chinesen alles geschlossen an meinen Kunden aus Westfalen und dieser gute Mann aus dem platten Münsterland war darüber so glücklich, dass er mich einlud, während der Heimtex-Messe Gast auf seinem Stand zu sein, um zu erleben, wie er diese neuen Produkte  verkaufen würde.

Ich lernte hier auf dieser Messe zum ersten Mal ein anderes Publikum kennen.

Neu für mich waren insbesondere die vielen Einkäufer großer Kaufhausketten, Supermärkte und Katalog-Firmen.

Die Tatsache, dass man jetzt diese neue Artikel-Gruppe auch bei meinem Geschäftsfreund aus Westfalen kaufen konnte, hatte er vorher mit großem Propaganda-Aufwand überall verkündet – und der Erfolg gab ihm recht.

Ansonsten interessierte mich diese Messe wenig.

Wir selber – also meine Firma in Hamburg – beschäftigten uns zu dieser Zeit sehr viel mit Deko-Fellen.

Das waren echte Felle, die man zur Dekoration auf den Boden, übers Bett oder sonst wo in der Wohnung verteilen konnte. Vom exotischen Rinderfell, über kuschelige Lammfelle bis hin zu Exoten wie Löwen und Eisbären – wir hatten alles im Programm.

Hier, auf dieser Messe für Plüsch und Tand, gab es fast die gleiche Auswahl – nur alles aus Kunstfell oder Plastik.

Die Frage war nur, was scheußlicher war.

Ich bat meinen Geschäftsfreund aus Westfalen, zumindest ein oder zwei schöne weiße Lammfelle als Dekoration mit auf die Messe zu nehmen, was dann auch gemacht wurde.

Am vorletzten Messe-Tag machte er seinen wohl größten Vertrag mit irgendeinem Supermarkt und es gab eine Polonaise, die geschlagene 3 Minuten getanzt und gesungen wurde.

Als wir uns voneinander lösten, um wieder mit den normalen Verkaufs-Lügen zu beginnen, stand ein Araber vor mir und sah mich leicht fragend an.

Im schneeweißen Burnus, mit der typischen Kopfbedeckung, war er als Vertreter seines Landes sofort zu erkennen.

Außerdem hatte er ein sehr dunkles Gesicht und pechschwarze Augen.

Er fragte mich, was denn da eben passiert war, denn so etwas hätte er noch nie gesehen.

Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass wir gerade einen sehr großen Abschluss gemacht hätten und jeder große Abschluss wird bei uns auf diese Art und Weise gefeiert.

Das gefiel ihm und er betrat den Messestand.

Er ging sofort zu einem weißen Lammfell, was auf dem Sofa unseres Messestandes lag und nahm es in die Hand.

Seine einzige Frage war „wie viel könnt ihr liefern?“

Ich wusste, dass der Artikel „Weiße Lammfelle“ für meinen Kunden in Westfalen keine große Bedeutung hatte, wollte mir aber nicht die Blöße geben, dies gleich am Anfang zuzugeben.

Im Hinterkopf hatte ich auch die sechs großen Gerbereien, die ich  inzwischen in China eingerichtet hatte und wo sehr große Mengen von Lammfellen  gegerbt wurden.

Ich nannte also Mohammed – so hatte er sich mit seiner goldgeränderten Visitenkarte vorgestellt – irgendeine Zahl, vielleicht 50.000.

Seine Reaktion war nur ein leichtes Aufblitzen der pechschwarzen Augen.

Er sprach perfekt Englisch, was unseren Kunden aus Westfalen und seine Mannschaft davon abhielt, sich näher mit diesem Araber zu beschäftigen – sie bevorzugten, Kundschaft im münsterländer Platt zu bedienen.

Mit einer Selbstverständlichkeit, wie es nur Menschen eigen ist, die von der Wichtigkeit und Größe der eigenen Person überzeugt sind, begann dann Mohammed, mir seine Vorstellung zu erklären.

Es lief darauf hinaus, dass ich so schnell wie möglich nach Doha kommen sollte, um dort vor Ort alles Weitere mit ihm zu besprechen.

Ich hatte keine Ahnung wo Doha lag, geschweige denn, in welchem Land.

Er nannte als sein Heimatland Katar – einen Namen, den ich im Unterbewusstsein irgendwo als Gebiet auf der Arabischen Halbinsel gespeichert hatte.

Er sagte, er würde morgen wiederkommen, um dann alles in Einzelheiten mit mir zu besprechen.

Am nächsten Morgen war er pünktlich am Stand und sagte, dass er 50.000 natürlich sofort kaufen würde – aber es ging ihm um mehr. Er erwähnte mehrmals das Wort „Produktion“.

Er  konnte zwar perfekt Englisch, aber hatte nicht die Fachwörter parat, um sein Anliegen genau erklären zu können.

Ich verstand, dass er irgendwas mit Schafen und Schaffellen zu tun hatte, dass er im Export und Import arbeitete und im Übrigen alles nur vor Ort bei sich Zuhause in Doha in Katar erklären wollte.

Zurück in Hamburg fand ich heraus, dass Katar ein kleine Halbinsel am Rande der großen arabischen Halbinsel war.

Katar mit der Hauptstadt Doha war früher ein völlig unbedeutendes Fischerdorf gewesen, aber man hatte vor kurzer Zeit dort riesige Mengen an Erdgas gefunden – und damit würde Katar in wenigen Jahren offensichtlich noch reicher werden als seine Saudiarabischen Nachbarstaaten.

Viel mehr fand ich im Lexikon nicht, Internet und andere Informationsquellen gab es zu jener Zeit noch nicht.

Kapitel 13

Das  goldene Land

Ich reiste zu diesem Zeitpunkt schon alle zwei oder drei Monate nach China, um dort die Gerbereien zu beaufsichtigen, die ich mit Hilfe meiner chinesischen Freunde und Partner in Zentral-China, Mongolei und Mandschurei eingerichtet hatte- um Schaf- und Lammfelle in China zu gerben.

Es gab noch keine direkten Flugverbindungen von Deutschland nach Peking.

Alle Flüge gingen „unten rum“ – so sagte man dazu. Also über den Arabischen Golf mit Zwischenlandung in Abu Dhabi oder Dubai oder anderen Städten. Danach noch einen Stopp in Singapur oder Bangkok und dann nach Hongkong.

Von Hongkong aus schließlich weiter mit der Eisenbahn rein nach China und dann oft tagelang mit der Bahn bis nach Zentral-China.

Ich beschloss, auf meiner nächsten Reise einen Stop Over in Dubai zu machen, um den Araber in Katar zu besuchen.

Man kommunizierte per Telegramm oder Telex – irgendwelche Handys oder Fax oder andere Kommunikationsmöglichkeiten, geschweige Internet, gab es noch nicht.

Mir wurde von Mohammed gesagt, dass ich im Flughafen von Doha eine Sponsoren-Einladung in einem kleinen Korb finden würde, der in der Mitte des Empfangsgebäudes stehen sollte.

Ich hatte bei meinen Erkundigungen über Katar gelesen, dass die Einreisemöglichkeiten in dieses exotische und total abgeschottete Emirat extrem schwierig sein sollte und man dort nur reinkommen kann mit einer Einladung einer in Katar ansässigen Firma oder Familie.

Mit einer kleinen Propeller-Maschine landete ich irgendwann auf dem Provinzflughafen von Katar.

Und tatsächlich war in dem kleinen Flughafengebäude in der Mitte des Ankunfts-Gebäudes eine Art Papierkorb, gefüllt mit diversen Zetteln und Briefumschlägen.

Teilweise waren diese Papiere uralt und sehr dreckig, es sah alles ein bisschen nach Ersatz-Toiletten-Papierkorb aus.

Ich suchte mit ziemlich spitzen Fingern zwischen all diesen Papieren nach etwas mit meinem Namen – und tatsächlich fand ich einen Umschlag mit der Aufschrift „Mr Henckell, Germany“.

Ich gab dieses kleine Stück Papier dem Zollbeamten, wurde daraufhin zu einem Fahrer geführt, der im Auftrag von Mohamed mich abholen sollte.

Ich bin danach noch viele Male in Katar gewesen, aber dieser erste Besuch war doch einer der Ungewöhnlichsten.

Mohammed hatte ein Büro im Zentrum der Stadt und mehr Autos als Angestellte.

Alles war goldfarben.

Alle Nummernschilder der Autos goldfarben, viele Autos selber in goldener Farbe lackiert, die Straßenschilder und viele Glasfenster der Bürogebäude – es glänzte alles nur in einer Farbe: Gold.

Die Mitarbeiter im Büro erinnerten mich an unser Büro in Lesotho – alle waren da und keiner tat auch nur irgendetwas.

Sie saßen da, tranken Tee, unterhielten sich und warteten auf den Moment, wo der Chef das Büro verließ, um das gleiche zu tun.

Mohammed erklärte mir dann folgendes:

Er sei mit einer Quatari verheiratet.

Quatari sind Frauen, die direkt vom Stamm der einheimischen Katar-Bewohner abstammen.

Diese sehr kleine Gruppe von Menschen gehörte schon zu diesem Zeitpunkt zu den reichsten Menschen der Welt.

Im ganze Land gab es ca. 600.000 Menschen – aufgeteilt in 500.000 Sklaven aus Pakistan, den Philippinen und anderen asiatischen Ländern.

Dann noch ca. 90.000 Menschen, die irgendetwas mit Erdgas und dem Abbau und Verkauf dieser unerschöpflichen Geldquelle zu tun hatten.

Und schließlich noch knapp 10.000 Katarer, denen all dies gehörte und die alle um irgendwelche Ecken mit der Familie des Emirs und Herrschers von Katar verwandt waren.

Mohamed selber war geborener Ägypter, lebte aber schon viele Jahre in Katar.

Er besaß offensichtlich in Doha verschiedene Unternehmungen – was die alle genau machten, habe ich auch später kaum rausbekommen.

Er sagte einmal halb im Spaß, halb im Ernst:

Wenn hier in Doha irgendetwas nicht klappt, geht seine Frau zum Scheich, man kennt sich und der Scheich hilft allen Stammesmitgliedern sofort.

Wenn Sie also sagt, sie brauche ein paar Millionen Dollar, damit ihr Mann wieder ein bisschen rumspielen kann mit seiner Import- und Export Firma, bekam sie das Geld auf irgendeine wundersame Weise schnell und diskret.

Natürlich sollte dies eine Anekdote sein, aber sehr viel später bekam ich heraus, dass es bei Mohamed schon einige Male passiert war.

Er erzählte mir dann folgendes :

Er wisse, dass aus Australien inzwischen jede Woche große umgebaute Tanker in den persischen Golf kommen – voll mit 40.000 – 60.000 lebenden Tieren pro Schiffsladung.

Früher belieferten sie damit ausschließlich den Iran, weil die anderen Emirate am Golf noch nicht so viele Einkünfte aus ihren Erdöl-Geschäften hatten wie jetzt.

Inzwischen waren Dubai, Abu Dhabi, und viele andere Emirate märchenhaft reich geworden und man wolle deswegen natürlich nur noch frisches Fleisch essen.

Es waren in allen Städten am persischen Golf neue Schlachthöfe gebaut worden – und es würde jetzt auch der erste große Schlachthof in Katar gebaut werden, von einer dänischen Spezialfirma.

Er selber würde die Verteilung des Fleisches organisieren und wenn ich Lust habe, könne ich alle Schaf- und Lammfelle bekommen die dabei anfallen – er würde sie mir für einen Dollar pro Stück geben.

Natürlich hatte er keine Ahnung, wie hoch diese Ware derzeit auf dem Weltmarkt verkauft wurde, der Preis lag in Australien zwischen 6 und 8  Dollar pro Stück, je nach Qualität und Größe.

Als Gegenleistung sollte ich ihm so viel wie möglich von diesen schönen, weißen, langhaarigen  und seidig glänzenden Lammfellen liefern – denn das sei etwas, was in jedem Haus in Arabien auf den Fußboden, auf die Sessel und auf die Betten gehört.

Die Araber lieben die Farben gold und weiß und weisse Lammfelle sind für viele das Nonplusultra einer gehobenen Einrichtung.

Ich sagte ihm, dass ich interessiert sei und als nächstes besuchten wir zusammen das gerade fertig gestellte Gebäude des neuen Schlachthofs.

Vor dem Schlachthof war eine sehr große überdachte Fläche und unter diesem riesigen Dach blökten mehrere tausend Schafe und Lämmer, die am Tag zuvor aus Australien angekommen waren.

Ich war also, ohne dass ich es gewollt oder geplant hatte, plötzlich in der gleichen Situation wie zwei Jahre zuvor in Teheran, als ich mich um persische Ware kümmern wollte, die ich zum Schluss nicht bekam.

Ich ging davon aus, dass unser Hamburger Konkurrent Köhm + High so mit seiner Iran-Ware beschäftigt war, dass es ihn überhaupt nicht interessierte, oder er es gar nicht mitbekam, dass inzwischen an verschiedenen anderen Orten im Arabischen Golf das gleiche wie im Iran gemacht wurde – nur moderner und effektiver.

Der neue Schlachthof war relativ groß und ebenerdig.

Mohammed ließ seinen Fahrer auch die kürzesten Entfernungen von wenigen Metern mit dem Auto fahren. Und als wir so per Rolls-Royce in der Lagerhalle ankamen, wo die Lammfelle aufgestapelt waren, weigerte Mohamed sich, aus dem Wagen auszusteigen – der Geruch sei nicht schön und mit dem Dreck und dem Salz wolle er  sein weißes Gewand nicht schmutzig machen.

Umso mehr überrascht und erstaunt war er, als ich umgehend  ausstieg, um dann sofort die Qualität der dortigen Lammfelle zu besichtigen und zu prüfen, die aus der Schlachtung dieses Morgens stammten.

Es war seltsam, einige Paletten stanken bereits  ziemlich starkund andere waren völlig frisch und problemlos.

Es war mir jetzt klar, woher diese ganzen Probleme kamen – es war das Salzen oder Pökeln.

Es gab hier in Doha  genau das gleiche Problem, wie ich es schon vor 2 Jahren in Koramschah im Iran im dortigen Schlachthof gesehen hatte.

Die Arbeiter, die ganz frühmorgens gegen drei oder vier Uhr anfingen, die Lammfelle der geschlachteten Tiere einzusalzen, wurden schnell müde.

Zuerst schmierten sie das Salz ganz ordentlich auf die gesamte Lederfläche der Lammfelle.

Dann im Laufe ihrer Schicht und bedingt durch die jetzt beginnende Hitze des Tages, arbeiteten sie immer flüchtiger.

Das heißt, sie schmissen ihre Schaufeln mit Salz zwar immer noch auf jedes Fell, aber sie zerrieben es nicht mehr so gründlich wie es notwendig war.

Wenn dann nur noch Teile des Leders mit Salz bestreut wurden,  fingen die restlichen Teile, die kein Salz hatten, schon nach kurzer Zeit an zu verwesen.

Das Eiweiß, das auf der Lederseite war, fing an zu vergammeln und sich zu zersetzen.

Das Ergebnis war der Gestank und eine Zerstörung der Haarwurzeln, die in dem Leder eingebettet sind.

Wenn ein Haar keine Haarwurzel mehr hat, löst sich das Haar vom Leder, das Leder fault und alles fängt an, sich stinkend zu zersetzen.

All dies war in den letzten Jahren in so vielen europäischen Gerbereien passiert.

Und der einzige Grund war, dass in den Schlachthäusern am Arabischen Golf die Leute nicht richtig angewiesen wurden, ihre Arbeit korrekt zu machen.

Es hatte überhaupt keinen Zweck, den dort anwesenden Arabern zu erklären, was ich gesehen hatte und was die Konsequenzen sein würden – sie hatten noch niemals in ihrem Leben eine Gerberei gesehen und wussten von diesen ganzen Prozessen überhaupt nichts.

Für sie alle war dieses stinkende und dreckige Fell ein reines Abfallprodukt, genauso wie die Därme, Hufe + Hörner oder was sonst immer noch beim Schlachten übrig blieb.

Sie interessierte einfach nur das schöne Fleisch, das morgens aus dem Schlachthof kam und das am gleichen Tag mittags und abends gegessen und genossen werden konnte und so wunderbar frisch schmeckte.

Ich sah auch sofort, dass es zwecklos sein würde, den Arbeitern irgendwelche Prämien zu geben, damit sie richtig arbeiteten.

Wenn jemand nicht weiß, was er machen soll und warum er es so machen soll, dann wird das Ergebnis immer schlecht sein.

Ich machte mit Mohammed und dem Schlachthaus den ersten Vertrag.

Ich sagte ihnen, dass ich dafür sorgen würde, dass Fachleute hier beim Arbeiten helfen werden und dass dies nichts für die Araber kosten würde.

Damit waren alle froh und glücklich – sie wussten nur nicht, was ich vorhatte.

Kapitel 14

Schlitzaugen vs Schlitzohren

Im nächsten Monat schickte ich den ersten Probe-Container mit dieser Katar-Ware nach China.

Das war ziemlich kompliziert, denn es gab zu diesem Zeitpunkt keine normalen Schiffsverbindungen vom Arabischen Golf nach Nordchina. Man benötigte mehrmaliges Umladen in Singapur und Hongkong, bis der Container schließlich in einem kleinen chinesischen Hafen ankam und auf die lange Reise nach Central-China ging.

Nach einer mehrmonatigen Odyssee über die halbe Welt traf der Container schließlich in der Gerberei in der inneren Mongolei ein.

Alles wurde genau untersucht.

Das Ergebnis war genau das gleiche wie in den europäischen Gerbereien:

Viele Paletten waren noch einigermaßen brauchbar in der Qualität, aber ein Teil der Ware war vergammelt und verfault.

Ich erklärte den Chinesen, was meiner Meinung nach zu tun war.

Kaufmännisch gesehen war es sinnvoll und sicherlich auch erfolgreich, wenn man diese Ware aus dem persischen Golf statt nach Europa jetzt nach China schicken würde.

Die Lohnkosten in China waren dort zu dieser Zeit sehr niedrig, die Leute waren sehr fleißig und wollten alles tun, damit das Ergebnis gut sein würde.

Ich besorgte dann über meine chinesischen und arabischen Verbindungen ein Visum für den Leiter dieser Gerberei, damit er persönlich  das Schlachthaus in Katar besuchen konnte.

Als wir einige Monate später gemeinsam dort eintrafen, brauchte auch er nur ein oder zwei Tage, um die Situation zu erkennen und dann die einzig richtige Lösung vorzuschlagen.

Er wollte, so schnell wie möglich, zehn bis zwölf seiner chinesischen Fachleute nach Katar schicken, damit sie dort jeden Morgen vor Ort im Schlachthaus teilweise selber das Salzen durchführen und  teilweise die dortigen Arbeiter kontrollieren konnten.

Das Pflichtbewusstsein aller chinesischen Arbeiter, die ich in den jahrelangen Aufbauarbeiten in China kennengelernt hatte, war hervorragend – und ein halbes Jahr später kam eine kleine Gruppe chinesischer Fachleute in Doha an und begannen sofort mit ihrer Arbeit auf dem Schlachthof.

Von da ab wurde es immer besser und einfacher.

Wir bekamen jeden Monat unsere Ware, kontrollierten sie durch unsere eigenen chinesischen Mitarbeiter und in China kam fast nur noch gesunde und gut gesalzen Ware an.

Die europäischen Gerbereien hatten, nach wie vor, ihre Probleme, denn das, was im Iran in den Schlachthäusern in Koramchar ablief,  war unverändert – aber nicht mehr mein Problem.

Die nächsten 2 Jahre verliefen problemlos.

Unsere Gerbereien in China erhielten gute Ware zu günstigen Preisen und ich konnte die in China damit hergestellten  Fertigprodukte gut in Deutschland und Europa verkaufen.

Womit ich nicht gerechnet hatte, war die menschliche Gier.

Kapitel 15

Der Plan

Mein Freund Mohamed sah mit wachsender Missgunst, dass dieses Geschäft so reibungslos verlief.

Er kassierte zwar für jeden Container, der nach China verladen wurde, sein gutes Geld.

Aber das reichte ihm nach einer gewissen Zeit wohl nicht mehr.

Er wollte selber in China tätig werden, er wollte insgeheim uns ausbooten und alles selber und direkt machen.

Er war schlau und hatte einen Plan.

Und ich war nicht in der Lage, dies alles zu erkennen – das Verhängnis nahm seinen Lauf.

Er erklärte mir eines Tages, dass das Schlachthaus in Doha nicht mehr immer nur pro einzelnem Container bezahlt werden wollte. Man wolle expandieren und brauche dafür Planungssicherheit.

Deswegen wolle man jetzt einen Vertrag machen über die Lieferung der Gesamtmenge für ein halbes Jahr oder für ein Jahr.

Damit war ich im Prinzip einverstanden.

Er fuhr fort und erklärte mir, dass so ein Liefervertrag über einen längeren Zeitraum auch eine neue Art der Finanzierung benötige.

Auch das war mir klar.

Das ganze lief darauf hinaus, dass wir über unsere Bank in Hamburg eine Bankgarantie stellen sollten an seine Bank in Doha – über mehrere Millionen Dollar.

Gegen diese Garantie würde der Schlachthof dann, ein halbes Jahr lang, automatisch alle Schaf- und Lammfelle an uns, respektive direkt nach China liefern.

Ich hatte im Prinzip nichts dagegen, ich wusste ja von anderen Orten am persischen Golf, dass man dort so ähnlich arbeitete bei den Lieferungen an unseren Hamburger Konkurrenten Köhm + High.

Eine solche Bankgarantie wird unter Kaufleuten per Akkreditiv durchgeführt. Die Einzelheiten sind hier zu kompliziert, deswegen werde ich einfach den Begriff Bankgarantie weiter benutzen.

Wichtig ist, dass bei so einer Garantie der Lieferant, also in diesem Fall Mohammed, denn er war unser Vermittler und gleichzeitig Vertragspartner, das Geld aus der Garantie in dem Moment erhalten würde, wo er bei sich in Doha zu der Bank geht und Verschiffungsdokumente vorlegt, aus denen hervorgeht, dass eine bestimmte Anzahl von Containern auf ein Schiff verladen wurde mit dem Ziel China und dass die Fracht bis zum chinesischen Ziel vom Lieferanten bezahlt war.

Die internationale Frachtschifffahrt arbeitet ähnlich wie in Deutschland zum Beispiel die Eisenbahn.

Die Bahn kassiert pro Fahrgast eine Gebühr dafür, dass sie den Fahrgast von A nach B transportiert.

Ob der Passagier dabei eine alte Oma, ein Kind, ein Priester oder ein Schwerverbrecher ist – das ist der Bahn egal.

Sie ist nur verantwortlich für einen korrekten Transport von A nach B.

Genauso ist es bei der Schifffahrt.

Der Schiffseigentümer, also die Reederei, nimmt eine Gebühr dafür, dass sie einen Container von A nach B transportiert. In unserem Fall also von Katar bis zu einem chinesischen Hafen.

Was in diesem Container drin ist, interessiert die Reederei nicht – es sei denn, es handelt sich um verbotene Waren, explosive oder sonstige gefährliche Güter.

Das war natürlich bei unseren dummen, dicken, gesalzenen Lammfellen nicht der Fall.

Der Trick, mit dem Mohammed uns ausschalten wollte, war aus seiner Sicht brillant und tödlich.

Tödlich für uns.

Die Vorbereitung war wie folgt:

Er sagte, er wolle nicht mehr alle drei Tage einen Container nach China schicken.

Es sei einfacher, besser und günstiger, nur noch einmal im Monat in einer geschlossenen Sendung eine größere Menge von Container zu schicken.

Das würden dann voraussichtlich 20 Container werden und da gibt es bei der Reederei einen guten  Rabatt für die Fracht und alles andere würde er auch besser organisieren können.

Und vielleicht sei es für die Chinesen ja auch besser, wenn sie in einem längeren Abstand regelmäßig mit neuer Ware versorgt werden.

Die Chinesen und auch ich hatten im Prinzip nichts gegen so einen Plan.

Am Ende kommenden Monats sollten dann also die ersten 20 Container per Sammelladung nach China verschifft werden.

Ich erhielt dann aber kurz vor Monatsende eine Nachricht von Mohammed, dass das Schiff schon voll war und keine weiteren Container mehr aufnehmen könne.

Er würde deswegen am Ende des nächsten Monats zwei Monats-Mengen, also  40 Container schicken.

Ich wusste, dass die chinesischen Gerbereien immer einen großen Vorrat an Rohware hatten. Die Transportwege innerhalb Chinas waren zu jener Zeit sehr lang, im Winter kamen die LKW und auch die Bahn oftmals nur schwer zu diesen entlegenen Fabriken. Es gab häufiger Probleme mit Strom und Heizung – da war ein großes Vorratslager wichtig.

Ich informierte die Chinesen also über die zweimonatige Verzögerung in Katar und man sagte, man werde die Zeit mit eigener Ware überbrücken können.

Daraufhin erklärte ich mich Mohamed gegenüber mit einer Lieferung von 40 Container am Ende des nächsten Monats einverstanden

Kapitel 16

Ein geheimnisvoller Freund

Was jetzt geschah werde ich nie vergessen.

Ich war in Hamburg, es war der Donnerstagabend vor dem langen Pfingstwochenende.

Wir hatten seit sieben Wochen keine Ware mehr von Katar nach China verladen und Mohammed sagte uns, er hätte jetzt 40 Container fertig, die würden alle zusammen nächste Woche – also in der Woche nach Pfingsten – nach China verladen werden.

Für mich war das alles logisch, klar und abgesprochen.

Am Freitag wird ja bekanntlich in den arabischen Ländern nicht gearbeitet, der Freitag ist dort arbeitsfreier Tag so wie bei uns der Sonntag.

Dafür wird in Arabien am Sonnabend und natürlich auch am Sonntag ganz normal gearbeitet.

Und Mohammed wusste, dass wegen Pfingsten auch am Montag in Deutschland Feiertag war – und dass auch an diesem Montag niemand in deutschen Büros arbeiten würde.

An diesem Donnerstagabend vor dem großen langen Pfingstwochenende erhielt ich am späten Nachmittag ein Telex aus Doha.

Telex war früher die normale Art der schnellen Verbindung, mit diesen Telex-Maschinen wurden praktisch Texte direkt von A nach B geschickt, so ähnlich wie danach Fax und Internet.

Als ich das Telex aus der Maschine nahm, wunderte ich mich zuerst über den Absender, ich kannte diese Abkürzung des Absenders nicht.

Ich konnte aber aus dem Code der Nachricht sehen, dass dieses Telex aus Katar kam.

Der Inhalt war so schockierend, dass ich nicht wusste, ob sich hier jemand einen Spaß mit uns machen würde oder was dahintersteckt.

Der Text war auf englisch und lautete verkürzt ungefähr wie folgt

„Lieber Bruder Thewes (in den arabischen Ländern war das unter Freunden die normale Anrede, wenn man sich kannte und gut verstand) – ich kenne dich seit drei Jahren, seitdem du in Katar erschienen bist.

Ich weiß du bist ein guter Mensch, fleißig und versuchst alles so gut wie möglich zu machen. Ich darf dir nicht sagen wer ich bin, das ist für mich lebensgefährlich.

Ich kenne die ganzen Geschäfte von deinem Freund Mohammed und ich weiß was er geplant hat und was jetzt passiert.

Ich habe nur diese eine Möglichkeit, dich zu warnen, es ist sehr ernst.

Mohammed hat in den letzten Wochen viele Container gekauft. Er hat sie mit Sand und Kamelscheiße gefüllt und sie stehen schon im Hafen. Insgesamt ca. 40 Container.

Die Container mit den Lammfellen, die eure Chinesen geprüft haben, hat er an eine andere Stelle hier in Doha bringen lassen.

Am Montag sollen 40 Container mit Wüstensand und Kamelscheiße nach China verladen werden.

Er wird dann mit den Papieren dieser 40  Wüstensand – Container hier in Doha  zur Bank gehen und das ganze Geld kassieren.

Ihr werdet den Inhalt der Container erst erkennen, wenn sie zwei oder drei Monate später in China in der Fabrik eingetroffen sind.

Mohammed hat Kontakt aufgenommen mit zwei chinesischen Firmen aus Hongkong, die ich nicht kenne. Diese Hongkong-Firmen arbeiten alle auf Provision und haben von Waren keine Ahnung, sie leben von ihren Kontakten in China.

Sie haben Mohamed versprochen, dass sie eure Ware zu besseren Preisen an andere Fabriken in China verkaufen können.

An diese beiden Hongkong-Firmen will Mohamed alle deine 40 Container mit deinen Lammfellen schicken.

Ich weiß nicht, wie du es schaffen kannst, aber Du musst deine Bankgarantie sofort stoppen, sonst bezahlst Du Millionen Dollar für Wüstensand und Kamelscheisse.

Ich kann dir nur sagen, dass am Sonntag oder Montag hier die Millionen aus der Garantie ausgezahlt werden, wenn Mohammed mit den Dokumenten über deine 40 Container Wüstensand zur Bank geht.

Ich bin in großer Gefahr, es kann sein, dass du nie wieder von mir hörst. Ich habe mich entschlossen, dir dieses zu schreiben, weil ich weiß, was gestern und heute hier vorbereitet wurde. Mehr kann ich Dir nicht schreiben.

Dein Freund.“

Das war die Situation am Donnerstagabend.

Ich hatte im Prinzip niemand in Hamburg, mit dem ich mich über dieses Telex aus Doha unterhalten konnte.

Ich war inzwischen Inhaber der Firma geworden, mein Vater kümmerte sich nur noch um bestimmte Gebiete des Geschäfts, aber mit der ganzen Sache von China und dem Arabischen Golf wollte er von Anfang an nichts zu tun haben, das war ihm alles zu mysteriös und nicht mit seinem gewohnten Arbeitsstil als Hamburger Kaufmann und Makler zu vereinbaren.

Ich hatte jetzt nur noch den Freitag vor Pfingsten zur Verfügung um irgendetwas zu tun – und um die Firma zu retten.

Und die Familie.

Wenn wir tatsächlich am Sonntag oder Montag mehrere Millionen US-Dollar in Katar verlieren würden, weil das Geld ausgezahlt wird gegen eine Betrugs-Lieferung, dann war unsere Firma und auch meine Familie erledigt.

Ich hatte im Laufe der Jahre, die ich inzwischen in Hamburg arbeitete, schon gelegentlich einige Pleiten von Kunden erlebt.

Aber zum einen waren wir gegen Kunden Pleite in einem gewissen Rahmen versichert und  zum anderen gab es nach einer Pleite bei irgendeinem Kunden meistens noch Ware, die man zurücknehmen konnte.

Solche Kunden-Pleiten gab es, sie waren unangenehm, aber sie gehörten zum normalen Geschäft, oder besser gesagt zum normalen Geschäfts-Risiko.

Hier sollte sich jetzt aber innerhalb von wenigen Stunden das Schicksal meiner Firma und meiner Familie entscheiden.

Immer vorausgesetzt, dass die Information aus Doha wahr war.

Ich hatte die meisten der arabischen Geschäftspartner, mit denen ich es bis dahin zu tun hatte, als Menschen kennengelernt, die ganz wenig Sinn für Humor hatten.

Selbst die Chinesen hatten, nach meiner Erfahrung, mehr Humor als Araber – und insofern glaubte ich nicht, dass hier jemand aus Doha einen  üblen Streich mit uns oder mit mir spielen wollte.

Ich musste also nach einigem Nachdenken erkennen, dass das, was ich hier vor mir als Telex liegen hatte, die Wahrheit war.

Das große Problem war jetzt, dass ich außer diesem Papier überhaupt keine anderen Unterlagen oder Beweise haben würde, um auch nur das geringste bei unserer Bank zu erreichen, damit sie die Bankgarantie von heute auf morgen oder innerhalb von wenigen Stunden löscht, aussetzt oder sonst wie annulliert.

Für eine Bank ist eine Bankgarantie das Höchste was es gibt und bedeutet einer Bank mehr als dem Bischof die Bibel.

Trotzdem blieb mir nichts anderes übrig, als am Freitagmorgen sofort zur Bank zu fahren und das ganze zu besprechen.

Ich war nächsten Morgen um Punkt neun Uhr bei der Bank und um 9:30 Uhr gab es eine Konferenz mit einigen der leitenden Herren der  Kreditabteilung.

Die Stimmung war eisig.

Es ging  natürlich um das Renommee einer großen deutschen Bank.

Alle Banken hatten Investitionen in Arabien, alle hatten dort versucht, viel Geld zu verdienen und vor allem versucht, dabei ihre Reputation im arabischen Raum immer größer und stärker werden zu lassen.

Eine Annullierung oder Zurücknahme einer unwiderruflich gegebenen Bankgarantie in Millionenhöhe würde nicht nur das Ansehen dieser Bank im arabischen Raum erschüttern, sondern auch Auswirkungen auf das Renommee anderen deutschen Banken dort haben – so wurde es mir in wenigen Sätzen vom Leiter der Kreditabteilung meiner Bank erklärt.

So etwas sei noch nie vorgekommen und werde auch nicht vorkommen.

Mir wurde  klar gesagt, so ein Zettel  aus einer Telex- Maschine, den ich da vorlegte, das sei, mit allem Respekt, nicht mehr als Klopapier.

Nie im Leben würde die Bank aufgrund eines solchen Telex-Textes eine einmal gegebene unwiderrufliche Bankgarantie zurückziehen.

Da ich nichts weiter vorbringen konnte und das Überleben meiner Firma und meiner Familie die Bank-Leiter zwar zu einem Ausdruck des Bedauerns bewegte, aber auch zu nichts mehr –  verabschiedete ich mich dort nach weiteren vergeblichen 10 Minuten, um in Ruhe dem Untergang meiner Firma an diesem Vormittag entgegen zu sehen.

Ich hatte während der Dreiviertelstunde, die ich mit den Gremium der Bank diskutiert hatte, von allen Anwesenden gehört, dass man selbstverständlich zu einer einmal gegebenen unwiderruflichen Bankgarantie stehen würde, vorausgesetzt, die darin enthaltenen Dokumente würden präsentiert werden.

Und dann gab es von irgend jemanden, der sich damit wohl eher wichtig machen wollte, den Zusatz, es sei denn, irgend ein Gericht würde es der Bank verbieten, aber das sei ja völlig ausgeschlossen und noch nie passiert.

Diese letzten beiden Bemerkungen gingen in dem Schwall der Entrüstung der anderen Bank-Direktoren ziemlich unter. Ich selber hatte sie zwar gehört, aber nicht in irgendeiner Form verarbeitet oder darüber nachgedacht.

Ich  verließ die Bank und wusste nicht, was ich noch  tun sollte.

Ich ging zu der Kanzlei unseres Rechtsanwalts, der unsere Firma bei den wenigen Sachen vertrat, die wir per Gericht durchsetzen mussten.

Das waren meist irgendwelche kleine Kunden, denen man zusammen mit der Rechnung gleich eine Kopie des Mahnschreibens des Rechtsanwaltes mitschicken sollte, denn sie zahlten aus Prinzip erst nach der 4. Mahnung. Aber dann zahlten sie.

Oder es gab Probleme mit einer Versicherung, deren Prinzip es war, jede Zahlung zu verweigern, um dann, wenn der Kunde keine Geld mehr hatte, um weiter vor Gericht zu prozessieren, einen billigen Vergleichsvorschlag zu machen.

Das waren ziemlich eingespielte Rituale – aber hier ging es jetzt um unsere Firma mit vielen treuen langjährigen Angestellten, um tausende von chinesischen Arbeitern mit ihren Familien und um meine eigene Familie.

Ich hatte Glück, der Rechtsanwalt hatte keinen Gerichtstermin.

Nachdem ich anfing, ihm das ganze zu erzählen, unterbrach er mich nach 10 Minuten und sagte

ruhig und eindringlich:

„Thewes – wir kannten uns von unserem Hockeyclub – es ist jetzt kurz vor elf Uhr.

Du hast noch 1 Stunde Zeit, dir im Landesgericht hier eine einstweilige Verfügung gegen die Bank zu besorgen – nein, es muss ein Oberlandesgericht sein, denn der Streitwert ist ja einige Millionen.

Ich kann dir nur die Adresse geben und dir die Abteilung sagen die dafür zuständig ist, mehr nicht.

Lass uns jetzt aufhören und versuch einfach, ob du dort irgendetwas erreichen kannst. “

Kapitel 17

Der Richter

„So, nun erzählen Sie mir bitte das ganze nochmal. Aber bitte so, dass ich es auch verstehen kann… “

Der Mann, dem ich kurz vor zwölf in einem der großen Hamburger Gerichtsgebäude gegenüber saß, sah mich unbewegt an.

Dann fuhr er fort :

„Ich habe vor kurzem den Anruf Ihres Anwalts bekommen.

Ihr Anwalt, den ich seit langem kenne, sagte mir nur, dass die Sache offensichtlich sehr ernst sei und ich bin bereit, Ihnen zuzuhören.

Aber bitte seien Sie nicht so aufgeregt und versuchen Sie, alles einigermaßen verständlich zu erzählen.“

Ich hatte außer dem Telex, das ich am Nachmittag des Vortages erhalten hatte, keine weiteren Papiere in der Hand.

Wie sollte ich jetzt in wenigen Minuten all das erzählen, was sich in den letzten Jahren ereignet hatte, bis hin zu der Konsequenz, die ich jetzt in wenigen Stunden am eigenen Leibe erfahren würde.

Ich nahm mich zusammen und versuchte in kurzen und einigermaßen klaren Sätzen die Situation zu erklären.

Es lief aber auch hier bei diesem Richter des Oberlandesgerichts darauf hinaus, dass der ruhige, weißhaarige Richter nach weiteren Beweisen fragte – denn das, was ich in der Hand hielt, konnte entweder das Ende unserer Familie, oder ein Scherz, oder ein Stück Klopapier sein… Niemand konnte es wirklich beurteilen.

Dem Richter, mir gegenüber, war aber klar, dass die ganze Sache für mich von extremer Wichtigkeit war.

Er blickte mich dann nach einigem Schweigen an und wechselte urplötzlich das Thema.

„Sagen Sie, Herr Henckell, auf ihrer Visitenkarte schreiben sie sich Henckell mit ck und zwei l.

Soweit ich weiß, ist das eine sehr ungewöhnliche Schreibweise dieses Namens.

Und ich selber kenne auch nur einen Menschen, der sich so schreibt.

Haben Sie irgendetwas zu tun mit einem gewissen Hebbie Henckell ?

Ich schluckte bei dieser Bemerkung, denn dieses Gespräch nahm jetzt eine völlig unerwartete Wendung.

„Ja, Herr Richter, natürlich.

Es ist mein Vater.

Er heißt Herbert Henckell – aber die ganze Welt nennt ihn nur Hebbie Henckell.“

Ich bemerkte ein kurzes aufblitzen in den Augen des älteren Richters und er fragte:

„Was sind die Hobbys ihres Vaters?“

Ich sagte, meine Familie sei seit Generationen Mitglied im HTHC, einem der ältesten und renommiertesten  Hockey- und Tennis-Clubs von Hamburg.

Mein Vater Hebbie Henckell spielt dort Hockey seit vielen Jahrzehnten, wahrscheinlich schon seitdem er laufen konnte – immer als Linksaußen, auf dem Spielfeld und danach an der Bar.

Zurzeit spielt mein Vater im HTHC in der ersten Seniorenmannschaft und ich bei den zweiten Herren.

Der Richter sagte nur:

„Gut,  dann stimmt es doch alles.

Ich selber spiele ebenfalls seit vielen Jahrzehnten Hockey in einem anderen Hamburger Hockey Club, dieser Club ist genauso ein Traditionsverein wie der HTHC.

Und ich habe in den letzten 20 oder 30 Jahren unzählige Male gegen Hebbie Henckell auf dem Hockeyplatz gespielt und mit ihm und seiner Mannschaft hinterher im Club unser Bierchen getrunken und Sieg oder Niederlage gefeiert…“

Ich unterbrach ihn, um diesen Punkt noch zu verstärken und sagte nur:

„Dann kennen Sie auch sicher Doktor soundso, den Mannschaftsarzt und Doktor soundso, den Apotheker und einer in der Mannschaft meines Vaters ist Richter soundso und ein anderer ist Anwalt soundso und dann gibt es noch den Kaffee-Mühlenbesitzer usw…“

Ich kannte die gesamte Hockey Mannschaft meines Vaters wirklich gut, viele seiner Mannschaftskameraden gehörten auch zum großen privaten Freundeskreis meiner Eltern.

Als ich jetzt die Namen der Mannschaftskollegen so auf zählte, lächelte er und sagte nur

„Gut, ich weiß jetzt Bescheid.

Ich habe Hebbie Henckell immer geschätzt für seine Fairness, seinen sportlichen Einsatz auf dem Platz und dafür, dass wir hinterher gemeinsam oft noch einige schöne Stunden hatten.

Wenn diese ganze Sache jetzt tatsächlich so ist, dass ihre Familie durch all das, was sie mir geschildert haben, in höchster Gefahr ist, dann will ich jetzt eine Entscheidung treffen.

Sehen Sie, ich habe nur Ihre Aussage und dieses eine Stück Papier.

Ich kann aufgrund meiner Entscheidung jetzt eine einstweilige Verfügung gegen ihre Bank unterschreiben.

Das bedeutet aber nicht, dass sie die ganze Sache schon gewonnen haben.

Es bedeutet lediglich, dass Ihre Hamburger Bank sofort – noch heute – der Bank in Doha in Katar mitteilen muss, dass die Bankgarantie aufgehoben ist, bis zum Moment einer gerichtlichen Entscheidung.

Natürlich wird die Rechtsabteilung der Hamburger Bank gegen meine Entscheidung Einspruch erheben und dann kommt es zu einer ganz normalen Verhandlung.

Die Bank wird sich darauf berufen, dass überhaupt kein Grund vorliegt, der sie an der Auszahlung ihrer Bankgarantie hindern sollte.

Sie müssen sich dann entsprechend verteidigen und versuchen, so viel wie möglich weitere Beweise zu bekommen.

Aber das wichtigste ist, dass bis zu diesem Moment durch meine Verfügung der Bank untersagt wird,  jetzt automatisch zu zahlen.

Und noch ein weiterer Tipp:

Wenn ich Ihnen jetzt diese Entscheidung schriftlich mitgebe und sie damit sofort zu ihrer Bank gehen, werde ich innerhalb von 10 Minuten hier die Rechtsanwälte der Bank bei mir haben und muss dann wahrscheinlich, aufgrund der extrem dünnen Beweislage, ihrer Bank doch erlauben zu zahlen.

Heute ist Freitag und die Bank hat bis 15 Uhr geöffnet. Gearbeitet wird in der Bank aber bis 16 Uhr, sowie ich weiß.

Sie sollten also mit dieser einstweiligen Verfügung erst ganz kurz vor 15 Uhr dort erscheinen und sich den Erhalt des Dokuments schriftlich bestätigen lassen

Wenn sie Glück haben, wird dann mit dieser einstweiligen Verfügung heute in der Bank nichts mehr geschehen.

Sie müssen aber gleichzeitig sich noch direkt an Ihre Bank wenden und auf diese Einstweilige Verfügung ganz klar aufmerksam machen und Ihre Bank anweisen, entsprechend zu verfahren.

Das bedeutet, Ihre Hamburger Bank muss noch heute im Laufe des Nachmittags eine Eilmeldung nach Katar schicken, dass die Bankgarantie derzeit durch juristischen Eingriff gestoppt wurde – bis durch eine Entscheidung in einem Gerichtstermin in der nächsten Woche die Rechtmäßigkeit dieser einstweiligen Verfügung bestätigt oder verworfen wird.

Sie müssen also nachher noch Blitz-Telegramme schicken an die Mitglieder der Kreditabteilung ihrer Bank und sie müssen per Telex ebenfalls den Text an die Bank schicken, damit nachgewiesen ist, dass die Bank Kenntnis meiner Verfügung erlangt hat.

Wenn alles so gemacht wird, muss die Bank in Doha die Auszahlung in Katar stoppen oder später aus eigenen Tasche bezahlen.

Er fing dann an, noch weitere juristischen Einzelheiten zu erzählen, die ich nicht begriff und rief seine Sekretärin, um ein entsprechendes Schriftstück aufzusetzen.

Ich glaube, ich bin noch nie in meinem Leben innerhalb von so kurzer Zeit so erleichtert und von einer riesigen Last befreit worden.

Kapitel 18

Warten

Nachmittags um zehn vor drei stand ich in der großen Kundenhalle der Bank, ließ einen Mitarbeiter der Kreditabteilung rufen und der quittierte mir den Empfang dieses offiziellen Schriftstücks.

Er wusste nicht, was der Hintergrund dieser ganzen Sache war und hatte offensichtlich auch wenig Lust, sich jetzt wenige Minuten vor dem langen Pfingstwochenende mit der Sache selbst noch in irgendeiner Form zu beschäftigen.

Ich verließ die Bank und raste zu unserem Büro.

Zusammen mit meiner Sekretärin schickten wir dann noch mehrere Blitz-Telegramme an die Direktoren dieser Bank, schrieben den gesamten Text der richterlichen Verfügung zur Sicherheit noch einmal ab und schickten es per Telex an unsere Hamburger Bank.

Wir  forderten die Hamburger Bank auf, dass sie auf Grund dieser einstweiligen Verfügung sofort ihrer Korrespondenzbank in Katar mitteilen soll, dass eine Auszahlung von Geldern aus der Bankgarantie von einem Hamburger Gericht bis auf weiteres verboten wurde.

Ich habe dann an diesem historischen Freitag vor Pfingsten nur noch in unserem Büro gesessen und stundenlang am Schreibtisch vor mich hin gestarrt.

Ich erwartete irgendwelche Anrufe, die nicht kamen oder Telex, die nicht eintrafen.

Abends um neun fuhr ich nach Hause und hatte niemanden, dem ich das Ganze erzählen konnte.

Am Sonnabend Nachmittag erhielt ich den Anruf von Mohammed, der mich nur kurz fragte, was denn da plötzlich in Hamburg los sei, er verstünde das alles nicht.

Ich sagte nur die Telefonverbindung ist so schlecht, dass ich ihn praktisch nicht verstehen kann und er soll mir das Ganze schriftlich geben.

Ich wusste, dass er, wie die allermeisten Araber, es hasste, sich in schriftlicher Form zu irgendetwas zu äußern – und so war es dann auch.

Es kam am Sonnabend nichts mehr aus Katar.

Es kam am Sonntag nichts mehr aus Katar.

Am Pfingstmontag hatte ich ein Hockeyspiel.

Ich kam danach erst im Laufe des späten Nachmittags nach Hause.

Meine liebe Frau hat mich wohl noch nie so erlebt.

Ich war wohl irgendwie eine Mischung aus betrunken und total verwirrt, ich konnte ihr weder auf deutsch noch auf spanisch all das erzählen, was passiert war und redete wirr immer nur von Hamburger Sport-Clubs.

Zwei Hamburger Hockey-Clubs hatten uns an diesem Wochenende vor einer Katastrophe bewahrt.

Auch wenn ich selber einige Zeit später den Sport wechselte, vom Hockey hin zum Segeln und Windsurfen – diese beiden Hockey-Clubs und darin die beiden Mannschaften der Generation meines Vaters hatten uns gerettet und waren für uns alle einer der ganz großen Glücksfälle in einer ganz beschissenen Situation.

Es hat dann später nie eine Verhandlung gegeben.

Die Araber in Katar  haben sich nicht mehr an die Bank in Doha gewandt und die Bankgarantie ist nie wieder angefordert worden.

Die Hamburger Bank hat alle Geschäftsbeziehungen mit uns abgebrochen und in einigen Hamburger Anwalts- und Richter-Kreisen ist diese Geschichte noch lange erzählt worden.

Ich habe niemals herausbekommen, wer der Absender des Telex war, das wir am Donnerstag nachmittag vor Pfingsten aus Katar erhielten.

Diesem Unbekannten verdanke ich, das meine Familie und unser Geschäft gerettet wurden.

Kapitel 19

China und die 40 Kisten

Natürlich traute ich mich nicht mehr, nach Katar zu reisen.

Ich hatte schlicht Angst vor der Rache Mohammeds und seinen Komplizen.

Sie haben nie erfahren, wie ich durch sehr viel Glück und durch die  Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zweier Menschen in Katar und in Hamburg überleben konnte.

Die chinesische Gruppe, die noch in Katar war, um jeden Morgen die rohen Lammfelle zu sortieren und zu salzen, berichtete dann ihrer Zentrale in China, das kurze Zeit später 80 Container auf ein Schiff verladen wurden.

Sie wussten von 40 Containern, in denen Ware war, die sie selber sortiert  hatten.

Was in den anderen 40 Containern war, haben die Chinesen in Katar nie herausbekommen.

Ich reiste kurze Zeit später in die Arabischen Emirate nach Dubai, Abu Dhabi und andere Orte, um dort weiter in den dortigen Schlachthöfen Ware zu besichtigen und zu kaufen.

Es waren aber nur noch gelegentliche Käufe – ein System mit einer Warenkontrolle und allem was dazu gehört konnte ich nicht wieder aufbauen.

Es war auch nicht nötig, denn in Australien selber hatte man inzwischen genau die Methode entwickelt, die es am Golf gab.

Es wurde jetzt direkt in Australien alles gesalzen und auf Paletten dann per Container nach China geschickt.

Ich selber war drei oder vier Monate später das nächste Mal in China.

Mir wurde berichtet, dass es zwei Hongkong – Firmen gab, die alle größeren Gerbereien in China abklapperten um, dort viele Container mit rohen, gesalzenen Schaffellen zu verkaufen.

Die Chinesen wussten inzwischen durch meine Erzählung, was in Katar passiert war.

Die Branche ist klein und die Chinesen lieben es, sich kleine und größere Geschichten zu erzählen.

Sie kannten sich untereinander und so wusste bald jeder, dass irgendwo in einem Hafen in Nordchina viele Container mit arabischen Schaffellen lagerten – und auch viele Container mit einem Inhalt, über den man lieber nicht sprechen sollte.

Kapitel 20

Bitte Zahlen

Man  trifft sich im Leben immer zweimal.

Ich war drei Monate später wieder in China und wurde durch Chinesen, die ich noch nicht kannte, gebeten, zu einem bestimmten Hotel zu kommen.

Dort traf ich Mohammed.

Ich glaube, ich war selten in meinem Leben so überrascht wie in diesem Moment.

Ein Mitarbeiter unserer chinesischen Firma, der im Rahmen seiner Ausbildung vor vielen Jahren länger in Deutschland war und sehr gut Deutsch sprach, war zufällig auch dort anwesend und er erzählte mir dann die folgende Geschichte auf deutsch, damit niemand wusste, was er mir jetzt alles sagte:

Mohammed hatte die 80 Container nach China geschickt.

Die 40 Container mit der guten Ware wollte er an eine andere chinesische Firma liefern, die sollte dann daraus Lammfellprodukte machen.

Und zwar in Fabriken, die nicht zu uns gehören, respektive für uns arbeiteten.

Die anderen 40 Container waren in Doha auch schon an Bord des gleichen Schiffes gelangt.

Diese falschen Container sollten ja an sich von uns aus Hamburg bezahlt werden und es war Mohammed egal, was mit diesen Containern geschehen würde.

Es sind dann 80 Container in China angekommen.

Als erstes wurden alle beschlagnahmt.

Aufgrund von chinesischen Veterinär-Gesetzen wurden die 40 Container mit Wüstensand und Kamelscheiße nach Beschlagnahme sofort entsorgt. Der gesamte Wüstensand wurde gesiebt und von der Kamelscheisse getrennt. Der Sand wurde genau kontrolliert und dann ins Meer geschmissen, es  war ja eine Hafenstadt. Der Kameldung wurde verbrannt und das alles kostete extrem viel Geld.

Alles musste vom Eigentümer der 40 Wüstensand Container bezahlt werden. Und weil die Bank in Doha tatsächlich die Auszahlung der Bankgarantie verweigerte, blieb Mohammed in allen Warenbegleitpapieren der einzige und rechtmäßige Besitzer.

Er musste als rechtmäßiger Eigentümer des Inhalts dieser 40 Container alles bezahlen, was in den diversen Rechnungen der verschiedensten chinesischen Behörden zusammen kam. Umgerechnet total etwas mehr als 300.000 Dollar.

Und weil unklar war, ob Mohammed soviel Geld haben würde, wurden zur Sicherheit auch gleich die anderen 40 Container von diesen Behörden beschlagnahmt.

Außerdem hatte er ja bereits die Fracht der Sand- Container nach China bezahlt und sicherlich auch das eine oder andere in der Vorbereitung dieser Aktion.

Kapitel 21

Chinesische Verträge

Mit den anderen 40 Containern, die gute Ware enthielten, passierte erst mal gar nichts.

Die Bemühungen der beiden Hongkong-Firmen, diese Ware in China zu verkaufen, schlugen fehl.

Der Grund war nicht der Preis oder die Qualität, das wäre alles in Ordnung gewesen.

Mohammed war inzwischen auch bereit, diese  Ware extrem billig abzugeben und die Qualität war sicherlich auch gut, denn sie war von unseren eigenen Chinesen in Doha kontrolliert worden.

Der Grund der Weigerung der chinesischen Fabriken war etwas ganz anderes, was Mohammed nie gewusst hatte und was auch seine Hongkong-Partner jetzt zum ersten Mal hörten.

Es gab für diese Ware keinen Buy-Back-Vertrag.

In China gab es zu dieser Zeit ganz einfache Gesetze.

Wenn eine Fabrik rohe Lammfelle auf dem Weltmarkt kaufen wollte, konnte sie es tun, musste aber bei der Einfuhr darauf 40 Prozent Import-Zoll bezahlen.

Konnte die Fabrik aber einen Vertrag mit einer ausländischen Firma vorweisen, in dem der ausländische Kunde die Fertig-Waren zurückkaufte, die aus dieser Rohware hergestellt wurde, so konnten die Waren zollfrei nach China reingebracht werden.

Bedingung war aber, dass bereits bei der Einfuhr eine Bankgarantie des ausländischen Kunden für die Abnahme des Fertigprodukts vorlag und dass der ganze Fertigungsprozess nicht länger als 6 Monate dauerte.

Ich wusste natürlich von diesen Vorschriften und wir hatten für alle Waren, die wir nach China lieferten, gleichzeitig solche Buy-Back, also Rückkauf-Kontrakte gemacht, in denen ich die Fertigprodukte zurückkaufte.

Das war im Grunde auch Sinn der ganzen Sache, denn der Hauptartikel Lammfell-Autositzbezüge war in China selber völlig unbekannt und wäre nie zu verkaufen gewesen.

Mohammed hätte also erst einmal Verträge für ein Fertigprodukt mit den Chinesen machen müssen, dann hätte er eine Bankgarantie für diese Verträge nach China schicken müssen und danach erst hätte er eine Möglichkeit gehabt, seine 40 Container in China irgendwohin zu liefern.

Er hätte also nicht nur, von vornherein, die chinesische Seite mit Rück-Kauf-Verträgen und Bankgarantien bedenken müssen, sondern sich gleichzeitig auch schon Kunden für das Fertigprodukt irgendwo in Europa suchen müssen.

All das war natürlich Mohammed und seinen Hongkong Freunden nicht bekannt.

Und nun saß er hier in Nordchina im Hotel und wusste nicht, was er mit seinen vierzig Container mit schönen Lammfellen machen sollte.

Lagergeld, Zinsen, Frachten, Chinesische Behörden – alle wollten etwas von ihm und er verstand nur noch Bahnhof.

Der Hafen-Inspektor hatte ihm gerade mitgeteilt, dass alle Container, die länger als 6 Monate im Hafen lagern, ohne dass sie weiter transportiert worden sind, dass diese Container nach chinesischem Gesetzt beschlagnahmt werden, weil sie Platz wegnehme. Und wenn man sie aus irgendwelchen Gründen nicht nach China importieren wollte oder konnte, dann würde der Inhalt eben vernichtet werden.

Alle Kosten zu Lasten des Eigentümers der Container.

Mohamed war am Ende.

Sein Stolz verbot es ihm, sich in dieser Situation wieder an mich zu wenden.

Also sollte, über die beiden Hongkong Firmen, ein Ausweg gesucht werden.

Ich war der einzige, der solche Buy-Back-Verträge hatte und der die Ware schnell und problemlos nach China rein bekommen könnte.

In dem Hotel gab es zwei Tage und Nächte lang sehr intensive Besprechungen.

Unten in der Hotel Lobby zwischen Mohammed, seinen beiden Hongkong-Freunden und vielen Offiziellen vom Zoll, den Hafen-Behörden und der Veterinär-Polizei.

Im ersten Stock zwischen den Direktoren der 6 Fabriken, die für uns arbeiteten, Mitgliedern meiner China-Firma und einigen chinesischen Bank-Direktoren, die sich um die Formalitäten dieser zusätzlichen Mengen an Rohwaren kümmern würden.

Das wichtigste dabei waren die vielen gemeinsamen Essen, die abends meistens so lange dauerten bis der Strom ausfiel.

Oder jemand anders umfiel.

Kapitel 22

Zweimal in China

Es siegte der gesunde chinesische Pragmatismus.

Es wurde in den nächsten Monaten in einigen Fabriken in China eine besonders gute und günstige Rohware verarbeitet – die chinesischen  Direktoren hielten sich, wenn sie darüber berichteten, nach alter chinesischer Sitte die Hand vor den Mund.

Das bedeutete, dass sie etwas erzählten, was sehr zu ihrem Vorteil ausging.

Die gesamten 40 Container Ware wurden für ein Trinkgeld von den Chinesen übernommen.

Mit dem Geld wurden erst mal alle Gebühren und Kosten bezahlt, die durch die insgesamt 80 Container in China entstanden waren.

Zum Schluss reichte es gerade noch für zwei Rückflugtickets nach Hongkong, die Hotelkosten und einige Erinnerungs-Geschenke, die Mohammed für seine insgesamt vier Frauen in Doha kaufte.

Er war immerhin zweimal zur gleichen Zeit in China gewesen – das erste und das letzte Mal.

Ich selber habe noch nie so billige und günstige Ware aus dem arabischen Raum in China zur Produktion gehabt, wie bei diesen 40 Containern.

Ich habe aber auch bis heute nicht vergessen, dass ich am Anfang dieser Geschichte so viel Blut und Wasser geschwitzt habe wie niemals zuvor und niemals danach in meinem Leben.

Und ich bin bis heute, dem unbekannten Arabischen Freund und dem Hockey spielenden Richter unendlich dankbar.

Beide habe ich nie wieder gesehen.

Dies war das Ende der arabischen Episode, die ich über ungefähr sechs Jahre aufgebaut, gepflegt und geleitet hatte.

Epilog

Wenn ich jetzt nach vielen Jahrzehnten zum Abschied mit meiner großen Enkelin und meiner lieben Frau diesen Teil der Welt – den geheimnisvollen Arabischen Golf – noch einmal kurz besuche, so kennt mit Sicherheit niemand den Hintergrund dieser kleinen Abschiedsreise.

Es sei denn, er hat meine arabischen Geschichten wirklich bis zum Ende durchgelesen.