Die Vorbereitung

Prolog

Im Kinderzimmer

Die Antwort verblüffte ihn.

Er bewegte seinen Kopf kurz zur Seite und blickte etwas ratlos nach oben. Er war es gewohnt, sich in ungewöhnlichen Situationen neben sich zu stellen. Das Geschehen zu erfassen, zu analysieren und zu erklären.

Hier aber war von alldem nichts zu machen.

Das kleine Mädchen in dem Kinderbett vor ihm hatte ihn mit seinen eigenen Mitteln geschlagen. Er war stolz auf seine Enkelin und akzeptierte ihre Antwort uneingeschränkt.

Gemeinsamkeiten

Wie lange hatte er vorher an dieser Situation gearbeitet – viele Stunden an sehr vielen Tagen.

Er wollte den kleinen Blondschopf ganz behutsam an die Themen seiner beiden Geschichten heranführen, an denen er fast  jeden Abend etwas arbeitete und die nach seiner festen Überzeugung die beiden letzten  Geschichten sein sollten, die er für sich und seine Freunde schreiben wird.

Er hatte einen Großteil seines Lebens mit Tieren verbracht. Das wusste seine Familie und das wusste auch seine kleine Enkelin.

Nur wusste Thomas – so hieß der Großvater des kleinen Mädchens, das ihm inzwischen mit schon etwas müden Augen ansah – immer noch nicht genau, wie er dies anstellen sollte, ohne eventuell die Gefühle und Empfindungen seiner kleinen Zuhörerin zu verletzen.

Schließlich hatte er einen Weg gefunden, von dem er glaubte, dass er sowohl kindgerecht als auch interessant genug sein würde, um die nötige Aufmerksamkeit zu erlangen. Und um seine kleine Zuhörerin an diesem Abend für all dies zu gewinnen und zu begeistern hatte er sich folgende Frage ausgedacht:

„Was haben Kühe, Katzen, Ratten, Krokodile, Affen, Schildkröten und Pumas alle gemeinsam?“

Und er wollte dann mit der Auflösung des Rätsels – dass es sich bei all diesen Tieren in den verschiedensten Teilen dieser Welt um heilige Tiere handelt – zu seinem eigentlichen Thema überleiten.

Nachdem er diese wohl überlegte Frage in das Kinderbett hineingesprochen hatte, überlegte die kleine Enkelin. Sie hatte beim ersten Mal nicht alle Tiere so richtig mitbekommen und bat ihren Opa, sie noch mal langsam aufzuzählen.

Thomas wiederholte seine Frage.

Sie kniff die Augen zusammen und Thomas sah, wie sie ihre kleinen Hände hin und her bewegte, als wolle sie die Lösung damit greifen.

Dann hatte sie die Lösung gefunden.

Sie guckte ihren Großvater an, lächelte ein bisschen und sagte mit leiser Stimme:

„Ich weiß was alle deine Tiere gemeinsam haben: Sie können nicht fliegen.“

Erstes Buch

Zehn Jahre später

Thomas war alt geworden.

Sein Interesse an vielen Dingen, die irgendwann einmal in seinem Leben eine größere Rolle gespielt haben, war reduziert auf wenige Eindrücke, die in seinen Erinnerungen einen festen Platz hatten.

Seine kleine Enkelin hatte sich zu einem bildhübschen Mädchen entwickelt, das derzeit gerade die Vorstufe einer jungen Dame erfolgreich durchlief.

An die Geschichte an ihrem kleinen Kinderbett vor zehn Jahren erinnerte  sie sich mit Sicherheit nicht mehr. Thomas hatte damals vor dem kindlichen Lächeln und der Logik seiner geliebten Enkelin kapituliert.

Das Thema selber beschäftigte ihn zwar noch gelegentlich, aber er vermied es, auch nur ein Wort darüber zu erwähnen. Sein Versprechen, über die verschiedensten Themen und Episoden aus seinem Leben etwas aufzuschreiben, hatte er erfüllt.

Auf seinem Schreibtisch hatte inzwischen auch die Technik ihren Einzug gehalten.
Einige kleine Computer, Kopfhörer, Mikrofone, Festplatten und sonstiges Zubehör lagen einigermaßen ordentlich verteilt auf dem großen Ecktisch.

Das hätte es für ihn sein können. Ein angenehmer und ruhiger Abschluss eines so facettenreichen Lebens – wenn da nicht noch eine Erinnerung war, die ihn bestürzte und zu denken gab.

Er erinnerte sich gut, dass sein Vater in den letzten Jahren seines Lebens sich im Fernsehen noch gelegentlich einige alte und schöne Filme ansah.

Aber dann war auch dieses Interesse erloschen. Es gab danach nur noch ein Themenbereich, wo er sich gelegentlich vor den Fernseher setzte – Tierfilme aus aller Welt.

Und Thomas bemerkte bei sich selber, dass er auch beim spannendsten Politik-Thriller nach der ersten Hälfte des Films auf Stand-By schaltete, um sich in einer Mediathek irgendeinen kleinen Natur-Film rauszusuchen.

Irgendwann kam dann der Moment, wo er sich entschloss, Fernsehen, Video und Internet auszuschalten.

Er wollte den Zettel, den er jetzt seit so vielen Jahren in seinem Aktenordner rumliegen sah, endlich wegschmeißen können. Und das bedeutete, dass er sich noch einmal hinsetzen musste, um über etwas zu schreiben, was auch zu seinem Leben gehörte.

Der Pass

Der Grenzbeamte sah ihn durch die Glasscheibe an.

Wahrscheinlich schaute er genauso den Tausenden von Menschen ins Gesicht, die jeden Tag ihren Pass in den kleinen Schlitz vor ihm legen. Der Pass wurde dann von ihm oder einem seiner Kollegen aus dem kleinen Fach rausgenommen, aufgemacht und das Gesicht und vielleicht einige andere Angaben wurden automatisch mit der ganzen Routine ihrer langjährigen Berufserfahrung miteinander verglichen.

Doch dieser Blick jetzt war anders.

Der Beamte blätterte die ersten Seiten des Reisepasses durch. Dann blätterte er immer langsamer und genauer. Schließlich sah er Thomas ins Gesicht und nickte anerkennend.

Er hatte so einen Pass-Inhalt bisher wohl nur ganz selten zu Gesicht bekommen. Es gab in diesem Pass jede Menge Visa-Eintragungen der chinesischen Botschaft in Hamburg. Das war inzwischen auch nichts ungewöhnliches mehr, der Handel und die sonstigen Beziehungen zwischen Deutschland und China florierte.

Aber zwischen diesen vielen Eintragungen mit chinesischen Schriftzeichen gab es in diesem Pass vier oder fünf Visa-Genehmigungen des Landes, das zu den geheimnisvollsten Ländern dieser Erde gehörte. Kein fremder hatte die Möglichkeit, dorthin zu reisen. Alles was dort passierte erfuhr die Welt nur aus zweiter oder dritter Hand.

Niemand hatte Einblick in die Systematik und Hintergründe dieses Landes. Es war das geheimnisvollste, grausamste und mysteriöseste Land dieser Welt

Und jetzt stand da ein Mann im mittleren Alter vor seinem Schalter und in seinem Pass gab es mehr Eintragungen und Berechtigungen zum Besuch dieses absolut geheimnisvollen Landes, als er es jemals vorher gesehen hatte. Das hatte der Grenzbeamte erkannt und sah lange in das Gesicht von Thomas Deckel.

1980

Nach Ende der Kulturrevolution in China gab die neue chinesische Regierung die Losung aus, das man in Zukunft nicht mehr Rohstofflieferant der Welt sein wolle, sondern – soweit wie möglich – alles selber im eigenen Land produzieren werde.

Thomas Deckel wurde 1978 von der chinesischen Staatsabteilung, die bis dahin sehr eng und kooperativ mit seiner Hamburger Firma zusammenarbeitete, nach China eingeladen.

Man bot ihm an, ein bis zwei Jahre durch das Land zu reisen, um zu prüfen, wo man eine Fabrikation aufbauen könnte. Es sollte sich dabei um Artikel handeln, von denen Thomas besondere Kenntnisse hatte. Also Produkte aus dem Bereich Leder, Felle, Pelze. Und der Fertigung von Schuhen, Jacken, Hüte und Bekleidung.

Die nächsten zwei Jahre  reiste Thomas quer durch China – das war gleichzeitig auch der Beginn von 25 Jahren Abenteuer in China. Aber darüber hatte Thomas bereits in anderen Berichten geschrieben.

Nach Ablauf dieser Testphase wurde er gefragt, ob er selber noch irgendeinen Wunsch hätte, bei dem die chinesischen Partner im helfen könnten. Thomas überlegte und sagte dann folgendes:

„Die meisten Orte, die ich bis jetzt hier in China gesehen habe, liegen im Norden. Dort ist es kalt, die Bevölkerung kann mit der Kälte umgehen und hat  in den Jahrhunderten gelernt, sich dafür von der Natur das zu nehmen, was zum Überleben nötig ist. Die Tiere hier im Norden haben ebenfalls eine jahrtausendelange Erfahrung, um sich diesem Klima anzupassen. Das alles“ – antwortete Thomas den Chinesen, die mit ihm am Tisch in einem kleinen Restaurant  irgendwo in Nordchina saßen – „habe ich in den letzten Jahren hier kennengelernt und ich denke, wir können darauf aufbauen.

Was ich aber noch nicht kenne, das ist die Landschaft, die östlich an euer schönes Land angrenzt. Dort dürfte es von der Natur her so ähnlich sein wie auf der chinesischen Seite – und deswegen würde ich gern einmal dieses Land kennenlernen.“

Damit löste Thomas Deckel in sehr chinesische Umschreibung ein kleines Erdbeben aus. Die Chinesen wussten ganz genau, dass Thomas damit gebeten hatte, ihm eine Einreise nach Nordkorea zu ermöglichen.

China und Nordkorea waren politisch in jener Zeit eng verbunden, aber gleichzeitig war es die erklärte Politik des absoluten Herrschers von Nordkorea und Gründer des nordkoreanischen Staates, Kim Il Sungs, niemand in sein Reich hinein zu lassen.

Das wussten die Chinesen und das wusste auch Thomas. Aber ablehnen konnten die Chinesen diesen Wunsch jetzt auch nicht mehr. Das würde bedeuten, dass sie Thomas gegenüber ihr Gesicht verlieren würden.

Also lachten die Chinesen ein bisschen und hielten sich dabei die linke Hand vor den Mund. Thomas wusste inzwischen, dass dies unter Chinesen ein  Zeichen großer Hilflosigkeit war, aber er ließ sich nichts anmerken.

Man vertagte das ganze, ohne weiter darüber zu sprechen.

Kaligraphie

Die Schriftkultur der Chinesen gibt es seit mehr als 3.000 Jahren. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich über 100.000 verschiedene Schriftzeichen. Viele davon sind heute in ihrer Bedeutung unbekannt.

Aber im Stolz und Nationalbewusstsein des chinesischen Volkes spielt die Schrift bis heute eine entscheidende Rolle. Wenn so eine Schrift über Jahrtausende gelehrt, gepflegt und erweitert wird, so benötigt man dazu drei Sachen:

Papier, Pinsel und Tinte.

Das Papier wurde erfunden, die Tinte wurde in der vielfältigsten Form eingesetzt und über die Pinsel entschieden die Priester und Lehrer je nach Bedarf.

Mit Sicherheit hat man im Laufe der Jahrtausende die Haare aller in China vorkommenden Tierarten auf ihre Verwendbarkeit zum Schreib-Pinsel geprüft. Für größere Schriftsymbole, die mit dickeren Pinseln erarbeitet wurden, gab es eine beträchtliche Auswahl von verschiedenen Tierhaaren, die zur Pinselanfertigung eingesetzt werden konnten.

Das Problem war, auch für kleine und kleinste Zeichen und Schriftbilder einen Pinsel zu finden, der es ermöglichte – ohne zu Verschmieren – auch allerfeinsten Linien, Striche und Symbole auf das Papier oder die entsprechende Unterlage zu zeichnen.

Und irgendwann entstand das Wissen, dass so extrem feines Malen und Schreiben mit den Haaren vom Schweif (Schwanz) einer in Nordchina sehr verbreiteten Wiesel-Art möglich war.

Die Natur hatte es hinbekommen, dass die äußeren Enden dieser kleinen Haare so fein waren, wie man es sonst nirgends fand. Und das ganz Besondere war, das sie am Ende aus irgendwelchen Gründen ein ganz klein bisschen gebogen sind.

Man nahm also ein sehr kleines Bündel dieser rotbraunen Haare, die nicht länger als 7–9 mm sind, wickelte sie ganz vorsichtig um einen Feder-Kiel oder einen ganz dünnen Stock und taucht diesen einfachen Pinsel in eine Tinte.

Diese Schwanzhaare des Wiesels bremsen und verhindern durch ihre feine Krümmung das Auslaufen der Tinte beim Berühren des Papiers. Nur ein ganz kleiner Teil der Tinte kommt je nach Druck auf das Papier – und der Künstler kann damit feinste und allerfeinsten Zeichnungen und Schriften anfertigen.

Dieses Tier lebt bis heute in verschiedenen Provinzen in Nordchina und seinem östlichen Nachbarn, in Nordkorea. Den chinesischen Namen dieser Tiere wusste Thomas nicht. Aber dass diese Wieselart in Deutschland Rot-Marder und im internationalen Handel Kolinsky genannt wurde, das war ihm bestens bekannt.

Violinen, Hamster und Korsetts

Die Firma Deckel kaufte seit Jahrzehnten in China diese Kolinsky-Felle. Normalerweise in einer Größenordnung von 10.000 Stück pro Kontrakt und zwei oder dreimal im Jahr lieferten die Chinesen eine solche Menge an die Firma Deckel in Hamburg

Es gibt viele Beispiele, wo die Produkte eines einzelnen Tieres zu extrem unterschiedlichen Verwendungs- Zwecken benutzt wurden und teilweise heute noch benutzt werden.

Aus Walen wurde im 17. und 18. Jahrhundert das Öl für die europäischen Lampen gewonnen. Gleichzeitig wurden die dünnen, sehr elastischen und biegsamen Knochen im Kopfbereich der riesigen Wale dazu benutzt, Korsettstangen für die etwas älteren und manchmal aus dem Ruder gelaufenen Damen der Gesellschaft anzufertigen.

Aus der Pferdehaut wurde Leder für Schuhe und Bekleidung gewonnen. Die langen Schwanzhaare der Pferde jedoch dienten viele Jahrhunderte den großen Musikern als Saiten ihres Violine-Bogens.

Je besser und sorgfältiger das Pferdehaar als Saiten dieser Violin-Bögen gearbeitet war, desto klarer und voller war der Klang der Geigen, Bratschen und Violinen.

Bei den Kolinsky-Fellen wurde das dünne Pelzfell als wärmendes Innenfutter in verschiedenen Mänteln eingesetzt. Sowohl die Offiziere als auch ein Teil der feinen Gesellschaft hatten dadurch im Winter einen Ledermantel, der nicht nur außen vor Regen und Schnee schützte, sondern das Innenfutter dieser Mäntel bestand oftmals aus dem wärmenden Fell kleiner einheimischer Tiere wie zum Beispiel Hamster oder Maulwurf.

Und jetzt seit einigen Jahrzehnten auch aus chinesischen Kolinsky-Fellen.

Paul

Er hatte sein ganzes Leben lang in der Firma der Familie Deckel gearbeitet.

Am Anfang als Lagerarbeiter. Dann als Lagerverwalter und schließlich als Waren- Kontrolleur. In dieser Eigenschaft musste er oftmals in den Hamburger Hafen und alle eingehenden Partien, die für Firma Deckel angekommen waren, auf ihre Qualität hin untersuchen.

Es gab kein Internet, kein Internationales Telefon, keine sozialen Netzwerke.

Das traditionelle Import-Geschäft wurde überwiegend per Luftpostbrief getätigt und in besonderen Fällen von einigen kostspieligen Telegrammen unterstützt. Die Basis solch internationaler Geschäfte war das Vertrauen.

Wenn eine Firma in Südamerika oder Australien etwas an Firma Deckel in Hamburg verkaufte und die beiden Firmen kannten sich schon lange, dann hatte die Firma Deckel das Recht, die Ware erst dann zu bezahlen, wenn sie sich vom vertragsgemäßen Zustand und der vereinbarten Qualität überzeugt hatte. Also kurz nach Ankunft des Dampfers im Hamburger Hafen.

Die Geschäftspartner in Übersee brachten auf diese Art und Weise ihren Respekt und ihr Vertrauen zur Firma und Familie Deckel zum Ausdruck. Alles funktionierte hier auf internationaler Basis genauso auf Vertrauen wie bei den Bauern und  Pferdehändlern per Handschlag.

Selbst wenn es gelegentlich unterschiedliche Auffassungen über eine gelieferte Qualität gab,  wurden keine Gerichte angerufen, sondern es war vorher vereinbart, dass Fachleute aus der Branche sich die Kontraktunterlagen ansehen, um dann mit ihrem Wissen und ihren Kenntnissen zu beurteilen und zu entscheiden, ob die Ware vertragsgemäß geliefert war oder nicht. Und auch Nachlässe wegen etwas abweichender Qualität wurde von diesem Gremium festgesetzt. Diese Entscheidungen wurden von allen Beteiligten akzeptiert.

Paul wusste das alles, und er wusste auch, dass er, wenn er alleine irgendwo in einem kalten, alten Holzschuppen im Hamburger Hafen war, um sich irgendeine Ware anzusehen, dass sein Urteil von entscheidender Bedeutung war. Leute mit seinem Fachwissen waren anerkannt und respektiert.

Daneben war Paul aber auch derjenige, der sich um alle möglichen und unmöglichen sonstigen geschäftlichen Angelegenheiten kümmerte und die damit verbundenen Aufgaben löste.

Er hatte im Keller des Bürohauses der Firma Deckel zwei eigene Räume, wo er nicht nur Werkzeuge und all das andere deponierte, was man für seine Arbeit brauchte – und was ein bisschen an den meist chaotischen Inhalt  deutscher Garagen erinnerte – dies war sein Reich und hier fühlte er sich wohl.

Meist dreimal im Jahr wurde er zum Star und Mittelpunkt der gesamten Belegschaft.

Sado-Maso

Sobald die vier großen Kisten mit 10.000 kleinen und sehr dünnen Kolinsky-Fellen im Hamburger Hafen eingetroffen waren, brachte Paul diese Kisten zu sich in seinen Keller. Dann meldete er sich bei der Geschäftsleitung für die nächsten vier Tage ab und bat darum, nur in ganz dringenden Fällen gestört zu werden.

Thomas wusste, was dann passieren würde.

Die überwiegend weibliche Büro-Belegschaft fing an zu tuscheln. Paul ließ einige Bemerkungen fallen, dass er jetzt im Keller sein Sado-Maso Studio eröffnen würde und er bat eindringlich alle weiblichen Angestellten, angefangen von der älteren Buchhalterin bis zum jüngsten weiblichen Lehrling, ihn nicht zu besuchen.

Natürlich wusste er genau, dass damit nur die Neugier geweckt wurde.

Darum sagte er jedes Mal: „Meine Damen, im Deutschen ist das Wort DIE Neugier nicht ohne Grund weiblich. Für die Männer hat unsere schöne Sprache den Begriff DER Wissensdurst, und der ist männlich.

Also beherrschen Sie bitte Ihre weibliche Neugier und besuchen Sie mich auf keinen Fall in meinem Studio. Ich werde mich in den nächsten Tagen mit Tausenden von Schwänzen beschäftigen und das ist wirklich nichts für Sie.“

Einige Damen glucksten, andere schlugen leicht verzückt die Augen auf und nieder – Paul war in diesen Tagen der große Star.

Paul beschäftigte sich in diesen Tagen von morgens bis abends damit, tausende Schwänze vom Körper abzuschneiden. Mit einer Rasierklinge wurde feinsäuberlich bei jedem Tier das Fell vom Schwanz getrennt. Eine Arbeit, die neben Kenntnis auch Kraft benötigte, denn die Schwanzwurzel war ein Knorpel, der erst mit einiger Mühe und Kraft vom Fell getrennt werden musste.

Wenn Paul sich dann abends von der weiblichen Belegschaft verabschiedete, ließ er gelegentlich das leicht diabolische Grinsen erkennen, was 30 Jahre später Jack Nicholson weltberühmt machte. Und dann verabschiedete Paul sich von der immer noch etwas erregten weiblichen Belegschaft mit einem leicht vor sich hin gemurmeltem „2.500 Schwänze hab ich heute abgeschnitten – das würde mir selbst auf St. Pauli niemand glauben…“

Irgendwann hatte er dann 10.000 Schwänze  tatsächlich von ihren Körpern getrennt und malte draußen auf dem Schild vor seiner Lagertür eine entsprechende Notiz:

„Pauls SM Studio. In diesem Studio wurden 10.000 Schwänze abgeschnitten. Betreten auf eigene Gefahr. “

Kostbare Mülltüten

Sobald Paul mit seiner Arbeit fertig war, verstaute Thomas Deckel  vier große schwarze Mülltüten in den Kofferraum seines Autos. Dies waren die teuersten Mülltüten der Hamburger Geschichte.

Bei einem Durchschnittswert von neun oder zehn D-Mark pro Schwanz war der Inhalt jeder Mülltüte fast 25.000 DM wert. Zu viel, um so etwas der Deutschen Post anzuvertrauen.

Thomas fuhr jedes Mal selber nach Süddeutschland, wo er im fränkischen Raum verschiedene Kunden hatte, die aus diesen extrem dünnen Schweif-Haaren in aufwendiger Handarbeit die feinsten Pinsel der Welt herstellten.

Jeder Kunde bekam ein oder zwei Sack mit jeweils 2.500 Kolinsky-Schweifen und dieses schöne Schwanz-Geschäft wurde abends bei einem guten Glas Wein besiegelt.

Noch heute gibt es keinen Nylon- oder sonstigen Kunststoff-Artikel, der so feine Striche ermöglicht. Das perfekte Auftragen von Wimpern-Tusche und andere Make-up Utensilien sind nach wie vor in unübertroffene Qualität nur mit Pinseln aus diesen Kolinsky-Schwanzhaaren möglich.

Warten

Das kurze Gespräch mit seinen chinesischen Geschäftspartnern über einen eventuellen Besuch im nördlichen Nachbarland war vor über einem Jahr. Aber sowohl Thomas als auch seine chinesischen Partner wussten, dass man nach wie vor intensiv bemüht war, diesen Wunsch von Thomas zu erfüllen. Und wenn es seinen Chinesen-Freunden – überwiegend Direktoren sehr großer Kombinate und Fabriken – nicht schaffen würden, dann würde es kein anderer schaffen.

Das wussten alle und deswegen blieb nichts anderes übrig als abzuwarten.

Die Erlaubnis

1983, gut 2 Jahre nach dem Gespräch mit seinen chinesischen Freunden, bekam Thomas sein erstes Visum für den Eintritt nach Nordkorea. Da er nicht wusste, ob er so einen Besuch jemals durchführen würde, hatte er bis dahin mit niemandem darüber gesprochen.

Jetzt war der langersehnte Moment gekommen – und Thomas hatte keine Ahnung, was ihn erwarten würde. Es war unmöglich, sich irgendwie auf so einen Besuch vorzubereiten. Es gab keine Literatur über solche Besuche. Es gab nur die politischen Bücher der Machthaber in Nordkorea, die niemand las. Zum einen, weil sie noch schwülstiger und pathetischer geschrieben waren als die Fußballreportage von Herbert Zimmermann 1954, als Deutschland in Bern Fußball-Weltmeister wurde. Und zum anderen, weil niemand wirklich interessiert war, die private Religion und Philosophie des nordkoreanischen größten Führers aller Zeiten ernst zu nehmen.

Es gab zwischen China und der Hauptstadt von Nordkorea eine Eisenbahnverbindung. Einmal die Woche fuhr ein besonderer Zug zwischen Beijing und Pjöngjang. Als Fahrzeit wurden 26-30 Stunden angegeben. Aber keiner in Peking wusste, wie und wo man irgendwelche Tickets für diesen Zug kaufen konnte.

Es gab weltweit keine Luftfahrtsgesellschaft, die nach Nordkorea flog. Nur die staatliche nordkoreanische Gesellschaft Koryo flog einmal die Woche zwischen Peking und Pjöngjang hin und her.

Die einzige konkrete Möglichkeit für Thomas, so ein Koryo–Air Ticket zu bekommen, war über die nordkoreanische Botschaft in Ostberlin. Dort konnte man sich aber nicht anmelden, man musste einfach hinfahren. Dies wiederum war für einen Hamburger Kaufmann nicht ganz so einfach, denn die seinerzeitigen DDR-Grenzbehörden und die Behörden in Ostberlin waren äußerst misstrauisch bei allen Besuchen westdeutscher Staatsbürger in ihrem Land.

Das Ticket

Thomas brauchte zwei Tage, dann hatte er in der ansonsten menschenleeren nordkoreanischen Botschaft in Ost-Berlin irgendjemand getroffen – und dieser wusste sofort von einem Ticket für einen gewissen Thomas Deckel und gab es ihm.

Zurück in China brachten ihn seine chinesischen Freunde anlässlich seines Erstfluges nach Nordkorea zum Pekinger Flughafen, wünschten ihm alles Gute und meinten, sie würden ihn in den nächsten Tagen in ihr Nachtgebet mit einschließen.

Niemand von den Chinesen war vorher selber irgendwann einmal in Nordkorea gewesen.

Strümpfe

Thomas war der einzige Ausländer auf diesem Flug.

Nach der Landung in Nordkorea fiel Thomas der Unterschied zwischen dem seinerzeitigen alten Flughafengebäude in Peking und dem ebenfalls noch aus der Stalin-Zeit stammenden Flughafengebäude in Pjöngjang schnell auf.

In Peking war das XXL-Porträt von Mao außen am Gebäude angebracht, und zwar über zwei komplette Stockwerke. Der Flughafen von Pjöngjang aber hatte ein so riesiges Porträt des großen Führers Kim Il Sun, dass es über drei Stockwerke außen am Flughafen-Gebäude hing.

Wie bei jedem internationalen Flughafen mussten die Passagiere zuerst durch den Zoll. Thomas ging mit seinem kleinen Koffer an einen Schalter, über dem das einzige nicht-koreanische Wort im ganzen Ankunftsgebäude stand. Im etwas holprigem Französisch „douane “.

Die drei kleinen Beamten auf der anderen Seite des Schalters fingen an, seinen Koffer zu durchsuchen. Danach wurde er einer sehr genauen Leibesvisitation unterzogen und zum Schluss lagen drei kleine Gegenstände auf dem Tisch vor Thomas.

Seine kleine ältere Kamera.
Sein kleiner einfacher Taschenrechner.
Sein einfaches und schon etwas älteres Diktiergerät

Jetzt ging einer der drei kleinen Beamten nach hinten und verschwand für einen Augenblick. Er kam  zurück und legte drei größere Strümpfe auf den Tisch, gearbeitet aus undefinierbarem Material, teils Kunststoff, teils Wolle.

Der zweite Beamte hatte inzwischen auf einen Zettel irgendwelche koreanischen Hieroglyphen gemalt. Und der dritte hatte einen kleinen Block aus einer Schublade rausgeholt.

Auf jeder Seite dieses kleinen Blocks war in der Mitte eine durchperforierte Linie.
Auf der linken und rechten Seite davon war eine gleichlautende Nummer maschinell aufgedruckt.

Thomas wusste von seinen vielen Besuchen in China, dass die chinesischen Schriftzeichen zwar komplett unverständlich waren für jeden Europäer. Aber die Zahlen waren in China so wie in Europa, also 1,2,3 und so weiter.

Der dritte und sicherlich ranghöchste Zollbeamte riss dann drei Zettel aus seinem Zeichen-Block und zerteilte jede Seite in zwei Hälften.

Die eine Hälfte mit ihrer Zahlenfolge legte er vor Thomas auf den Tisch. Die andere Hälfte dieser drei Zettel  befestigte er mit drei  kleinen Sicherheitsnadeln an jeweils einen  Strumpf.

Nachdem Thomas auf diese Art und Weise drei kleine Zettelabschnitte vor sich liegen hatte, begann der Chef jetzt jeden Strumpf zu füllen.

Es sah ein bisschen aus wie Weihnachten, wenn Santa Klaas die Strümpfe der Kinder mit Geschenken füllte.

In den ersten Strumpf legte er den Fotoapparat.
In den zweiten den Taschenrechner.
Und in den dritten und letzten das alte Diktiergerät.

Es war für jeden nordkoreanischen Beamten unmöglich, einen europäischen Pass in einer fremden Sprache zu lesen oder auch nur die darin enthaltenen Wörter abzupinseln.

Und so hatte man sich für dieses einfache System entschieden.

Diese drei Teile aus Thomas Reisekoffer waren konfisziert. Sie blieben so lange beim Zoll, bis Thomas irgendwann bei seiner Ausreise die drei kleinen Zettelabschnitte vorzeigte. Dann wurden die Strümpfe aus dem Lagerdepot herausgebracht, der Inhalt aus dem Strumpf genommen und die Nummern der Stümpfe noch einmal mit den Zettelabschnitten von Thomas verglichen. Und dann bekam Thomas sein Eigentum zurück.

Dieses Kontrollsystem gab es in Nordkorea sogar noch 20 Jahre später.

Anfang der 2000-er Jahre reiste Thomas die letzten Male nach Nordkorea. Zu dieser Zeit  hatte bereits jeder Reisende, der aus dem Ausland nach Pjöngjang fliegen durfte, sein Handy dabei. Jedes Handy verschwand am Kontrollposten des Zolls im Flughafen von Pjöngjang für die Dauer des Aufenthalts in einem Strumpf. Und als bei einer Einreise die Tür zu dem Raum, wo die Sachen gelagert wurden, durch Zufall einmal etwas länger offen blieb, konnte Thomas an der Decke Hunderte von Strümpfen erkennen, die kreuz und quer unter der Decke hingen.

Da das Fotografieren im Flughafen von Pjöngjang mit 20 Jahren Gefängnis bestraft wird, hat es außer den Erzählungen der völlig verwirrten Ausländer bis heute noch kein Foto von diesem nordkoreanischen Sicherheit- und Kontrollsystem gegeben.

Volvo Land

Staatsgäste und ganz hohe Wirtschaft-Führer wurden in China von den lokalen Ministern oder Leitern großer Kombinate mit dem chinesischen Oldtimer „Red Flag“ am Flughafen abgeholt. Das war selbst Thomas einige Male passiert, als er am Anfang seiner Erkundungen in China in Provinzen kam, wo vorher offensichtlich noch nie ein Europäer gewesen war. Diese Autos waren über 7 m lang, immer schwarz und man hatte darin so viel Platz, dass man sich ohne weiteres verlaufen konnte.

In Nordkorea war es anders. Es gab nur eine Automarke am Flughafen und später auch in der Stadt zu sehen. Diese Marke kannte Thomas recht gut. Es waren alles ältere und auch etwas jüngere schwedische Volvos. Offensichtlich war die schwedische Neutralität der nordkoreanischen Regierung so wichtig, dass sie weder deutsche, amerikanische, japanische und geschweige denn südkoreanische Autos auf ihren Straßen zuließen.

Der Pflug

Auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel tauchte Thomas in eine völlig neue Welt ein.

Links und rechts von dem ca. 30 km außerhalb der Hauptstadt befindlichen Flughafen waren grüne Felder. Dort arbeiteten Hunderte oder wahrscheinlich sogar Tausende von Koreanern. Ein Teil davon gebückt, um irgendetwas zu pflanzen oder zu ernten.

Aber sehr viele auch in einer Gruppe von drei oder vier Personen nebeneinander.
Jeder hatte ein dickes Tau von seinen Schultern abwärts um den Körper gespannt und gemeinsam zogen sie einen Holzbalken durch die Felder, an dem unten einige Messer-ähnliche Metall-Teile angebracht waren.

Die nordkoreanische Variante eines menschlichen Pfluges. Ein Ackersystem, wie es in Deutschland  bis vor hundert Jahren mit starken Pferden und manchmal auch kräftigen Ochsen betrieben wurde. Nur dass es hier keine Tiere auf den Feldern gab.

Alles wurde von Menschen erledigt.

Die Spieluhr

In der Stadt angekommen fuhr Thomas zusammen mit der Delegation, die ihn vom Flughafen abgeholt hatte, in einem alten Volvo durch große, breite Straßen.
Alle Strassen waren extrem sauber und gepflegt.

Thomas erkannte schnell den Grund dafür – es gab weder Autos noch Fahrräder noch irgendwelche anderen Transportmittel auf diesen Straßen. Sie waren absolut leer mit einer einzigen Ausnahme:

An fast jeder Straßenkreuzung stand in der Mitte der Kreuzung ein großes, rundes und oftmals mit einer Art Schirm überdachtes Podest.

Auf jedem dieser Proteste stand eine Frau. Alle Frauen hatten die gleiche Uniform an, die sauber geputzt und im besten Zustand ihre Besitzerin kleidete. Alle Frauen hielten in beiden Händen große rote Stöcke.

Im Prinzip so, wie Thomas es auch aus Deutschland kannte, wenn der Verkehr, durch irgendwelche Umstände verursacht, von der Polizei per Hand geleitet wurde.

Und mit diesen Stöcken, die ein bisschen an die inzwischen sehr populär gewordene rhythmische Sportgymnastik erinnerten, wedelten die meist jüngeren Damen auf ihren Podesten in militärischem Drill hin und her.

Sie hoben den Arm nach oben und wedelten mit der anderen Hand und ihrem Stock von rechts nach links. Dann fiel der Arm wieder runter.

Die beiden Arme standen jetzt recht und links vom Körper ab und bildeten eine durchgehende Linie.

Schließlich verlagerte sich der eine Arm um 90 Grad, so dass die beiden Arme zusammen mit dem Körper eine Art Dreieck formten.

Und das ganze wiederholte sich in einer Geschwindigkeit und einer Akkuratesse, die Thomas vorher noch nie erlebt hatte.

Je näher sie dem Stadtzentrum kamen, desto mehr Damen boten diese Darstellungen auf ihren Podesten inmitten der leeren und sehr breiten Straßen.

Das einzige, was hier nicht so richtig ins Bild passte, war die Tatsache, dass diese ganzen, militärisch gedrillten Verkehrs-Anweisungen gemacht wurden, ohne dass auch nur ein einziges Auto irgendwann über eine  Straßen fuhr.

Als Thomas einige Tage später sich an dieses aberwitzige Lenken von nicht vorhandenem Verkehr gewöhnt hatte, schrieb er etwas in sein Tagebuch, welches er gelegentlich immer noch mit persönlichen Eindrücken füllte:

Seine Großmutter hatte auf einer Kommode im Wohnzimmer eine kleine bunte Spieluhr. Er durfte sie als Kind manchmal aufziehen.

Dann fing oben auf der Spieluhr eine kleine Mädchenfigur an, sich anmutig  zu bewegen. Immer im gleichen Rhythmus, immer nach der gleichen Musik und immer mit dem gleichen Ende, bei dem das Mädchen oben in der Mitte der Spieluhr zum Schluss etwas kraftlos in sich zusammensackte.

Kohl

Das Hotel, in dem Thomas sein Zimmer bekam, war seinerzeit das einzige, was für Ausländer zugelassen war. Es bestand im Wesentlichen aus zwei großen Türmen, in denen Hunderte von leeren Zimmern auf bessere Zeiten warteten.

Die Lobby dieses Zwei-Türme Hotels war nur mit wenigen Menschen bevölkert.

Auf der einen Seite der riesigen leeren Lobby saßen an zwei  langen Tischen ein Dutzend Sicherheitsbeamte, mangels anderer Aufgaben überwiegend nur sich selbst beobachtend. Hinter dem Empfang waren zwei oder drei  Mitarbeiter damit beschäftigt, irgendwelche Listen auszufüllen, Computer gab es zu dieser Zeit noch nicht.

Die Stoßzeiten des Hotels waren Mittwochnachmittag, wenn der Zug aus Peking eintraf und Sonntagnachmittag, wenn der Flug aus China landete. Dann bestand die Möglichkeit, dass sich die Gästeanzahl im Hotel sprunghaft verdoppeln oder verdreifachen würden.

Als Thomas eintraf, zählte er abends im Restaurant und am nächsten Morgen beim Frühstück sieben andere Gäste. Diese internationale Besucherschar verteilte sich im Restaurant auf 25 große Tische. An jedem Tisch stand ein uniformierter Kellner  und wartete darauf, irgend jemand bedienen zu können. Und an beiden Querseiten des Restaurants waren die schon aus der Lobby bekannten  schmalen Tische aufgestellt, wo ein Dutzend  Sicherheits-Beamten still und hungrig zusahen, wie Thomas und seine Leidensgenossen ihren Kohl zu sich nahmen.

Der Kohl in den verschiedensten Zubereitungen war und ist die Hauptnahrung in Nordkorea. Abends süß-sauer, morgens süß und etwas weniger sauer. Und sonntags Kohl mit einigen Rosinen.

Pfunde

Neben der Empfangs-Lobby war eine große schwarze Tür, sie führte ins Paradies.

Jedenfalls nach Meinung aller Nordkoreaner, die irgendwann mal durch die Hotel-Lobby gehen durften.

In den Raum, dem man betrat, wenn man durch diese Tür ging, waren drei oder vier Tische. Und hinter jedem Tisch standen zwei uniformierte Verkäuferinnen. Es war die nordkoreanische Variante der aus DDR-Zeiten bekannten Intershop-Läden.

Hier konnte all das gekauft werden, was den Einheimischen vorenthalten wurde.

Als Thomas das erste Mal in dieses Paradies eintrat, sah er einige Holzpuppen aus China, etwas Blechspielzeug aus China und einige Sorten verschiedenfarbiger Bonbons, wohl ebenfalls aus China. Der Unterschied hier in Nordkorea war im Grunde genommen nur die Tatsache, dass es nur in diesem Paradies solche Sachen gab. Draußen gab es sie nicht.

Als Thomas sich entschloss, von den blauen, grünen und gelben Bonbons jeweils eine kleine Tüte zu kaufen, war der Wochenumsatz an diesem Tisch erreicht.

Doch wie so oft entstand das eigentliche Problem aus ganz anderem Anlass.

Thomas hatte in weiser Voraussicht einige Geldscheine aus Deutschland dabei.
Zusätzlich einen kleinen Betrag von US-Dollar und einen größeren Betrag in der chinesischen Währung.

Als er prüfend fragte, mit welcher Währung er jetzt bezahlen könne, nickten die netten Verkäuferinnen. Thomas wusste, dass in China das Nicken mit dem Kopf eine absolute Verneinung darstellt und er ging davon aus, dass dies hier genauso sein würde.

Der Chef der Lobby war der Einzige, der einige Worte Englisch sprach und er erklärte Thomas dann, dass man in diesen Läden, und überhaupt auch im ganzen Hotel, nur mit britischen Pfund zahlen könne.

Das sei die offizielle Ausländerwährung.

Davon hatte Thomas vorher nie etwas gehört.

Die Frage, warum es so sei, erübrigte sich, denn Thomas wusste ganz genau, dass er keine Antwort bekommen würde.

Also ging er an einen kleinen Bankschalter, der sich ebenfalls in der Lobby befand.

Hinter diesem Schalter saß ein kleines Männchen, was in Anbetracht seiner exponierten Funktion wahrscheinlich zum Vorstand der nordkoreanischen Zentralbank gehörte.

Thomas tauschte aus seiner Reisekasse etwas in englische Pfund. Dann zahlte er damit und als er mit seinen drei kleinen Bonbontüten das Paradies wieder verließ, sah er, wie die Verkäuferin sofort sein britisches Papiergeld wieder zurück zu dem kleinen Männchen hinter dem Zentralbankschalter brachte.

Schwitzen

Thomas glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er zu seinem Zimmer zurückging und dort auf dem Bett einen leicht vergilbten Zettel fand, auf dem in ziemlich korrektem Englisch stand:

Please visit our Swimming Pool, Sauna and Spa in the Basement.

Selbst in Peking gab es zu jener Zeit erst zwei oder drei Luxushotels, die ein Spa für ihre Gäste hatten – also eine Kombination aus Schwimmbad, Saunen, Massagen und Gymnastik.

Und jetzt hier im diesen extremen und unwirklichen Umfeld sollte er hier ein Schwimmbad vorfinden mit Sauna und Dampfbad.

Er hatte natürlich keine Badehose mitgebracht, aber die seinerzeit modernen karierten Unterhosen würden ihren Zweck schon erfüllen.

Thomas fuhr mit dem Lift bis in den Keller und sah in einem hohen und sehr breiten Gewölbe ein großes Schwimmbad, über welches sich eine Brücke wie in Venedig spannte. Außerdem rechts und links davon noch kleinere Räume für Sauna, Dampfbad und Massage.

Er war fast alleine in diesen himmlischen Gefilden. Nur ein einzelner, korpulenter Japaner schwitzte im Dampfbad still vor sich hin und zwei Männer, die er auf die Entfernung nicht genau einschätzen konnte, standen oben auf der Brücke zwischen den beiden Schwimmbadhälften und schauten ins Wasser.

Nachdem Thomas sich vergewissert hatte, dass der freundliche Japaner unbekleidet in der Dampfkabine vor sich hin schwitzte, gesellte er sich dazu und wartete, bis der Moment kam, wo er die ungewohnte Hitze kaum noch aushalten konnte.

Dann Duschen und ab ins Schwimmbad – Thomas fühlte sich jetzt wie auf einem anderen Stern. Und er beschloss, ab sofort das Planschen in Nordkorea in die Top-Ten-Liste seiner persönlichen Präferenzen mit aufzunehmen

Vision

Der nächste Tag verlief so, wie er seit Jahrzehnten bei jedem Besucher dieses mysteriösen Landes abläuft.

Der Kim Il Sung Tag.

Einen Tag lang wird der Besucher von morgens bis abends durch die Stadt und die Vororte von Pjöngjang geführt.

Es werden sämtliche Stationen aus dem Leben des großen Führers besucht.
Man verharrt dort einen längeren Moment und sieht dabei viele tausende von Nordkoreaner, die geduldig in kilometerlangen Schlangen darauf warten, Einlass zu finden in eine kleine Hütte, wo der große Führer im Alter von sieben Jahren seine erste Vision über die neue Ordnung der Welt gehabt hatte.

Thomas kannte dies vom großen Roten Platz in Peking, wo ebenfalls Tausende von Chinesen geduldig auf den Einlass in das Mausoleum warteten, in dem der große Führer Mao einbalsamiert in seinem pompösen Grab lag.

Auch dieser Tag ging irgendwann vorbei.

Die Brücke

Zurück im Hotel fand Thomas heraus, dass der Kohl an diesem Abend etwas säuerlicher schmeckte als am Tag davor. Das war  dann auch schon der große kulinarische Abschluss eines anstrengenden  Tages.

Im Schwimmbad sah er wieder die beiden Männer auf der Brücke über dem Schwimmbad stehen. Er wunderte sich, warum sie dort  genauso standen wie am Abend davor.

Das Lager

Am nächsten Morgen sollte dann der geschäftliche Teil dieses Besuchs beginnen.

Thomas hatte keine Ahnung, wie das vor sich gehen würde und ließ alles auf sich zukommen. Der Volvo, in dem er zusammen mit zwei Direktoren des Kombinats sowie dem Fahrer und zwei Sicherheitsbeamten auf ziemlich engem Raum zusammen saß, fuhr durch die Stadt.

Immer vorbei an den Spieldosen-Soldatinnen, die nicht müde wurden, einen nicht vorhandenen Verkehrsstrom sicher und professionell zu leiten. Etwas außerhalb der Stadt überquerte man einen Fluss und Thomas wusste, dass sie jetzt gleich da sein würden.

Jeder, der in seinem Leben irgendetwas mit Leder, Pelzen, Fellen oder sonstigen Produkten dieser Art zu tun hatte, wusste, dass Wasser das alles Entscheidende war, um diese Materialien zu veredeln und für den menschlichen Gebrauch zu formen.

Jede Gerberei der Welt liegt am Wasser. Jede Gerberei macht das Wasser schmutzig und in jeder Gerberei riecht es unangenehm, meistens stinkt es.

Diese Fabrik etwas ausserhalb von Pjöngjang bestand aus mehreren großen Gebäuden. Im Laufe der nächsten Tage stellte Thomas fest, dass alle Gebäude praktisch leer waren. Erkennbar gearbeitet wurde ausschließlich im Kesselhaus.

Dort wird normalerweise das Wasser auf 90 Grad erhitzt, was für die verschiedenen Prozesse beim Gerben und Färben von Leder nötig ist.

Hier war das Kesselhaus auf seine ursprüngliche Funktion reduziert worden.

Es produzierte einfach nur Wärme, damit es in den riesigen Lagerhallen ein bisschen wärmer wurde als draußen, wo die Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt lag.

Die beiden Direktoren wussten wohl auch nicht ganz genau, was sie jetzt eigentlich mit Thomas anfangen sollten. Aber auf der anderen Seite hatten sie für irgendwelche Geschäfts-Möglichkeiten nur eine einzige Option. Sie gingen mit ihm in einen Raum, wo einige Kisten lagen und auf einigen Tischen kleinere und größere Stapel von Leder, Pelzen und Wolle.

Sie hofften, dass Thomas sich für irgendetwas interessieren würde und dann wolle man weiter sehen.

Thomas hatte ebenfalls keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen sollte. Er fing an, so interessiert wie möglich einige Teile von uralten Fellen in die Hand zu nehmen und zu prüfen, um sie dann bedeutungsvoll wieder zurück auf den Tisch zu legen.

Im war nicht klar, ob es sich hierbei um Ziegen, Schafe, Hunde oder sonstige Tierfelle handelte, die in diesem Land vielleicht heimisch waren.

Auf alle Fälle konnte er sehen, das diese Stücke wohl schon viele Jahre lang hier in diesem Raum lagerten, so dreckig und teilweise von kleinen Würmern zerfressen präsentierte sich das, was er jetzt inspizierte.

Bei einigen Leder-Stücken stellte er fest, dass sie hart wie ein Tiroler Brett waren und niemals zu irgendwelchen Schuhen oder sonstigen Lederartikeln verwendet werden könnten.

Auf einem Tisch sah er dann ein Haufen braun-gelber kleiner Felle und erkannte schnell, dass es sich hier um das gleiche Tier handelte, was er in China als Kolinsky regelmäßig kaufte. Aber auch diese Felle waren überwiegend uralt und schon mit leichten Wurm- und Madenschäden.

Aber sie hatten alle noch ihren langen buschigen Schwanz, und Thomas musste sich sehr beherrschen, um hier nicht durch irgendeine Mimik zum Ausdruck zu bringen, dass er am Ziel seiner Wünsche war.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen – diesmal bestehend aus Kohlsuppe – und danach aus leicht nach Zitrone schmeckendem Kohl – ging man in einen großen Besprechungsraum.

Auf der koreanischen Seite setzten sich 15 bis 20 Männer und Frauen auf verschiedene große Sofas, die an der Wand standen. Thomas wurde auf die gegenüberliegende Seite platziert, neben ihm nur eine kleine Koreanerin, die als Dolmetscherin fungierte.

Die Direktoren saßen auf der Stirnseite dieses Raumes und warteten ab.

Thomas wusste, dass er zwar die Verhandlung eröffnen musste. Der Gast sprach immer als erster, das war grundsätzlich der Beginn des geschäftlichen Rituals. Aber er wusste auch, dass man vorher eine sehr lange Zeit schweigen musste. Also starrte er erst einmal bedächtig auf die komplett leeren Seiten seines großen Notizbuches. Die Nordkoreaner taten dasselbe.

Dann fing er an, die Anzahl der Fenster auf der gegenüberliegenden Wand durchzuzählen.

Irgendwann begann er seinen ersten Monolog.

Dann folgten als Antwort die Monologe aller Abteilungsleiter und die kleine Dolmetscherin war total überfordert, hier auch nur ansatzweise eine verständliche Übersetzung hinzubekommen.

Thomas lobte das gut organisierte Lager, die sorgfältige Vorbereitung der Präsentation und die Auswahl der angebotenen Artikel. Er fragte nach den Mengen, die man in den verschiedenen Typen liefern könnte und das Gespräch entwickelte sich schnell zu einem recht gemütlichen Plausch über Lagerkapazität und die Möglichkeit eines ersten Verkaufs ihrer Artikel an einen ausländischen Käufer.

Weder Thomas noch die Leiter der Fabrik kannten die Namen der Tiere, deren Felle, Pelze und Wolle man in dem Musterraum  auf den Tischen liegen hatte.

Entsprechend gab es auch keine Übersetzungen durch die Dolmetscherin.

Nachdem Thomas überschlägig herausgefunden hatte, dass man ungefähr 20.000 Kolinsky-Felle zusammen mit drei bis fünftausend diverse sonstige Sachen in diesem Raum vorrätig hatte, machte er einen chinesischen Vorschlag, mit dem er früher in weit abgelegenen Provinzen Chinas schon gelegentlich einen Treffer erzielte:

Er meinte, beide Seiten kennen sich ja noch nicht so richtig und keiner wisse vom anderen, was er alles später noch liefern könne und deswegen wolle er hier jetzt einen Vorschlag machen.

Er würde – weil dies sein erster Besuch sei – jetzt  alles kaufen, was sich in diesem Raum befindet. Er würde alles nach Deutschland schicken und dort würde man sehr genau die einzelnen Produkte analysieren und auf die verschiedensten Verwendungsmöglichkeiten hin ausprobieren.

Und da dies ja das erste Zusammentreffen und auch wohl der erste kommerzielle Vertrag sei, würde er in diesem Fall einfach ein Gesamt-Preis bezahlen für alles, was da in dem Musterraum vorhanden ist.

Die Fabrikdirektoren mögen sich dann doch so einen Preis bitte mal überlegen, ausrechnen und ihm irgendwann in den nächsten Tagen vorlegen.

Es bestünde keine Eile.

Es soll alles gründlich und ordentlich vonstatten gehen und als kleine Hilfe erwähnte er, dass man solche Transaktionen in seiner Heimat auch manchmal per Kilo durchführt – das heißt, alles was dort vorhanden ist wird gewogen und es wird ein Preis für das Gesamtgewicht festgestellt und dann sind alle zufrieden.

Alle Anwesenden waren von so einem Vorschlag beeindruckt und sagten zu, ihn sorgfältig zu besprechen.

Thomas wusste aus vielen Verhandlungen in China, das jetzt die Mitarbeiter der staatlichen Export-Behörden nächtelang mit der Fabrik über irgendwelchen Lagerlisten hocken würde.

Man würde Gewichte dazu ausrechnen und man würde alles Mögliche tun, um nicht durchblicken zu lassen, dass man im Grunde genommen von der ganzen Transaktion überhaupt keine Ahnung hatte. Man wusste nicht einmal, um welche Tiere es sich genau handelte, die da in der Halle  lagen. Man wusste nicht, wozu man sie verwenden könnte und man musste erst recht nicht, was für ein Preis man dazu dafür fordern könnte.

Thomas war dies alles bewusst.

Er freute sich jetzt nur noch auf sein abendliches Schwimmbad.

Kohl hatte er für heute genug gegessen.

Ruhezeit

Die nächsten Tage vergingen so, wie sie der amerikanische Autor Henry Miller in einem seiner schönsten Romane beschrieb. Er nannte sein Buch „Stille Tage in Clichy“. Thomas kannte diesen Roman und formulierte diesen Titel um in „Stille Tage in Pjöngjang“.

Man fuhr morgens in die Fabrik, verzehrte diverse Kohl-Varianten, trank Tee, besprach irgendwelche Einzelheiten, die niemanden interessierte, weil sie für niemanden nachvollziehbar waren und fuhr wieder zurück ins Hotel. Abends ein bisschen Schwimmen und den Kohlgeruch des gesamten Körpers im Dampfbad auf ein Minimum reduzieren.

Das war sein Tagesablauf.

Auffällig war für Thomas nur, dass die beiden Männer, die er schon seit dem ersten Tag im Schwimmbad angetroffen hatte, ebenfalls jeden Abend dort waren. Entweder standen sie an der Brüstung der kleinen Brücke, die über das Schwimmbad führte oder sie saßen an der Seite auf einer Bank und schauten mit ziemlich leeren Blicken in diese wunderschöne Oase.

Die Brüder

Nach vier oder fünf Tagen beschloss Thomas, in irgendeiner Form Kontakt aufzunehmen zu diesen beiden Männern.

Thomas selber war gut 180 cm Groß, damals noch recht schlank, kräftig und  vom Typ her einzuordnen als einer Mischung zwischen norddeutsch, holländisch und skandinavischem Freizeit-Wikinger.

Die beiden Männer waren schwer einzuordnen. Sie hatten  glattes, pechschwarzes Haar. Die Augen waren weder richtig europäisch noch irgendwie asiatisch. Sie waren beide ein Kopf kleiner als Thomas, aber immer noch mindestens ein Kopf größer als die Mehrzahl aller Koreaner um sie herum. Sie waren freundlich, still und machten einen kultivierten, aber auch leicht distanzierten Eindruck.

Ola

Sie sprachen immer sehr leise miteinander und da sie sich nie in der Nähe von Thomas aufhielten, konnte er nicht herausfinden, in welcher Sprache sie sich unterhielten.

Am vierten oder fünften Tag, als man sich wie üblich nach dem Kohl-Menü im Schwimmbad traf, versuchte Thomas die gesamte Länge des Schwimmbads durchzutauchen. Er hatte aber entweder die Länge des Schwimmbads unter- oder seine eigenen Tauchkünste überschätzt. Er tauchte bereits in der Mitte des Schwimmbads auf, um Luft zu holen. Genau unter der Brücke.

Und da er bis dahin unter Wasser schwamm und somit keine Geräusche von sich gab, bemerkten die beiden Männer nicht, dass sich Thomas jetzt direkt unter ihnen befand. Jetzt konnte Thomas zum ersten Mal zuhören, wie sich diese beiden Männer unterhielten.

Sie sprachen Spanisch miteinander. Oder zumindest einen Dialekt, der dem spanischen sehr ähnlich war. So etwas hatte er vorher noch nie gehört.

Er war am Anfang seiner beruflichen Laufbahn viele Jahre in Südamerika gewesen. Er sprach fließend Spanisch und einigermaßen portugiesisch, was er in Brasilien lernte während seiner dortigen Zeit als Schmuggelkönig im oberen Amazonas.

Einige Wörter oder Ausdrücke, die die beiden bei ihrem Gespräch benutzen, kamen ihm auch portugiesisch vor.

Er tauchte wieder unter, um unbemerkt an die gegenüberliegende Seite des Schwimmbeckens zu gelangen, wo er auftauchte und das Becken verließ. Er zog sich seinen schönen flauschigen Bademantel an, der ihm vom Hotel gestellt wurde und der ihm ungefähr vier bis sechs Nummern zu klein war. Dann ging er gemütlich zur Brücke und begann ein kleines Gespräch mit einem einfachen „Ola“ – was auf der ganzen Spanisch sprechenden Welt zu viel wie „Hallo“ bedeutete.

Die beiden drehten sich überrascht zu ihm um und antworteten ebenfalls mehr oder weniger automatisch mit einem „Ola“, was bei ihnen ein bisschen guttural ausfiel.

Der Damm war gebrochen, man kam ins Gespräch.

Und jetzt erfuhr Thomas eine nordkoreanische Geschichte, die er in späteren Jahren in ähnlicher Form noch öfter erlebte.

Das Umspannwerk

Die beiden waren Brüder. Sie kamen aus der nordspanischen Grenzstadt Balajoz, die direkt an der portugiesischen Grenze lag. Deswegen waren in ihrem Sprachschatz viele portugiesische Ausdrücke enthalten, und zwar in der sehr harten und abgehackten Form, wie es die Portugiesen im Norden ihres Landes sprechen.

Die beiden arbeiteten in einer größeren Fabrik, die sich auf die Produktion von Transformatoren für elektrische Umspannwerke konzentriert hatte. Sie waren Techniker und sollten für ein neu in Betrieb genommenes Umspannwerk irgendwelche Transformatoren, die auf dem Weg von Europa nach Nordkorea waren, hier vor Ort installieren. Natürlich mit Hilfe und Unterstützung der lokalen Techniker.

Das Ganze war schriftlich in einem sehr dicken Vertragswerk festgehalten worden und für seine Firma im Grunde genommen ein normaler Auftrag, nur dass ihre Transformatoren nicht irgendwo auf der Welt, sondern in Nordkorea eingesetzt werden sollten. Ihr Chef hatte die beiden Brüder auch aus einem anderen Grund ausgewählt, diese Montage durchzuführen.

Ein Teil ihrer Großeltern kam aus China. Deswegen hatten sie noch dieses typisch glatte, sehr schwarze chinesische Haar und die noch leicht mandelförmigen Augen.

Ansonsten waren sie kräftig und würden unter normalen Umständen als typische Portugiesen oder Spanier überall durchgehen.

Die Idee seiner Chefs war, dass man mit diesen beiden Mitarbeitern mit kleiner asiatischer Wurzel vielleicht so etwas wie Völkerfreundschaft zum Ausdruck bringen könnte.

Auf Thomas Frage, wie lange sie denn schon hier seien, zögerten sie. Der eine meinte, schon viele Wochen. Der andere ergänzte, es können auch schon Monate sein.

Das verstand Thomas überhaupt nicht.

Und dann schütteten sie ihrem  neuen Bekannten in ihrer Heimatsprache ihr Herz aus. Zuerst sagten sie aber, dass sie zwar auch fließend Englisch sprechen könnten, aber alles werde hier im Hotel überall abgehört. In Jedem Zimmer gibt es Mikrofone, beim Speisesaal, an der Lobby, im Paradies Kaufhaus – mit Sicherheit auch hier unten im Schwimmbad und Saunatrakt.

Aber dass zufällig irgendwelche nordkoreanischen Abhörexperten ihren spanischen-portugiesischen Akzent verstehen würden, daran glaubten sie nicht. Deswegen baten sie Thomas eindringlich, alles nur in ihrer Sprache zu besprechen. Kein Wort Englisch.

Thomas hoffte, dass er durch diese beiden neuen Bekannten keine eigenen Schwierigkeiten bekommen würde und er hörte sich die Geschichte dann weiter an.

Misstrauen

Bei ihrer Ankunft vor vielen Wochen wurden sie normal behandelt, aber einige Männer sprachen sie mehrmals auf Koreanisch an. Mit Sicherheit waren dies Agenten des nationalen Geheimdienstes.

Die Nordkoreaner hatten sofort den Verdacht, dass hier zwei ausländische Spione ins Land kommen sollten unter dem Mantel irgendeiner geschäftlichen Vereinbarung.

Die beiden Brüder sprachen und kannten kein Wort Koreanisch. Von ihrer Großmutter erinnerten sie noch zwei oder drei Sätze auf Chinesisch. Das eine war der wichtigste Satz eines Kindes – „ich habe Hunger…“ Und die anderen beiden Sätze waren die Folge-Sätze, wenn das erste Begehren gestillt werden konnte.

Sie erinnerten sich an die beiden Ausdrücke, dass sie jetzt zur Toilette gehen müssten um entweder klein oder groß zu machen. Damit war ihr chinesischer Wortschatz komplett erschöpft.

Dann begann ein Spiel, in dem die Nordkoreaner Meister sind. Sie brachten die beiden ins Hotel und am nächsten Tag zur Baustelle. Die beiden großen Kisten, in denen das Herz des Umspannwerks in Spanien eingepackt wurde, waren noch nicht auf der Baustelle. Ob sie überhaupt schon im Land waren wurde ihnen nicht gesagt.

Aber dann begannen 40 oder 50 koreanische Arbeiter, die auf der Baustelle auf die beiden warteten, mit einem freundlichen Wasserfall von koreanischen Sätzen auf die beiden einzureden.

Das war offensichtlich die Vorstufe eines Verhörs, wie es später normalerweise direkt in den Verließen der Geheimpolizei durchgeführt wird. Der Besuch wurde abgebrochen, die beiden wurden zurück ins Hotel gebracht.

Soweit es möglich war und es die Diplomatie und Höflichkeit der nordkoreanischen Behörden erlaubte, wurde den beiden gesagt, dass sie doch bitte zugeben sollten, dass sie im Auftrage einer fremden Macht hier im Land etwas auskundschaften wollten.

Wenn Sie kooperierten, würden sie mit einer geringen Strafe davonkommen. Was man genau darunter verstand, wurde nicht gesagt.

Die beiden waren in dieser Situation total überfordert.

In dem Vertrag, der zwischen der koreanischen Regierung und der spanischen Fabrik gemacht wurde, war eine Klausel enthalten, die besagte, dass die Spanier für die Kosten der Unterkunft ihrer Monteure aufkommen. Das war nichts Besonderes und Teil eines normalen Vertrages.

Es war aber nirgends spezifiziert, wie lange so eine Aufenthalts-Zeit  sein würde.

Jetzt wurden die beiden erst mal einige Tage im Hotel alleine gelassen. Dann erschien eine kleine Delegation von uniformierten Koreanern. Zwei dieser Beamten hatte eine Schirmmütze auf dem Kopf, deren Schild extrem hoch war.

Thomas wusste von China her, dass, je höher die Mütze respektive der Schirm der Mütze war, desto größer war die Macht, das Ansehen und der Rang des Trägers dieser Mütze.

Ihnen wurde auf einfache, aber sehr klare Weise nahegelegt, sich als Beauftragte einer fremden Macht zu bekennen. Sie würden dann mit geringen Strafen davonkommen.

Die beiden hatten überhaupt keine Möglichkeit, sich von sich aus mit ihrer Firma in Spanien in Verbindung zu setzen. Es gab in Pjöngjang zu dieser Zeit nur eine europäische Botschaft, das war die von Schweden. Über die liefen angeblich sämtliche Verhandlungen, die irgend etwas mit Europäern im Land zu tun hatten.

Das wussten die beiden aber nicht, und es wurde ihnen auch nichts darüber gesagt.

Eine andere Möglichkeit, mit ihrer Heimat in irgendeiner Form zu kommunizieren, gab es nicht. Sie konnten  nur hoffen, dass die Firma irgendwann von sich aus tätig werden würde – aber wie und wann, das entzog sich komplett ihrer Kenntnis.

Auf diese Art und Weise waren sie jetzt schon irgendwas zwischen sieben oder neun Wochen in dem Hotel – mit den sich täglichen wiederholenden Ritualen, Befragungen und Verhören. Sie dürfen das Hotel nicht verlassen, der Besuch einer öffentlichen Straße war allen Ausländern zu jeder Zeit strikt untersagt.

Zuerst fanden sich noch relativ komisch, sich in so einem kleinen Luxus-Exil bewegen zu können. Dann wurden sie apathisch und sprachen selbst miteinander nur noch wenig. Sie gingen ihren Gedanken nach und hofften auf ein nordkoreanisches Wunder.

Thomas hörte sich das ganze an diesem Abend an.

Von da ab nahmen die drei morgens und abends gemeinsam im riesigen Speiseraum ihren gewürzten oder ungewürzten Kohl zu sich und schwammen abends einige Runden aus purer Langeweile.

Thomas notierte sich die Daten dieser beiden armen Menschen, die das Pech hatten, eine chinesische Großmutter in ihrer Familie gehabt zu haben. Er sagte zu, dass er sich umgehend mit der Fabrik in Spanien in Verbindung setzen würde, wenn er aus dem Lande sei. Mehr könne er aber im Moment auch nicht machen.

Thomas informierte die Spanier in Belajoz, nachdem  er wieder in China eingetroffen war.

Wie die Geschichte ausging, hat er nie erfahren.

Die Lieferung

Mit seinen neuen Freunden aus der nordkoreanischen Fabrik einigte Thomas sich nach einigen Tagen auf irgendeinen Pauschalpreis pro Kilo.

Überschlägig würde er mit dem Gewinn dieser Transaktion in späteren Zeiten drei oder viermal umsonst nach Nordkorea reisen können. Alles, was sonst noch in den Kisten war, die ein halbes Jahr später von Nordkorea aus bei ihm in seinem Hamburger Lager eintrafen, wurde auf direktem Wege vernichtet.

Man war in der glücklichen Lage, dass es damals noch keine Müllverwertungs-Vorschriften gab für unbekannte Produkte aus Nordkorea.

Der Lagerist Paul schnitt in seinem Saldo-Maso Keller wieder 20.000 Schwänze von ihren Körpern und wunderte sich nur, dass die Kolinsky-Felle aus Nordkorea diesmal  des öfteren beim Anfassen schon auseinander fielen.

Aber die Schwänze waren alle noch in Ordnung – und das war für Paul und dem Renommee seines S-M Studios das Wichtigste.

Zweites  Buch

Kleine Welt

Es gibt seit Jahrhunderten Berufe, die von speziellen Bevölkerungsgruppen ausgeübt wurden.

Warum es so war – das kann jeder für sich selbst googeln oder nachlesen. Dass es so war – das wusste Thomas und seine Familie schon seit Generationen.

Am anschaulichen war dies im Mittelalter, wo die Hälfte der Bevölkerung vom normalen Leben ausgeschlossen wurden – die Frauen.

Sie hatten keinerlei Anteil am öffentlichen Leben.
Nachsicht gegenüber Frauen gab es im Mittelalter nicht.
Sie mussten stets ihren Mund halten.
Sie durften weder Erben noch eigenen Besitz haben.
Und sie waren grundsätzlich ihr Leben lang unmündig.

Neben dieser größten Gruppe der Bevölkerung gab es andere, die ähnlichen Verboten unterworfen waren.

Sie versuchten sich dagegen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu wehren, indem sie bestimmte Berufe ausübten, die ihnen ein Überleben in der Gesellschaft ermöglichten.

Die Sinti und Roma waren bekannt als Kessel-Flicker und Teppichhändler.

Juden hatten sich unter anderem im Edelstein-Bereich spezialisiert. Noch heute ist das Diamanten-Viertel in Antwerpen fest in traditioneller jüdischer Hand. Sie hatten in allen größeren Städten ihre eigenen Schulen und eine entsprechend umfangreiche Allgemeinbildung. Sie konnten meistens besser rechnen als viele ihrer Mitbürger und im Lauf der Zeit besetzten sie so in der ganzen Welt die Berufe, die mit Geld und Finanz zu tun hatten.

Sie waren führend im Bereich der Gesundheit. Die bekanntesten und  berühmtesten Doktoren und Professoren entstammten ihren auf der ganzen Welt verzweigten Familiengruppen. Diese weltweite Verbindung einzelner größerer jüdischer Familien brachte mit der Zeit auch noch eine kleine Berufsgruppe hervor, in der Kenntnis und Verschwiegenheit zwei Hauptkriterien waren.

Es waren dies die Pelzhändler, Fellhändler und Kürschner. Die Firma und die Familie Deckel waren zwar in keiner Generation in irgendeiner Form jüdisch, hatte aber sehr engen Kontakt  zu diesen Gruppen.

Es gab einige Zentren des Pelzhandels in der Welt:

London, wo die meisten Händler auf dem Knoblauchhügel (Garlic hill ) lebten und arbeiteten. New York zwischen der 42. und 44. Straße. Paris im elften Bezirk und in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg in Leipzig auf dem Brühl und später in der Niddastraße in Frankfurt.

Thomas kannte viele dieser Firmen dort.

Sein eigener Ruf war wegen seiner erfolgreichen Schmuggler-Tätigkeit  in Südamerika etwas exotisch angehaucht. Aber gleichzeitig erfüllte er alle an ihn und die Familie Deckel erfüllten Erwartungen und Verpflichtungen stets freundlich und korrekt.

Sein Vater sprach fließend Französisch, er selber war ein Jahr vor dem Beginn seines  Französischunterrichts aus der Schule geflogen. So behalf er sich  bei französischen Kunden mit seinem spanisch, portugiesisch und einigen Worten und Phrasen, die er von seinem Vater gehört und gelernt hatte.

Jacob Salomon

Zu den größten Kunden der Firma Deckel gehörte ein sehr altes und renommiertes französisches Familienunternehmen.

Jakob Salomon, der Chef dieser Firma, hatte sich im Laufe der Zeit mit dem Vater von Thomas befreundet. Man traf sich regelmäßig auf Messen und bei Besuchen in dem jeweilig anderen Land.

Irgendwann erzählte Detlef, der Vater von Thomas, seinem Freund Jakob Salomon, dass Thomas vor kurzem in Nordkorea war. Jakob Salomon hob interessiert den Kopf. Er hatte selber weltweite Verbindung, von den einsamen Gegenden Nord-Kanadas bis in die Sandwüsten um Windhuk, dem australischen Outback und Indochina.

Nordkorea jedoch war das einzige Land, zu dem er überhaupt keinen Zugang hatte. Er wusste genauso wie Detlef, dass es in Nordkorea gewisse Waren gab, die man in Europa gut verkaufen könnte. Thomas wiederum hatte keine Ahnung, um was für Produkte es sich dabei handeln würde.

Das Gespräch

Bei einem längeren abendlichen Gespräch erfuhr Thomas von Jacob Salomon, was er wissen musste, um beim nächsten Besuch in Nordkorea das zu suchen, was man in Frankreich haben wollte – und was die Nordkoreaner sicherlich auch gerne verkaufen würden.

Nur hatte es bis dahin hierüber keinerlei Kontakte, geschweige denn Gespräche gegeben. Das Gespräch mit Jacob Salomon dauerte Stunden – es war eine der längsten und tiefgründigsten Unterhaltungen, die Thomas im Laufe seines Lebens erlebt hatte.

Er fing nach einer Stunde an, sich Notizen aufzuschreiben.

Dieses Gespräch war der Anfang und die Grundlage eines neuen und für Thomas einmaligen Lebensabschnitts.

Drittes Buch

Erinnerungen

Thomas dachte nach diesem Gespräch mit Jacob Solomon und seinem Vater Detlef an seine kleine, damals fünfjährige Enkelin.

Er erinnerte sich genau, wie er vor über zehn Jahren versucht hatte ihr zu  erklären, was danach ein wichtiger Teil seiner beruflichen Tätigkeit wurde. Und wie er dabei gescheitert war.

Er wollte damals seiner blonden kleinen Lieblingsenkelin erklären, dass die Menschen auf der ganzen Welt zu allen Zeiten verschiedene Tiere benutzten, um zum einen selber zu überleben und zum andern den Göttern die gleichen Tiere als Dank dafür zu opfern.

In Indien, dem bevölkerungsmäßig zweitgrößten Land der Welt, ist es bis heute verboten, die dort in allen Straßen und Plätzen frei herumlaufenden Rinder auch nur zu berühren. Geschweige denn etwas anderes mit Ihnen zu machen.

Und genauso waren in anderen Gebieten andere Tiere heilig.
Er erinnerte sich an die Aufzählung, die er damals vorbereitet hatte.

Mit dieser Einleitung wollte Thomas seinerzeit seiner Enkelin über das Tier berichten, um das es jetzt tatsächlich ging.

Es war dies der Hund.

Hundejahre

Hunde haben in den meisten nordeuropäischen Ländern den Status eines treuen Begleiters der Menschen.

In südeuropäischen Ländern sind sie nicht so populär. In Nordafrika wurden sie gejagt, weil man sie als Überträger von Krankheiten fürchtete.

In Europa war der größte Fleischlieferant das Schwein.

Das gleiche Schwein war in sämtlichen islamischen Ländern – und das ist ungefähr ein Fünftel der gesamten Weltbevölkerung – das Tier, vor dem sich jeder Moslem mit Abschaum abwand.

Und so konnte man mit einer Reihe von Tieren diese Vergleiche machen, es gab immer ein Pro und ein Contra.

Eines der wenigen Tiere, die weltweit als Helfer der Menschen sowohl im Verzehr als auch in anderen Dingen anerkannt war, das waren die Hühner und Gänse.

Fleisch, Eier, Federn und Daunen – alles wurde auf der ganzen Welt verwertet, ohne dass sich eine Religion oder Volksgruppe dagegen wehrte.

Hunde gab es in China reichlich. Die meisten im Nordchina, wo es oftmals kalt, rau und unwirsch ist.

Die Chinesen hatten keinerlei tiefere Emotionen zu dieser Tiergruppe. Hunde liefen in den Bauernhöfen rum wie Hühner, Katzen, Gänse, Mäuse und alle anderen Tiere.

Hundefleisch wurde gegessen, genauso wie Rindfleisch, Schweinefleisch und Hühnerfleisch.

Thomas hatte über die vielen Jahre in China die unterschiedlichsten Zubereitungen von Hundefleisch kennengelernt. Es war für ihn nichts Besonderes. Weder im negativen noch im positiven Sinne.

Die Felle der Hunde wurden von den Bauern als Schutz gegen Kälte und Regen benutzt. Der Schutz war aber nur gering. Der Grund war einfach, dass die meisten Tiere nur einen leichten Haaransatz über ihrem Fell haben. Da konnte keine Wärme gespeichert werden wie bei Schafen oder Lamas oder Kamelen.

Und wenn ein chinesischer Bauer mit einem Hundefell-Mantel im Winter auf seinem Feld war, dann wurde dies Kleidungsstück meistens so hart, das es mehr hinderlich als nützlich wurde.

Thomas hatte in verschiedenen Städten auch Pelzbekleidung aus Hundefell gesehen. Sie war meist staubig, unansehnlich, im Leder hart und spröde und das wussten die Chinesen auch, die mit ihm Verträge über andere Felle und Pelze machten, die auch in China vorkamen.

Insofern war Thomas jetzt doch verwundert, als Jakob Salomon so intensiv über diese nordkoreanischen Hunde sprach.

Mit der Zeit begriff Thomas aber, was die Idee von Jakob Salomon war.

Die Privatbank

Die Firma Deckel war bekannt als seriöse und branchenspezifische Privatbank.

Nicht im eigentlichen Sinne, so wie man sich eine Bank vorstellt. Mehr in der Form, dass seine Familie – vom Großvater über den Vater bis hin zu Thomas – ein so großes Vertrauen bei ihren internationalen Kunden genoss, dass einige Geschäftspartner der Familie Deckel oftmals größere Geldbeträge anvertrauten.

Und dieses Vertrauen war gerechtfertigt.

Die jährlichen Revolutionen in Südamerika – und dabei speziell die fast täglichen Revolutionen und Regierungs-Umstürze in Bolivien, Paraguay und angrenzenden Ländern – zwangen die etwas wohlhabenden Bewohner dieser Länder, ihre Gelder irgendjemand anzuvertrauen.

Die Banken im eigenen Lande wurden permanent verstaatlicht und alles Geld verschwand.

Die Banken in Europa waren mit den südamerikanischen Verhältnissen nur wenig vertraut und versuchten mit viel freundlichem Druck, den Besitzer dieser Vermögen davon zu überzeugen, dass sie ihr Geld der Bank zur Anlage anvertrauen mögen.
Sei es als Aktien, Beteiligungen oder irgendwelche sonstigen Formen der Geldvermehrung, bei denen die Bank auf jeden Fall auf der Gewinnerseite stand.

Wer als Südamerikaner oder Asiate ein Depot bei einer deutschen oder Schweizer Bank anlegte, konnte sicher sein – wenn er es nicht ausdrücklich anders angewiesen hatte – dass dieses Geld so lange umgeschichtet wurde, bis außer den Provisionsabrechungen der Bank nichts mehr vorhanden war.

Aus diesem Grund hatte sein Großvater Albert, sein Vater Detlef und zuletzt auch er selber öfter private Vermögen einiger guter ausländischer Geschäftsfreunde in Verwaltung. Es wurde nicht ein einziger Dollar oder sonstige Fremdwährung für irgendetwas anderes benutzt als dafür, einfach für den Besitzer aufbewahrt zu bleiben.

In Zeiten, wo es etwas ruhiger auf der Welt zuging, kamen ausländische Familienmitglieder nach Hamburg und hoben ihr Geld bei seiner Familie wieder ab – alles funktionierte und trug zum Renommee der Familie Deckel bei.

Die Liste

Jakob Salomon hatte an diesem denkwürdigen Abend all seine Überlegungen dargelegt und seine  Überlegungen mit einigen persönlichen Worten beendet.

Thomas war zuerst erstaunt, dann verwirrt und schließlich fühlte er sich absolut überfordert von all dem, was Jakob in diesen abendlichen Stunden vorgetragen hatte. Er versuchte, das Ganze auf einige wichtige Punkte zu reduzieren und dies erst einmal für sich aufzuschreiben.

Er brauchte Struktur und Übersicht, gerade wenn es sich wie hier um etwas völlig neues handelte. Und so schrieb er auf seinen ersten Notiz – Zettel:

Warenweg –   streng geheim
Zahlungsweg – streng geheim
Produktionsweg – streng geheim
Vertrieb – streng geheim
Abwicklung – streng geheim

Nachdem er diese 5 einfachen Überschriften dann auf  5 verschiedene Zettel übertragen hatte, fing er an, jeden Zettel mit den Details zu füllen, die er aus den Ausführungen von Jakob Salomon gehört hatte. Dann setzte er nach und nach eigene Gedanken und Bemerkungen hinzu.

Telegramm

Im Telegrammstil – diese Art der Komprimierung auf das wirklich Wesentliche war in jenen Zeiten ein absolutes Muss für jeden, der für jedes Wort eines internationalen Telegramms viel Geld bei der Post oder Telegrafengesellschaft ausgeben musste – in diesem Telegrammstil notierte Thomas die Struktur eines für ihn völlig neuen Geschäftes.

Es war so kompliziert und gleichzeitig so einfach, wie es bei allen großen Geschäften ist, die sich dadurch auszeichnen, dass eine einfache neue Idee geboren wurde. Sie entwickelt sich. Sie wird konkret und wächst unter der Obhut und Fürsorge der ganz wenigen Menschen, die sie erdacht hatten, zu einer neuen und eigenen  Größe heran.

Nobody ist perfect – aber Thomas Interesse war geweckt.

Er wollte beweisen, dass man mit diesen 5 Zetteln, die inzwischen teilweise schon eng beschrieben vor ihm lagen, dass man damit etwas schaffen könnte, was es in dieser Form bisher noch nie gegeben hat.

Viertes  Buch

Isaak Fleider – Brasilien

Isaak Fleider saß wie jeden Morgen auf der Terrasse seiner Hazienda in der Nähe von Sao Paulo und blickte auf das vor ihm liegende Tal. Es war nicht besonders groß, aber durchgehend grün durch das Gras und die teilweisen kleineren Bewaldungen. Der Anblick totaler Ruhe wurde unterbrochen von einigen größeren Holzhäusern, wo zu dieser frühen Morgenstunde schon einige seiner Angestellten eifrig arbeiteten.

In jedem dieser Holzhäuser wurden Kaninchen gezüchtet.

Keine normalen Feld- Wald und Wiesenkaninchen, wir es sie Südamerika in jeder Pampa gab, sondern große, langhaarige, sehr gesunde und kräftige Exemplare. Er hatte die Vorfahren dieser größten Kanin-Plantage Südamerikas vor vielen Jahren aus Frankreich mitgebracht.

Wie die allermeisten seiner in der ganzen Welt verstreuten Familie beschäftigte er sich mit Fellen und Pelzen und allem, was dazu gehört. Sein Spezialgebiet war die Zucht von französischen Kaninchenrassen, die sich durch zwei Eigenschaften auszeichneten.

Zum einen war ihr Fleisch besonders schmackhaft und für die Franzosen, die Zeit und Lust hatten für ein besonderes Essen, eine Delikatesse.

Zum anderen war das Fell dieser Tiere so gezüchtet, dass es dicht, warm und angenehm flauschig war. Die Felle waren von so großer Dichte und Reinheit, dass sie sogar in Krankenhäusern und Reha-Häusern eingesetzt wurden, weil sie besonders den kranken und älteren Menschen das Liegen und die damit verbundenen Strapazen wesentlich erleichtern konnten.

Isaak wohnte mit seiner Familie in einem gutbürgerlichen Arrondissements in Paris.
Seine Farm, wo er in Frankreich seine Kaninchen  züchtete, hatte er 50 km außerhalb der Stadt in einer Gegend, wo es niemanden interessierte, was er dort machte.

Mitte der Dreißigerjahre änderte sich die politische Landschaft in Europa. Isaak Fleider ahnte, was auf ihn und seine Familie eines Tages zukommen würde und beschloss rechtzeitig, mit allen was er hatte nach Brasilien auszuwandern.

Heute war er der bekannteste und renommierteste Lieferant von Spitzenrestaurants der ganzen Welt – besonders in Spanien, Portugal und Frankreich, wo ein guter Kaninchenbraten immer noch zu den großen Delikatessen gehört.

Außerdem waren seine Kaninfelle in der ganzen Welt bekannt unter ihrem Handelsnamen und er brauchte sich jetzt in seinem Alter nicht mehr in das Tagesgeschäft einbringen. Eine seiner letzten noch verbliebenen Probleme war die Tatsache, dass in Brasilien  die Regierungen schneller wechselten als das Wetter.

Eine Militärdiktatur löste die andere ab, Neuwahlen wurden grundsätzlich abgebrochen und politisch war das Land eine einzige Katastrophe. Er interessierte sich nicht für Politik, aber jede neue Militär-Regierung ist bemüht, sich so schnell wie möglich so viel wie möglich Geld zu besorgen. Auf jede erdenkliche Art und Weise.

Seine Buchhalter konnten gar nicht so schnell die ganzen Zoll, Import und Export-Bestimmungen lesen und nachvollziehen, wie sie täglich auf seinen Schreibtisch flatterten.

Einer der ältesten und seriösesten Geschäftspartner von Isaac Fleider war die Firma Deckel in Hamburg. Es gab in Europa einen gewissen Bedarf nach qualitativ hochwertigen Kanin-Fellen für Pelze, Besatz und auch medizinischen Zwecke.

Detlef hatte den Kontakt mit Isaak Fleider begonnen und Thomas hatte es ausgebaut und die Vertretung der Firma Isaak Fleider für Deutschland und einige andere Länder übernommen. Beide waren mit dem Geschäftsverlauf zufrieden und aufgrund der politischen Situation der letzten Jahre ließ Isaac bei vielen Transaktionen ein Teil des Gewinnes in der Firma von Thomas.

Dieser verwaltete das Geld von Isaac treuhänderisch und ehrenhaft.

Ali

Sein voller Namen  ist Ali Alaoui.

Seine Familie stammte aus dem Atlasgebirge und er selbst verbrachte den größten Teil seiner Jugend dort in einer Kleinstadt im Süden von Marokko.

Mit etwas Glück, einem kleinen Koffer voller Bakschisch und einem Zettel von Verwandten, die bereits in Frankreich wohnten, gelang es Ali nach der Schule in Frankreich zu studieren und er wurde somit einer der vielen 100.000 Franzosen marokkanischer Abstammung.

In seinem Dorf gab es verschiedene kleine Handweber, wo die typischen Berberteppiche in traditioneller Handwerksarbeit hergestellt wurden. Außerdem arbeiteten unten am Fluss zwei 2 kleine Gerbereien, wo die Häute von Ziegen, Eseln, Kamelen und den wenigen Kühen, die es im Ort gab, gegerbt wurden, um daraus die traditionellen marokkanischen Leder-Artikel zu arbeiten.

Das waren insbesonders die würfelförmigen Leder-Sitzkissen, die in jedem marokkanischen Wohnzimmer vorhanden waren. Es waren gelegentlich auch größere Felle, die die Leute sich im Schlafzimmer neben das Bett oder im Wohnzimmer zwischen den Ledersitzkissen hinlegten.

Ali hatte in seiner Jugend in diesen Werkstätten geholfen und gearbeitet, um sich etwas Taschengeld zu verdienen. Seine Eltern waren nicht arm und nicht reich, sie gehörten zu den größten Bevölkerungsschichten Marokkos, der ärmeren Mittelschicht.

Das Studium nützte ihm nicht viel, er hatte nicht das Geld, um sich das verwirklichen zu können, was er gelernt hatte. Er besann sich auf seine Kenntnisse und fing an, einen kleinen Leder- und Teppichhandel zu betreiben.

Da Ali außer Arabisch nur Französisch sprach, beschränkte sich seine Kundschaft auf die Franzosen und Nordafrikaner, die mehr oder weniger  dasselbe Schicksal erlitten hatten.

So lernte er die Kunst des Überlebens kennen.

Wer gegen seinesgleichen bestehen will, muss immer etwas besser sein.

Frankfurt

Einmal im Jahr gönnte sich Ali eine kleine Reise nach Frankfurt. Dort war jedes Jahr im Januar die Heimtex, die weltweit größte Messe dieser Branche. Es wurden neben allen möglichen Textilien auch Artikel für das Wohnzimmer und Schlafzimmer angeboten und Ali besuchte diese Messe regelmäßig.

Irgendwann stand er vor dem Stand der Firma Deckel. Thomas hatte aus seiner Zeit in Brasilien ganz bestimmte Sachen in sein Verkaufsprogramm genommen, die es in Deutschland und in Europa zu jener Zeit kaum gab.

Dazu gehörten kleine und große Teppiche aus brasilianischen Rinderfellen, Bett-Überwürfe aus brasilianischen Kaninfellen und wunderschöne, isländische weiße, langhaarige und seidige Lammfelle für Schlafzimmer und sonstige Kuschelplätze.

Unter den gesamten Anbietern der Halle, wo Thomas Deckel seinen kleinen Stand hatte, war er der absolute Exot. Alle anderen hatten 08/15 Bettwäsche, Fenstervorhänge oder Fußboden-Auslegeware in allen möglichen und unmöglichen Variationen, letztendlich aber war ihr Angebot für den Laien nicht von dem ihrer Stand-Nachbarn zu unterscheiden.

Ali stand vor dem Stand von Thomas Deckel. Alles erinnerte ihn irgendwie an seine marokkanische Heimat. Es war ein bisschen Basar, sehr farbenfroh, anders als jeder andere Messestand und auch die Menschen, die hier im Stand arbeiten, erklärten und verkauften, hatten nicht die Schlips- und Kragen-Uniform sowie das Businesskostüm aller anderen Stände.

Ganz hinten im Stand saß ein älterer Herr an einem leeren Besprechungstisch und las intensiv in seiner Zeitung.

Es war Detlef Deckel, der Vater von Thomas.

Er schenkte dem ganzen Drumherum so gut wie keine Aufmerksamkeit. Er war zufällig an diesem Wochenende ebenfalls nach Frankfurt gekommen, weil zwei seiner größten Frankfurter Pelzkunden sich mit ihm über die Einkäufe in der kurz bevorstehenden nächsten chinesischen Kanton-Messe absprechen wollten.

Detlef  Deckel sprach fließend Französisch.

Ali freute sich, jemand getroffen zu haben, mit dem er in seiner Sprache kommunizieren konnte und dies war der Anfang einer sehr langen und freundschaftlichen Verbindung.

Ali kaufte von Thomas hauptsächlich große, sehr bunte brasilianische Rinder-Häute.

Sie wurden Exotic genannt, weil es eine Rasse war, in der das brasilianische Zebu und europäische Rinder gekreuzt wurden. Diese Kreuzung hatte eine glänzende und in sehr großen Farb-Facetten leuchtende Haut. Ganz anders als die stumpfen, ewig braunen Kamel- oder Esel Häute, die in Marokko die einzige Grundlage der Lederfabrikation waren.

Ali fing schnell an, einige kleinere Partien Rinds-Exiotics nach Marokko zu verkaufen und setzte sich dann mit größeren Händlern zusammen, um eine völlig neue Art des marokkanischen Leder zu kreieren.

Die marokkanischen Leder-Sitzkissen waren plötzlich bunt und teuer. Die Felle auf dem Boden ebenso. Dieses neue Design schwappte innerhalb von ganz kurzer Zeit durch alle Basare Marokkos, bis nach Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten.

Und Ali steuerte alles von Paris aus, wo er inzwischen wohnte.

Niemand seiner Kunden interessierte sich, woher Ali diese neuen, bunten und dekorativen Lederstücke herkamen. Man war froh, dass man sie von Ali beziehen konnte und jeder verdiente prächtig daran.

Außer den marokkanischen Gerbern, die mit ihrer einfarbigen, zotteligen und stumpfen Ware in den Basaren plötzlich im wahrsten Sinne des Wortes sitzen blieben.

Thomas Deckel reiste alle paar Monate nach Brasilien und besuchte die  großen Gerbereien in Südbrasilien, die diese Rinderfelle mit den exotischen Farben produzierten.

Er übernahm alles Stück für Stück, er hat einen kleinen speziellen Hammer, mit dem er jedes übernommene Teil markierte – bei jedem Besuch mit einer anderen willkürlichen Nummer. So dass er immer sicher sein konnte, dass nur die von ihm persönlich ausgesuchte Ware an Ali ausgeliefert wurde.

Das ganze fing mit einigen 100 Rinderfellen an, wurde in relativ kurzer Zeit zu Kontrakten über Tausende von Fellen und irgendwann waren die 10.000 Stück pro Kontraktmenge überschritten.

Katalog – Verkaufen

Ohne dass Ali und Thomas es vorhatten, entwickelte sich nebenbei noch eine ganz andere Geschäftsidee. Zuerst in Frankreich, dann in Skandinavien und in Deutschland.

Der Versandhandel war in Frankreich mehr verbreitet als in anderen europäischen Ländern.

Eines der wichtigsten Kriterien für jeden Versandhändler ist, dass das bestellte Produkt völlig identisch ist mit dem Foto im Katalog. Ein Internet mit entsprechender Verkaufsplattform gab es zu jener Zeit nicht, aber heute wären diese Kriterien auch dort genauso gültig.

Nur wenn absolut sichergestellt war, dass jeder bestellte Artikel genauso ausfällt wie auf der Katalogseite beschrieben, konnte die Verkäuferseite von einem problemlosen Verkauf ausgehen.

Irgendwann meldete sich das größte französische Katalog-Versandhaus bei Ali, weil sie seine bunten und schönen Artikel so gut und neu fanden, dass man sich davon auch ein Versandhandelsgeschäft versprach.

Das scheiterte schon nach wenigen Worten, weil Ali erklärte, jede Haut oder jedes Leder, was er liefert, sei irgendwie anders in den Farben und somit faktisch ein Unikat. Und genau das kann man nicht per Katalog verkaufen.

Als Ali und Thomas danach irgendwann mal zusammen saßen, erzählte er seinem deutschen Freund über sein Gespräch mit dem Versandhändler. Und Thomas hatte die Idee, wie das Ganze doch noch schnell und erfolgreich verwirklicht werden konnte.

Kuchen backen

Es gab in Süd-Brasilien neben den Zebu-Rassen auch ganz normale Rinderrassen, deren Fell einfarbig hell oder einfarbig dunkel war.

Diese Rinder-Felle hatten für ihn praktisch keinen Wert, da sie gegenüber den Exotic völlig unattraktiv wirkten.

Was es in Brasilien nicht gab waren die typischen, schwarz-weiß gesprenkelten Schleswig-Holsteiner Kühe, die besten Milchkühe der Welt. Diese schwarz-weißen Rinderfell-Zeichnungen sind mit Sicherheit auf der ganzen Welt bekannt, selbst in Gebieten, wo es die Tiere selber noch nie gegeben hat. Da Thomas wusste, wie der ganze Produktions-Prozess bei solchen Gerbereien ablief, machte er kurzerhand einen Test.

Er ließ mehrere Metallformen bauen, so ähnlich wie beim Ausstechen von Plätzchen aus dem Kuchen-Teig. Da nimmt man kleine Metallsterne oder Kreise oder sonstige irgendwie hübsch geformte Metallstückchen und sticht Plätzchen aus einer Teigmasse. Nach diesem Prinzip hatte er jetzt  5  verschiedene Metallformen in Maxiformat vor sich liegen.

Dann wurde irgendeine sehr weiße Rinderhaut unter eine Presse gelegt, oben drauf die Metallform zum Ausstechen und mit der Wucht der Presse war ruckzuck das Teil aus der Haut herausgeschnitten.

Diese Haut wurde dann an 4 weiteren Stellen mit anderen Metall Formen weiter traktiert und zum Schluss war die weiße Haut eine weiße Haut mit 5 großen verschiedenen Löchern.

Dann wurde als nächstes eine pechschwarze Haut unter die Presse gelegt.

Wieder wurden die 5 Metallstücke auf die Haut gelegt und pressten jetzt aus der schwarzen genau die gleichen Teile raus, die man vorher aus der weißen Haut rausgepresst hatte.

10 Minuten später lagen neben der Presse 2 Rinder Häute mit völlig gleichen Löchern und daneben 10 Stückchen Rinder-Haustücke, die genau diese Löcher passten.

Jetzt brauchte man nur noch die schwarzen Teile in die weiße Haut rein kleben und zusammen pressen und analog die weißen Teile in die schwarze Haut einfügen, pressen und zusammenkleben.

Nach weiteren 10 Minuten hatte man 2 Häute, die 100-prozentig identisch waren, die kontrastreich aussahen wie schwarz-weiße Milchkühe und die man sehr gut fotografieren konnte.

Auf diese Art und Weise sind Tausende von billigen, einfarbigen Rinderfellen mit einem minimalen Aufwand in prächtige, schwarz-weiße Schleswig-Holsteiner Milchkuh-Leder umfunktioniert worden.

Das Foto in dem Katalog entsprach hundertprozentig dem Teil, das dann geliefert wurde, weil alle Häute die gleichen Ausschnitte hatten, nur eben in der jeweils anderen Farbe.

Einige Jahre lang war dies die ganz große Mode, bis hin zur Whiskymarke Black + White, die damit Fernsehwerbung betrieb.

Diese Episode war für alle Beteiligten erfolgreich und man erinnert sich noch heute mit einem gewissen Schmunzeln daran.

Teppiche

Als Thomas seinem Freund und Geschäftspartner Ali irgendwann erzählte, dass er in China tätig sei und dort sehr viel bewirkte, weihte Ali ebenfalls seien Freund Thomas in die Grundzüge des international Teppich-Geschäftes ein.

Es gibt im äußersten Westen Chinas die größte aller 23 chinesischen Provinzen, sie heißt Sinkiang und ist überwiegend von Moslems bewohnt, die genau wie ihre Familienmitglieder in Indien, Iran und Pakistan Meister des Teppich-Knüpfens sind.

Man produzierte genauso wie in Marokko – nur qualitativ hochwertiger, gleichmäßiger und auch günstiger. Normalerweise brachten diese Fabriken ihre Teppiche in die Lager der chinesischen Import-Export Gesellschaften in Beijing, Shanghai und Canton.

Die Hauptstadt dieser Provinz – Urumuchi – war genau wie Tibet und einige andere Gebiete in China damals militärisches Sperrgebiet und kein Ausländer durfte dorthin reisen. Keiner, außer Thomas und einer Handvoll Europäer, die ganz spezielle chinesischen Reise- und Aufenthaltsgenehmigungen hatten.

Wer aber direkt in Urumuchi die Teppiche aussuchen konnte, hatte einen  gewaltigen Vorteil gegenüber allen anderen Käufern, die dann das nehmen musste, was übrig geblieben war.

Ali zeigte Thomas bei einem längeren Besuch in Paris, worauf er zu achten hatte und wo es bei Ware aus Indien und Iran immer Probleme gab.

Der Rest war einfach – die Chinesen hatten überhaupt keine Absicht, irgendwelche Vorteile aus der ganzen Sache zu ziehen. Sie zeigten Thomas in Urumuchi  das, was sie fertig gewebt hatte.

Thomas nahm sich, was ihm gefiel und Ali wurde der größte europäische Händler in Sinkiang-Teppichen, ohne auch nur einmal in China gewesen zu sein.

Vertrauen

Das Vertrauensverhältnis zwischen Ali und der Familie Deckel war hundertprozentig. Die französischen Regierungen, die in jener Zeit auch oft nur eine sehr begrenzte Haltbarkeitsdauer hatten, waren in vielen wirtschaftlichen und finanziellen Fragen von blühender Ahnungslosigkeit und erließen ein Dekret nach dem andern, um an Geld zu kommen.

Das war nichts für Ali, er beschloss, ein Teil seiner Gewinne einfach in der Firma von Thomas Deckel stehen zu lassen wie in einer sehr privaten Bank.

Das klappte problemlos.

Jakob Salomon wusste, dass seine Freunde Isaak Fleider und Ali Alaoui Gelder  bei der Firma Deckel aufbewahrten. Und er wusste auch, dass Thomas intern Anweisung gegeben hat, diese Art der Privatbank-Aufbewahrungsgeschäfte nicht weiter auszubauen.

Umso mehr freute sich Jakob Salomon insgeheim, dass er selber zu dem Kreis der wenigen Personen gehörte, die auf so persönliche und vertrauensvolle Art mit der Firma Deckel auch in VermögensAngelegenheiten zusammenarbeiteten.

Zinsen

Zu jener Zeit – wir reden hier von den Jahren 1980-1990 – waren die Bankzinsen auf der ganzen Welt hoch. Zwischen 5 und 10 Prozent bekam man, wenn man sein eigenes Geld gut anlegen wollte und zwischen 10 und 20 Prozent musste man bezahlen, wenn man bei seiner Bank Geld leihen wollte für irgendwelche geschäftlichen oder privaten Angelegenheiten.

Jakob, Isaak und Ali wussten alle drei, dass sie das Geld, was sie bei Thomas in der Firma hatten, sehr schlecht irgendwo offen anlegen konnten.

Falls Thomas zum Beispiel damit zu seiner Bank gehen würde um es irgendwie anzulegen, würde die erste Frage seines Bankdirektors sein, wie er plötzlich zu so viel Geld komme, ohne vorher mit seiner Bank darüber zu sprechen oder zumindest es bei seiner Bank angelegt zu haben.

Solche Fragen waren berechtigt, denn das gute Vertrauensverhältnis von Privatbanken zu Geschäftsleuten war in Hamburg eine Grundlage jeder geschäftlicher Aktivität.

Also wartete Jacob Salomon auf den Moment, wo man dieses „französische Geld“, wie er es gerne nannte, weil es für 3 französische Geschäftsfreunde verwaltet wurde, wie  man dieses Geld jetzt benutzen könnte, um damit ein neues Projekt zu gestalten.

Die Henne und das Ei

Die ewige Streitfrage, wer zuerst da war, also erst die Henne, die dann das  erste Ei legte – oder ob erst das Ei vorhanden war und dann die erste  Henne aus diesem  Ei geschlüpft ist – diese jahrhundertealte Frage wollte Jakob Salomon ganz pragmatisch lösen.

Er meinte an jenem denkwürdigen Abend zu Tomas,  in seinem Fall hat das Ei gewonnen.

Die Henne würde über sein Konzept eine ganze Zeitlang brüten. Man werde auch noch eine  lange Zeit brauchen,  um all das, was er sich überlegt hatte,  in die Tat umzusetzen. Aber weil die Idee jetzt geboren war, sei es nur eine Frage der sorgfältigen Planung, sie in die Realität umzusetzen.

Schach

Der Mensch behält naturgemäß das, was am Ende einer angeregten Unterhaltung gesagt wurde, am längsten in seiner Erinnerung. Und deshalb hatte Thomas noch sehr gut die Sätze in Erinnerung, mit denen Jakob Salomon an jenem Abend seine Ausführungen abschloss.

Jacob hatte ein komplettes Konzept dargelegt, mit einer Vielzahl von Facetten und Aufgaben, die zur Lösung des Projekts nötig sein würden.

Und er hatte seine Ausführungen dann zu guter Letzt mit einer kleinen Geschichte beendet. Er warf am Ende die Frage auf, warum bei einem großen internationalen Schachturnier ein Teilnehmer gewinnt.

Bei jedem neuen Spiel während eines solchen Turniers sind anfangs die Voraussetzungen völlig gleich. Auf dem Brett stehen am Anfang auf jeder Seite die exakt gleichen Figuren.

Und wenn nach vielen Tagen eine Teilnehmer als Sieger das Turnier gewinnt, dann nicht, weil er morgens besser gefrühstückt oder länger geschlafen hat als seine Konkurrenten. Auch nicht weil er böser, grimmiger oder teilnahmsloser am Tisch sitzen kann als sein Gegenüber.

Der Sieger jedes Turniers gewinnt nur durch eine einzige Eigenschaft – er hat sich besser vorbereitet als sein Gegner.

Alle Eröffnungszüge der Schachgeschichte sind dokumentiert. Sämtliche Antworten auf die ersten zehn Züge einer Eröffnung sind bekannt. Jeder wirklich große Meister des Schachs kennt sie – und trotzdem gewinnt nur der, der sich besser vorbereitet hat.

Zu einer solchen Vorbereitung gehört ein enormes, langwieriges und in den meisten Fällen ermüdendes Studium aller Aktivitäten seiner Gegner.

Nur wer seinen Gegner wirklich intensiv vorher studiert hat, kann einschätzen, wo entweder sein Gegner ein Fehler machen oder er selber seinen Gegner mit einem unvorhergesehenen Zug in Schwierigkeiten bringen könnte.

Deswegen – und damit beendete Jakob Salomon sein kleines Gleichnis – muss man alles, was man tut, unter einem einzigen Gesichtspunkt stellen.

Es gibt nur Vorbereitung und Ausführung.

Eine Vorbereitung, die nicht ausgeführt wird, mit der kann man leben.

Eine Ausführung, die nicht vorbereitet wurde, die ist tödlich

Fünftes  Buch

Geld

Thomas blätterte in den 5 Zetteln, die er seinerzeit während seines Gesprächs mit Jacob Salomon angefertigt hatte.
Er versuchte, eine Reihenfolge zu entwickeln für seine nächsten Schritte.
Die Zettel hatten immer noch die gleichen Überschriften

Warenweg  –   streng geheim
Zahlungsweg – Streng geheim
Produktionsweg – streng geheim
Vertrieb – streng geheim
Abwicklung – streng geheim

Dann fing er einfach mit dem ersten Zettel an.

Interflug

Er war jetzt schon mehr als 5 Jahre in China. Jedes Jahr waren das 4 bis 6 Reisen von Deutschland nach China und zurück. Danach eine längere Zeit in Hamburg und zurück nach China.

Für eine Reise von Europa nach China gab es im Prinzip nur die Möglichkeit, mit einer europäischen, asiatischen oder australischen Luftfahrtgesellschaft von Europa abzufliegen. Dann Zwischenlandung in einem der Golfstaaten zum Auftanken und dann weiter nach Singapur oder Bangkok und dann nach Hongkong.

Am Golf hatte man die Auswahl, ob man einen billigen oder teuren Stopp machen wollte. Die teuren Stopps waren in Abu Dhabi und Dubai, da gab es zwar Alkohol in Hotels, aber alles andere war extrem teuer. Die meisten internationalen großen Airlines nahmen die teure Route.

Einige billige Außenseiter flogen über kleinere Emirate wie zum Beispiel Sharja, dort hatte man in den Hotels kein Alkohol, aber die Reise selber war billiger. Alle diese Flüge gehörten zur Rubrik der Lumpensammler oder Milchwagen-Flüge.

Das war der international gängige Begriff für Reisen, wo man vom Abflug bis zum Ziel viele kleine Zwischenlandungen machen musste, aus welchem Grund auch immer.

Eben wie ein Milchwagen in England, der an jedem zweiten Haus hält, um seine Milchkanne vor die Eingangstür des Hauses zu stellen.

Oder ein Lumpensammler, der in jeder  Straße permanent klingelt und bittet, dass man ihm die Lumpen oder Alt-Metall-Teile schnell und günstig abgibt.

Allen gemeinsam war die Tatsache, dass man zu jener Zeit von Europa aus keine Reise direkt nach China buchen konnte. Das chinesische Luftfahrtsystem war erst im Aufbau. Die Stadt Hongkong gehörte zu England und war erklärter Feind der chinesischen Politik.

Wer nach China über Hongkong reisen wollte oder reisen musste, war gezwungen, erst einmal in Hongkong zu übernachten, sich irgendwie ein Ticket zu kaufen, um danach zu versuchen, von Hongkong aus mit irgendwelchen chinesischen Flug-Linien weiter nach China zu reisen.

Wer es schneller, sicherer und abenteuerlicher haben wollte, fuhr mit der Eisenbahn von Hongkong nach Quangchou oder Kanton, wie die Stadt damals genant wurde, und versuchte von dort aus dann sein Glück.

Aber alles zusammengenommen war es bei allem Luxus während des Fluges immer noch stressig und ungewiss, wann und wie und wo man schließlich irgendwo in China ankommen würde.

Es gab eine Alternative – und das war eine echte Alternative.

Sie wurde von keinem Hamburger Reisebüro angeboten, man musste alles selber erledigen und durchführen:

Es gab seinerzeit eine erste direkte interkontinentale Flugverbindung zwischen Ost-Berlin und Peking.

Durchgeführt mit dem DDR-Flug Interflug.

Einmal die Woche flog man mit der alten IL-62 Langstrecken-Flugzeug diese Strecke und man war dann nach 10 Stunden mit Sicherheit in Peking. Dieser Flug kostete nur ein Bruchteil des Geldes, das man sonst bei der hochkarätigen Lumpensammler-Route hätte ausgeben müssen.

Es kostete aber auch entsprechende Nerven, diese ungewöhnliche Flugverbindung auszunutzen und durchzuführen.

Die Piloten waren alles ausgebildete Offiziere der DDR Luftwaffe, die Stewardessen hatten wohl insgeheim alle mindestens weiße oder schwarze  Kampf-Gürtel und was sich sonst noch an geheimnisvollen Berichten um diese Flugverbindung rankte, war ein Kapitel für sich.

Thomas benutzte diese Nonstop-Verbindung regelmäßig. Er kannte das kleine Büro von Interflug in Peking, was in einem Außenbezirk der chinesischen Hauptstadt in einem kleinen Ladengeschäft  angesiedelt war, wo sonst nur Milch, Obst und Gemüse verkauft wurde.

Der Leiter dieses Außenbüros hatte einen ruhigen Job.

Chinesen, die nach Europa reisen wollten oder konnten, gab es in dieser Zeit kaum und wenn, dann wurden sie mit der nationalen chinesischen Linie befördert.

Die Vertretung der Interflug bestand aus einem Leiter und 2 Sekretärinnen und man hatte die ganze Woche über nichts weiter zu tun, als dafür zu sorgen, dass man genügend Geld in der Kasse hatte, um das Kerosin für den Rückflug bezahlen zu können.

Wenn man Glück hatte, meldete sich gelegentlich irgendein Spediteur, der günstig eine Kiste oder ein paar Säcke von chinesischen Waren in die DDR transportieren wollte, dann hatte man zumindest ein paar Kilo Fracht.

Wie es mit dem bordeigenen Essen bestellt war, wusste Thomas nicht, es kam aber mit Sicherheit aus der großen Küche des Pekinger Flughafens.

Und dessen Qualität war bekannt, berühmt und berüchtigt, immer getreu des klassischen Spruchs über das unterschiedliche chinesische Essen.

In Nordchina essen die Chinesen alles, was auf Beinen läuft.
Im Süden essen sie alles, was sich bewegt.

Da Thomas einer der ganz wenigen Deutschen war, die regelmäßig Interflug für Reisen nach China benutzten, lernte er den Leiter der Interflug-Vertretung bald auch besser kennen.

Und das war jetzt der erste Punkt auf seinem Zettel, wo ganz oben in der Mitte stand: Warenverkehr ganz geheim.

Es war auf diesem Zettel  noch ein kurzer Satz mit einem Fragezeichen hinzugefügt wurden.

Ware von Pjöngjang nach Peking? Bahn? Wie? Wo?

In der Mitte des Zettels gab es den Satz: Ostberlin – Tabor? LKW?

Tabor

Tabor ist eine kleine Stadt südlich von Prag, ungefähr auf halber Strecke zwischen Prag und Budweis. In Tabor gab es nach Aussage von Jakob Salomon eine kleine Gerberei, die ein weltweites Renommee für die Veredelung und Fabrikation von Spezial-Leder hatte.

Jede Planung muss irgendwann mal zu Ende sein.
Deswegen schrieb Thomas jetzt auf einen neuen Zettel ganz einfach:

Waren Wege:  streng geheim  –

Pjöngjang – Beijing: per Bahn (einmal die Woche)
Beijing – Ost-Berlin: Interflug (einmal die Woche)
Ost Berlin – Tabor: Lkw nach Bedarf

Und unten auf dem Blatt hatte er bereits geschrieben:

Weiterreise der fertigen Ware von Tabor  nach Vietnam – noch unklar.

Jurek

Jurek war ein Philosoph.

Er hatte sein Leben lang in der gleichen Fabrik gearbeitet. Für Frau und Kinder war in ihrem kleinen Häuschen am Rande von Tabor gesorgt. Obwohl er die ganze erste Hälfte seines Lebens in dieser kleinen Stadt verbracht hatte, interessierte er sich sehr für alles, was in der großen Welt passierte.

Als die Russen 1968 in Prag einmarschierten, um eine weitere Verbreitung des Prager Frühlings mit Gewalt zu verhindern, fuhr er die 100 km nach Prag und beteiligte sich bei der Demonstration. Es endete bekanntermaßen in einer Katastrophe.

Einige Zeit später wurde er in seiner Fabrik zum stellvertretenden Direktor gewählt.

Er lies sich ein kleines Holzschild anfertigen, was seitdem aber immer auf seinem großen und meist ordentlich aufgeräumten Schreibtisch stand:

„Hier sitzt ein Philosoph.
Katastrophen machen starke Menschen zu Philosophen.“
Honore de Balzac.

Jurek hatte in der Schule noch Deutsch gelernt und etwas Französisch. Daneben sprach er fließend Russisch, wie die allermeisten seiner Generation. In seiner Fabrik galt er als Tüftler. Er arbeitete intensiv an einer Verbesserung von sehr feinem, dünnem und elegantem Leder für italienische, französische und spanische Schuhfabriken, welche die elegantesten und teuersten Schuhmodelle herstellen, die es in Europa gab.

Da er zusammen mit seinen 150 Kollegen in seiner Fabrik ausschließlich Ware für den Export herstellte, hatte der Betrieb alle nötigen Ausnahmegenehmigungen, um zu internationalen Messen, Verkaufspräsentationen und Ausstellung zu fahren.

Auf der Pariser Ledermesse, die jedes Jahr stattfand und die zu den weltweit größten Ledermessen gehörte, lernte er Jakob Salomon kennen. Jakob war beeindruckt von der Qualität der Produkte, die Jurek ihm zeigte.

Jacob selber hatte dafür im Rahmen seiner Geschäfte zu diesem Zeitpunkt keine direkte Verwendung, behielt aber das Gespräch und das, was er bei Jurek gesehen hatte, in der Erinnerung.

Er bat Jurek, dass er ihn  benachrichtigen möge, falls er auf dem Gebiet der Pelz-Herstellung etwas Neues herausgefunden haben sollte. Und vor einem halben Jahr meldete sich Jurek tatsächlich bei Jakob und schickte ihm ein kleines Stück Fell in einem Umschlag, das Jakob sofort elektrisierte.

Wenn Jurek es tatsächlich geschafft haben sollte, die Felle dieses Tieres so herauszuarbeiten, wie es dieses Muster darstellt, dann würde es weltweit eine neue Mode geben.

Dies alles hatte Jakob bei der abendlichen Besprechung erzählt und Thomas gebeten, so schnell wie möglich Jurek zu besuchen.

Gemeinsam

Die beiden trafen sich einige Zeit später und waren einander sympathisch.

Jurek in seiner ruhigen, pragmatischen und leicht philosophischen Art.

Thomas in seinem immer noch etwas ungestümen, aber trotzdem noch seriösen Gebaren – beide fanden die Idee von Jakob Salomon außerordentlich und wollten  ihren Teil dazu beitragen, dass sie funktionieren würde.

Konkret wurde vereinbart, dass Jurek beim nächsten Besuch in Nordkorea zusammen mit Thomas die nordkoreanische Fabrik besuchen würde, um sich dann dort genau die Ware rauszusuchen, die sie für ihr Projekt benötigten.

Diese  Ware gab es nur in Nordkorea.

Der zweite Zettel

Thomas hatte aus den ursprünglich fünf Zetteln, die er nach dem Gespräch mit Jakob Salomon angefertigt hatte, inzwischen einen umfangreichen Ordner geschaffen.

Er öffnete den Ordner, suchte das etwas dickere gelbe Plastik-Trenn-Blatt, das die erste von der zweiten Abteilung trennte, und begann den zweiten Zettel zu studieren.
Obenauf war noch der Originalzettel, den er seinerzeit beschriftet

Zahlungswege  – streng geheim.

Dann hatte er nach einigen Überlegungen darunter geschrieben

p-N
p-W
p-C
p-A
p-P

Und hinter jede dieser 5 Abkürzungen hatte er im Laufe der Zeit einige kurze Bemerkungen geschrieben, die seiner Meinung nach für diesen Projekt-Punkt  wichtig waren.

Hinter diesen 5 Abkürzungen steckte eine der kompliziertesten, verwegensten, einfachsten und durchdachtesten Finanztransaktionen, die Thomas in seinem bisherigen Leben entwickelt hatte.

Er war nach 10 Jahren Südamerika mit all seinen finanziellen Abwicklungen zwischen oberem Amazonas, Hamburger Büro, Schweizer Kunden und dem gesamten Kreislauf, der dies alles zusammenhielt, schon jemand, der mehr internationale Finanztransaktionen erlebt und durchgeführt hatte, als die meisten Abteilungsleiter einer deutschen Sparkasse oder Großbank. Aber diese Transaktionen jetzt waren auch für Thomas so abenteuerlich, dass er davon ausging, dass sie gerade deswegen nicht scheitern konnten.

Abgeschlossen

Die Vorbereitungen für all das, was in Kürze – nach seinem nächsten Besuch in Nordkorea zusammen mit Jurek – geschehen würde, waren von seiner Seite her abgeschlossen.

Er hatte alles von verschiedensten Gesichtspunkten her durchdacht. Er hatte die wenigen Menschen, die darin involviert waren, entsprechend instruiert und seine Erklärungen waren einfach und glaubhaft.

Er hatte an 2 Stellen kleine Notprogramme in sein Heft geschrieben, für den Fall, dass es unerwartete Komplikationen geben würde. Aber er war sich ziemlich sicher, dass diese beiden Notprogramme zwar ihre Berechtigung hatten für den Fall, dass tatsächlich etwas aus dem Ruder lief, aber dass sie im Grunde genommen das blieben, was bei jedem Flug durchgeführt wurde – eine Vorschrift  für den sehr unwahrscheinlichen Fall einer Notwasserung.

Telegramm-Stil

Auf dieser zweiten Abteilung in seinem Ordner waren hinter den fünf Abkürzungen in seinem Telegrammstil einige Stichworte eingetragen, mit denen er die entsprechenden Szenarien durchging.

Er  gab in Gedanken jedem Einkauf in Nordkorea eine „Projekt-Nummer“.

Es gab zu dieser Zeit weder Computer noch Algorithmen, die irgendetwas scheinbar Sicheres auswarfen, Thomas war ganz auf sich selber gestellt.

Er wollte mit 5-stelligen Projektnummern arbeiten. Alle sollten mit P beginnen und die nächsten 4 Ziffern konnten eine beliebige Mischung aus Buchstaben und Zahlen sein. Dann ein Bindestrich und ein N dahinter.

Er hatte sich als Beispiel aufgeschrieben:

P19ER-N

Er wollte den Nordkoreanern erklären dass jede Ware, die er irgendwo auf der Welt kaufen würde, in seiner Firma einen 5-stelligen Code hat. Das bedeutet,  jede Rechnung, jede Pack-Liste und jedes andere Dokument soll diese 5-stellige Nummer haben.

Da niemand seiner nordkoreanischen Geschäftfreunde jemals vorher im Ausland war, konnte er ganz einfach sagen, dass dies ein internationales System sei, was man auch in Deutschland hat.

Der erste  Buchstabe dieses Codes muss immer ein „P“ sein – das ist die Abkürzung für „Projekt“. Die nächsten 4 Ziffern können die Koreaner sich selber ausdenken.

Dass hinter dieser 5-stelligen Projektnummer noch ein Bindestrich und ein weiterer Buchstabe von ihm eingefügt wird, dass durfte er den Nordkoreanern auf keinen Fall mitteilen. Das war ausschließlich Teil seiner eigenen Überlegungen für die weitere Durchführung.

Wien

Fragt man irgend jemand, der beruflich oder privat mit größeren Geldbeträgen zu tun hat, nach dem sichersten und verschwiegensten Ort in Europa für Geldtransaktionen, die zwar legal aber möglichst unerkannt durchgeführt werden sollen, ergab sich immer folgendes:

90 Prozent der Antworten lauten „Schweiz“.

5 Prozent der Antworten kommen von Menschen, die wissen, dass es hinter dem Schweizer System noch ein weiteres System gibt, was noch wesentlich sicherer und diskreter ist – und ihre Antwort lautet:

„Liechtenstein“

Und die letzten 5 Prozent der Antworten kommen von Menschen, die sehr viele Krimis gesehen haben und gleichzeitig aus beruflichen oder persönlichen Interesse gerne die Wirtschafts-Seiten großer deutscher Tageszeitungen, Magazine und Finanzzeitschriften durchblättern.

Deren Antworten sind dann sehr gemischt und lauten quer durch von Jersey, Isle of Man, Malta, Zypern, Andorra bis Monaco.

Sie sind damit auch gleichzeitig Opfer einer Journalistensparte, die sich sehr reißerisch als eine Art internationalen Aufklärungs-Brigade ansieht, mit dem selbsternannten Ziel, zwischen dem englischen Kanal, dem Mittelmeer und Panama so ziemlich alle Ozeane trocken zu legen.

All diese Antworten sind falsch.

Der verschwiegenste Ort Europas für internationale Finanztransaktionen hat es bis heute erfolgreich geschafft, sich selbst aus jeder Öffentlichkeit herauszuhalten.

Diese wunderschöne Stadt war in den 40 Jahren des kalten Kriegs Mittelpunkt sämtlicher Geld- und Finanzströme zwischen Ost und West.

Es gab einen einzigen erfolgreichen Versuch, diese Stadt als Herzstück einer internationalen Kriminalität darzustellen. Das war aber bereits 1949 und das Ergebnis war ziemlich paradox.

In einem der wirklichen Klassiker der Filmgeschichte wurde die Unterwelt real dargestellt. Orson Welles spielte in einer seiner besten Filmrollen den kriminellen Harry Lime. Die Jagd durch die Kanalisationssysteme dieser Stadt – und damit durch die konkrete Unterwelt – waren genauso unvergesslich wie die Filmmusik hierzu, wo auf einer einfachen Zither eine Melodie gespielt wurde, die bis heute einer der Klassiker der Filmmusik ist – das Harry Lime Thema.

Und all das spielte in der Stadt, die bis heute das wirkliche Zentrum jener Finanzströme ist, die sowohl legal als auch unerkannt jeden Tag durch die Welt kreisen.

Der Name dieser Stadt ist – Wien.

Moser

Das Bankhaus Moser kennt niemand.

Es hat keine Filialen, keinen Internetauftritt und keinen Kundenverkehr. Kein Taxifahrer in Wien kennt es, es werden keine Anzeigen in Wirtschaft-Zeitungen oder Finanz-Magazinen geschaltet.

Dafür bekommt man dort den besten Kaffee Wiens. Und das will bei so weltbekannten Wiener Kaffeehäusern wie Jelinek, Sperl, Hawelka, Korb und Schwarzenberg schon etwas heißen.

Das Bankhaus Moser liegt völlig unaufgeregt in der Nähe des Stephanplatzes in einer kleinen Seitenstraße im 1. Stock.

Unten im Erdgeschoss ist ein exzellentes kleines Café, was von der Inhaber-Familie in der 5. Generation betrieben wird und was nur wirklichen Kaffeehaus-Spezialisten bekannt ist. Durch einen kleinen Speise-Paternoster wird auf Anfrage der Bank jeweils der gewünschte Kaffee einen Stock höher transportiert und dort von den perfekt ausgebildeten Angestellten an die wenigen Besucher serviert, die sich im Laufe des Tages dorthin verirren.

Die ersten Minuten jedes Gesprächs verharrt man im Normalfall im Genuss des Geschmacks und Aromas dessen, was serviert wurde.

Wenn ein Besucher die Stufen im alten Treppenhaus bis hin zum 1. Stock  hinauf gegangen ist und an einer neben der Tür befindlichen kleinen Gegensprechanlage seinen Namen genannt hat, dann öffnet sich die Tür und er kann in ein kleinen Empfangsraum eintreten – wo geschäftige Leere herrscht.

Von einem dunklen Ölgemälde auf der einen Seite blickt irgendein Vorfahre der Familie Moser auf den Betrachter. Freundlich, aber relativ uninteressiert. Dann kommt der Mitarbeiter, der normalerweise am Empfang sitzen würde, zur Tür herein. Er entschuldigt sich für sein etwas verspätetes Eintreffen mit der Begründung, dass man ja hier kein Publikumsverkehr kenne und nur Besucher herein lässt, die sich vorher entsprechend angemeldet haben.

Mit dieser kleinen Szene wird noch einmal deutlich gemacht, was man vom normalen Bank-Publikum hält – nämlich gar nichts.

Sollte der Besucher das zweite oder ein späteres Mal hier vorbeischauen, erwartet ihn schon der Kaffee, den er sich am letzten Besuch unter den 12 verschiedenen Zubereitungsarten ausgesucht hatte. Frisch und von wunderschönem Aroma.

Herrn Moser oder jemand aus der Familie von Herrn Moser hat kaum einer bisher gesehen. Das ist auch nicht nötig, die Institution Moser reicht völlig für das, was man hier abzuwickeln gedenkt.

Thomas Deckel war vor vielen Jahren einmal bei diesem kleinen, exklusiven und völlig unbekannten Bankhaus – sein alter Freund und Kunde Karl-Peter Muller aus Zürich hatte Thomas auf das Bankhaus Moser aufmerksam gemacht und dabei gesagt, dass, wenn er wirklich einmal etwas legales aber diskretes im Bankwesen benötigen sollte,  er sich vertrauensvoll an diese Bank in Wien  wenden kann – und damit er dort empfangen wird, hatte er gleich einen Termin für Thomas in Wien arangiert.

Obwohl dieser erste Besuch schon einige Jahre zurück lag, wurde Thomas jetzt bei seinem zweiten Besuch wie ein alter Bekannter begrüßt und behandelt.

Selbst der Kaffee, der vor ihm stand, war der gleiche, den er vor Jahren sich hier ausgesucht hatte.

So ein Service kannte Thomas nur von wirklichen Luxushotels, wo die speziellen Wünsche und Marotten einiger Gäste dem Chefportier ein Leben lang im Gedächtnis blieben.

Die Besprechung

Der geschäftliche Teil der Besprechung war relativ kurz.

Thomas erklärte, dass er auf recht abenteuerliche aber schlussendlich erfolgreiche Art und Weise Zugang nach Nordkorea erhalten hatte. Dass er beabsichtigt, dort zusammen mit seinem Bekannten und Fachmann Jurek eine Ware zu kaufen. Diese wird dann über Peking und Ost-Berlin in die Tschechei gebracht und dort veredelt, das heißt, sie wird so aufbereitet, dass man daraus etwas wirklich Exklusives machen kann.

Die Nordkoreaner waren schon zu jener Zeit vom internationalen Finanzmarkt praktisch abgeschnitten.

Die Amerikaner hatten zusammen mit der Regierung in Südkorea dafür gesorgt, das Nordkorea jeder Zugriff zum Internationalen Finanzmarkt verwehrt wurde. Nordkorea musste sich also zwangsläufig um andere Wege bemühen, und tat das auch.

Thomas sagte am Anfang des Gesprächs auch ganz offen, dass er augenblicklich noch in der Vorbereitungsphase dieser komplizierten Transaktion ist.

Er ergänzte, dass er aber auf jeden Fall so gut vorbereiten möchte wie irgend möglich.

Der Mitarbeiter vom Bankhaus Moser nickte freundlich und sagte, ihm sei die Problematik aber auch die Systematik der nordkoreanischen Finanzströme bekannt.

Thomas horchte innerlich auf, da er sich nicht vorstellen konnte, wie sein Gegenüber zu solchen Erkenntnissen gekommen sein konnte.

Macao

Was Thomas zu der Zeit noch nicht wusste, war, dass auch hier wieder sein Freund Jakob Salomon aus Paris die Fäden vorher so gezogen hatte, dass die Puppen daran kraftvoll und energisch auf der kleinen Bühne tanzen konnten – ohne sich zu berühren und sich mit ihren dünnen Fäden zu verheddern.

Jakob Salomon wusste über Familienmitglieder, die in Hongkong und Singapur arbeiteten, dass Nordkorea ein größeres Schlupfloch und gleichzeitig Transaktions-Zentrum in Macao hatte.

Macao ist eine kleine Halbinsel gegenüber von Hongkong und war Jahrhunderte lang portugiesische Kolonie. Dieser exklusive und anachronistische Sonderstatus, auf praktisch chinesischem Gebiet eine winzige, portugiesische  Kolonie zu haben, die unabhängig ist und selbst von Hongkong aus seinerzeit nur mit der Fähre besucht werden konnte – das war etwas, was die nordkoreanischen Strategen sehr genau  zu schätzen wussten.

Jakob Salomon hatte Thomas nur ganz kurz mitgeteilt, dass er zum Bankhaus Moser gehen solle, und dass von dort aus die nächsten Schritte unternommen werden.

Der Plan

Thomas erklärte seinem Gegenüber jetzt seinen Plan:

Die Nordkoreaner würden eine Rechnung nach Hamburg schicken. Diese Rechnung hat eine 5-stellige Rechnungsnummer, die immer mit dem Buchstaben P anfängt.

Thomas meinte, P sei ganz gut für Abkürzung Pjöngjang. Aber das sei nur seine private Meinung.

Wenn diese Rechnung in Hamburg eintrifft, haben die Nordkoreaner die gekaufte Ware schon verladen, sie wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf einem Eisenbahnzug zwischen Pjöngjang und Peking befinden, um dann über den Flughafen Peking nach Ost Berlin zu kommen, und dort mit dem Lkw in die Tschechei gebracht zu werden.

Die Nordkoreaner haben also geliefert und sie haben somit einen Anspruch auf prompte Bezahlung. Nur dass niemand direkt nach Nordkorea bezahlen kann.

Sein Gegenüber beendete sein bisheriges freundliches Schweigen und meinte nur, er wisse in etwa über die Sache Bescheid. Sie als Bankhaus Moser seien in der Lage, jeden gewünschten Geldbetrag so zu versenden, dass er schlussendlich bei der entsprechenden Stelle in Nordkorea eintrifft. Voraussetzung sei natürlich, dass man dem Bankhaus Moser vorher den genauen Betrag überwiesen hat plus die für die Arbeit entstehende Gebühr und Provision.

Thomas nickte und sagte, dass er dies berücksichtigt hätte.

Er habe in Hamburg die entsprechenden Geldbeträge auf einem speziellen Konto vorrätig, um sie sofort an das Bankhaus Moser zu transferieren. Es würde eine einmalige anonyme Transaktion sein, die lediglich mit einem Codewort ausgestattet ist. In diesem Fall ist das Codewort die 5-stellige Nummer der Rechnung und dahinter ein Bindestrich und ein Buchstabe.

Dieser letzte Buchstabe wird ein „N“ sein, was bedeutet, dass es sich um einen Betrag handelt, der nach Nordkorea fließen soll.

Thomas wusste nicht genau, was sein Gegenüber alles schon wusste und wollte es an einem kleinen Beispiel klarzumachen.

„Wenn ich in Pjöngjang die erste Partie übernommen habe und die Koreaner mir sagen, unter welcher Nummer dieser Einkauf bei Ihnen abgewickelt wird, dann schicke ich von China aus das Codewort – in diesem Fall Beispiel  P19ER – nach Hamburg. Zusammen mit dem Total-Betrag des Warenwertes, als Beispiel angenommen 200.000 US-Dollar. Wenn in Hamburg einige Tage später die Dokumente dieser Sendung  angekommen sind, wird mein Büro eine Zahlung an Sie nach Wien durchführen unter dem Chiffre P19ER-N und dem Zusatz  200.000 + 15.000.

Sie erhalten also 215.000 Dollar. 200.000 sind für die Nordkoreaner, die restlichen 15.000 sind Ihre Kommission und die Gebühren und Kommissionen, die im weiteren Verlauf der Transaktion anfallen werden. Dieses Telegramm von mir, zusammen mit der sofort durchgeführten Überweisung, bedeutet für Sie hier in Wien, dass sie sich unverzüglich und unwiderruflich mit ihren Geschäftspartnern in Verbindung setzen können. Mit dem Ziel, den nordkoreanischen Stellen diesen Betrag auf irgendeine Weise zukommen zu lassen.“

Damit war Thomas im Prinzip am Ende seiner Erkenntnis, denn wie es von Wien aus weiter organisiert ist, darüber hatte Jakob Salomon ihm nichts gesagt.

Sein Gegenüber, er hieß übrigens Rudolf und war langjähriger Mitarbeiter von Bankhaus Moser, erklärte Thomas jetzt in groben Zügen, wie es mit dem Geldtransfer weitergehen würde. Er meinte, dass Thomas ein Anrecht darauf hat zu wissen, wie die ganze Transaktion dann schließlich durchgeführt wird.

Die Codes

Thomas hörte nun einige Minuten lang zu und hatte Schwierigkeiten, seinen Unterkiefer oben zu behalten, so exotisch aber wiederum auch einfach kam ihm das vor, was er jetzt hörte.

Herr Rudolf  erklärte Thomas folgendes:

„Das Ganze wird abgewickelt über Macao.

Macao ist nicht nur ein wirklich exotischer Platz für Weltreisende, sondern hat auch etwas, was Hunderte von Millionen Chinesen gerne haben würden, aber nicht haben können oder haben dürfen – Casinos.

Aus irgendeinem ihm nicht nachvollziehbaren Grund seien die allermeisten Chinesen zwar auf der einen Seite wirklich seriöse Geschäftsleute, auf der anderen Seite aber auch die größten Spieler, die er bisher kennengelernt hatte. Sie können stunden- und nächtelang im Casino sitzen und mit stoischer Gelassenheit Gewinne und Verluste über sich ergehen lassen. Es gibt in Macao inzwischen mehr Casinos als Bordelle – und das will bei einer alten portugiesischen Hafenstadt schon etwas aus bedeuten.

Diese Casinos in Macao sind die Einzigen auf der Welt, die nicht unter amerikanischer Lizenz laufen und somit Las Vegas in Kleinformat darstellen – sondern es handelt sich bei den Eigentümern um Firmen, die zwischen Hongkong, China, Macao, Singapur, Malaysia und anderen großen Städten ihren Sitz haben und wo eine große Zahl chinesischer Händler, Banken und auch Privatleute investiert haben.

Die allermeisten Casinos sind hoch profitabel. Und wenn einmal ein Casino in Schwierigkeiten kommen sollte, gibt es einen praktisch unbegrenzten Fond aus der Gemeinschaft der Casino Betreiber, mit dem irgendwelche Schulden eines einzelnen Casinos aufgefangen und ausgeglichen werden können.

Das ist die eine Seite der Casino-Geschichte“, erklärte Herr Rudolf.

„Die andere Seite ist, dass es nur mit diesem ausgeklügelten Casino-System möglich ist, wirklich unbemerkt größere Beträge nach Nordkorea zu leiten. Nordkorea hat eine Reihe von Handelsniederlassungen in Macao, deren Arbeit aber nach seinem Wissen hauptsächlich darin besteht, die Geldströme zu kanalisieren, zu ordnen und die Gelder einzelnen nordkoreanischen Abteilungen zuzuführen.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass Nordkorea auf dem Weltmarkt einer der größten Käufer für Waffen und Waffensysteme ist, insbesondere für alles, was mit Atom zu tun hat. Es muss in Iran, in Libyen und in anderen Ländern sehr viel Geld bezahlen, um an das entsprechende Know-how zu kommen, welches nötig ist, um die Raketen im eigenen Land bauen zu können.

Das Ganze ist so verwinkelt und verzweigt, dass selbst wir als kleine Spezial-Bank da kaum durchschauen können. Aber“ – fuhr Herr Rudolf fort und sah Thomas freundlich ins Gesicht – „was unseren Teil der Arbeit betrifft kann ich Ihnen versichern, das wir hier jahrzehntelange Erfahrung haben und dass alles so verlaufen wird, wie sie es sich wünschen und vorstellen.

Um jetzt einmal konkret zu werden, möchte ich Ihnen folgendes Beispiel geben, ausgehend von ihrem Beispiel von 200.000 + 15.000, die wir von Ihnen erhalten: Wir schicken dann ebenfalls nur ein ganz kurzes Kodewort an unseren Verbindungsmann in Macao. Dort steht dann P19ER-W und dann 200.000 + 10.000.

Wie Sie sich denken können bedeuten die 200.000 dass der koreanische End-Empfänger ein Anspruch auf 200.000 hat und unsere beiden Verbindungsleute in Macao 10.000 für ihre Arbeiten berechnen können, beide jeweils 5.000. Und die Projektnummer ist die gleiche, die von Nordkorea nach Hamburg und von Hamburg nach Wien ging, nur dass die jetzt von Wien weiter nach Macao geht.

Unser Code nach Macao endet mit einem W, wie Wien.

Um aber ihre unausgesprochene Frage direkt zu beantworten:

Unser Geschäftspartner, mit dem wir arbeiten und auf dessen Konto das Geld geht, ist ein Casino in Macao.

Der Name spielt keine Rolle. Ich nehme an, Sie waren vielleicht irgendwann einmal in Macao. Aber Sie machen auf mich nicht den Eindruck, als ob sie dort größere Erfahrung mit den jeweiligen Casinos erlangt haben. Deswegen ist der Name des Casinos hier unwichtig.

Gleichzeitig schicken wir aber auch eine Mitteilung an die nordkoreanische Firma in Macao. Dieses Telegramm hat den Code P19ER-C  200.000 – 5000

Aus diesem Code weiß man dort, welche Nordkoreanische Rechnung jetzt bezahlt wurde und man erkennt aus dem angehängte  „C“, dass das Geld an das Casino geschickt wurde und das es sich um einen Rechnungsbetrag von 200.000 Dollar plus 5.000 Kommission für die Nordkoreanische Firma in Macao handelt.

Jetzt muss sich nur noch in den nächsten Tagen ein Vertreter der nordkoreanischen Gesellschaft an der Hauptkasse des Casinos melden und das Kodewort P19ER durchgeben. Dann weiß der Chef-Kassierer, dass demjenigen, der sich mit diesem Code legitimiert hat, ein Betrag von 200.000 Dollar auszuzahlen ist.

Wie es dann in den nächsten Tagen und Nächten zur Auszahlung kommt, ist für uns unerheblich. Es gibt dort in Macao ein langjähriges und perfekt funktionierendes Übergabe-System zwischen Casino und dem legitimierten Empfänger.

Soweit ich weiß – aber ich bin wie gesagt selber noch nie dort gewesen – gibt das Casino bis 50.000 Dollar pro Abend heraus, dass sind Beträge, die glücklichen Chinesen gelegentlich mal als Casino-Gewinn erreichen können.

Was er dann damit macht und wie er es weiterleitet oder wofür es ausgegeben wird – dass alles entzieht sich völlig unserer Kenntnis, ist aber auch nicht mehr Sache des Bankhaus Moser.

Zum Schluss möchte ich Ihnen, sehr verehrter Herr Deckel, auch noch kurz eine Tatsache erzählen, die Teil des Operation-Plans ist: Wie Sie wissen, haben wir eine langjährige, freundschaftliche und intensive geschäftliche Partnerschaft mit ihrem Kunden Jakob Salomon aus Paris.

Herr Salomon hatte mit mir – bevor Sie uns hier besuchten – die Einzelheiten der Abwicklung besprochen. Wir sind uns in allen Punkten einig geworden und Herr Solomon sagte mir, dass ich Sie bei ihrem Besuch hier jetzt auch noch über Folgendes informieren darf:

Bei dem Geld, das für diese  gesamte „Operation Nordkorea“ – nennen wir es einmal so – verwendet wird, handelt es sich um Treuhand-Gelder, die Herr Jakob Salomon zusammen mit seinen Freunden Isaac Fleider und Ali Alaoui Ihnen anvertraut hat.

Es freut mich für Sie“, sagte er lächelnd zu Thomas gewandt, „dass Sie so ein großes Ansehen und Vertrauen bei so wichtigen Geschäftsleuten genießen, Sie sollten sich auch darüber freuen.

Gleichzeitig haben diese 3 Geldgeber natürlich auch ein Interesse zu wissen, in welchem Stadium der Abwicklung sich gerade das entsprechende Projekt befindet.“

„X “

„Ich bin also angewiesen“, fuhr Herr Rudolf fort, „in dem Moment, wo ich einen Zahlungseingang von Ihnen habe und meine Ausgangszahlung nach Macao ans Casino und die beiden Chiffren ans Casino und die Firma in Macao gemacht werden –  dann gleichzeitig auch noch eine kurze Bestätigung nach Paris zu senden mit dem Inhalt P19ER-X.

Das X steht für „Executed“, also ausgeführt. Dann weiß er Herr Salomon, dass das Geld von uns bereits auf dem Weg nach Macao ist und dass dies der aktuelle Stand der Operation ist.“

Aroma

Nachdem Herr Rudolf all dies in klaren und nüchternen Worten dem guten Thomas Deckel erzählt hatte, gab es eine lange Pause.

Thomas genoss das Aroma des Kaffees. Dessen außergewöhnlichen Duft saugte er genauso intensiv in sich hinein wie all dass, was er soeben gehörte.

Thomas konnte jetzt den Ordner, den er vor sich hatte, schließen. Den Zettel, den er aufgeschlagen hatte und wo „Zahlungswege – streng geheim“ in der Mitte der Seite stand – diesen Zettel hatte er mit allen seinen Feinheiten begriffen und verinnerlicht.

Sechstes  Buch

Kastoria

Keiner der Millionen Touristen, die jedes Jahr aus aller Welt nach Griechenland reisten, war jemals in Kastoria. Abgelegen im bergigen Nordgriechenland, in der Nähe der Grenze zu Albanien und Mazedonien, war diese Stadt im internationalen Tourismus völlig unbekannt.

Selbst die Tatsache, dass es dort 6 Museen, über 70 historische Kirchen, einen versteinerten Wald, ein Museumsdorf und ein nahe gelegenes Ski-Gebiet gab, änderte an dieser Situation nichts.

Die einzigen Menschen außerhalb Kastorias, die sich für diesen entlegenen Teil Nordgriechenlands interessierten, waren einige große Pelzhändler in London, New York, Leningrad, Frankfurt und Paris.

Kastoria war seit dem Mittelalter das Zentrum der südeuropäischen Pelzproduktion. Es gab in dieser ruhigen Stadt kaum eine Familie, die nicht seit Generation in diesem speziellen Kürschnerhandwerk arbeitete. In fast jedem Haus ratterten irgendwo zwischen Dach und Keller immer einige Pelznähmaschinen, mit denen kleine und kleinste Teile von Nerz, Biber, Otter, Wiesel oder Hermelin zusammengenäht wurden.

Warum das ganze sich so sehr auf diese Stadt in den Bergen Nordgriechenlands konzentrierte, wusste niemand mehr. Aber die Qualität, die dort erzeugt wurde, war weltweit anerkannt.

Abraxas + Estia

Seine Eltern waren gläubig, intelligent und fleißig. Eine Kombination, die auch in Griechenland nur selten vorkam.

Sie nannten ihren ersten Sohn Abraxas, nach einem gnostischen Gott, von dem sie viel gehört und gelesen hatten.

Estia war in der griechischen Mythologie die Göttin des Herdes und des Herdfeuers.
Eine gute Voraussetzung zumindest für den Fall, dass Hungersnöte übers Land ziehen sollten.

Die beiden kannten sich seit der Schulzeit und lebten in Kastoria nur wenige Häuser voneinander entfernt. Als irgendwann später zwischen diesen beiden Häusern ein kleines Häuschen frei wurde, kauften sie es, heirateten und begannen ein gemeinsames Leben.

Abraxas fing an zu studieren, gab es aber schnell wieder auf, da ihm die Theorie der Universität nicht viel bedeutete. Er kam zurück nach Kastoria, baute zusammen mit seiner Frau eine Firma für Pelz-Näharbeiten auf und hatte sein Einkommen.

Seine Frau Estia entwickelte sich zu einer hervorragenden Köchin. Das kleine Lokal, was sie zusammen im Erdgeschoss ihres Hauses betrieben, war stets gut besucht. Selbst Besucher aus anderen Ländern und Kontinenten speisten gerne in diesem kleinen Restaurant, besprachen dabei ihre Geschäfte und so mancher Abschluss wurde an den blank gescheuerten Tischen mit einem guten Schluck besiegelt.

Das Angebot

Jakob Salomon war jedes Jahr mindestens einmal in Kastoria. Er lieferte die gesamten Reste, die in Paris bei der Herstellung von hochwertigen Pelzmänteln und Pelzjacken anfielen, kiloweise in großen Säcken nach Kastoria. Dort wurden aus all diesen teilweise winzigen Pelz-Teilchen wieder neue Jacken und Pelze zusammengenäht, später nannte man es weltweit den Patchwork-Style.

Er lernte Alexis und seine freundliche Frau und überragende Köchin kennen und schätzen. Nach vielen Jahren der Zusammenarbeit hatten sie ein Vertrauensverhältnis zueinander, wie es in dieser Branche selten gab.

Und jetzt dies große und ungewöhnliche Angebot. Jakob erklärte den beiden in wenigen Worten folgendes:

„Wir wissen alle, dass sich in Ostasien in den letzten Jahren eine Konkurrenz entwickelt hat. Dort arbeiteten jetzt schon Tausende von Menschen mit extrem flinken Händen an ihren Nähmaschinen und bringen inzwischen das zustande, was bisher seit Hunderten von Jahren die Domäne von Kastoria war.“

Es war nach Meinung von Jakob nur noch eine Frage von wenigen Jahren, bis sich die gesamte Produktion von Kastoria irgendwo nach Ostasien verlagern würde.

Abraxas kannte dieses Problem. Es waren in letzter Zeit immer mehr Einkäufer aus unterschiedlichen asiatischen Ländern nach Kastoria gereist, um genau die Ware aufzukaufen, aus der die Bevölkerung dieses Ortes die Patchwork-Teile produzierten. Abraxas war zwar noch nie außerhalb Europas gewesen, aber er war intelligent und Realist und schätzte zudem die offene und ehrliche Meinung seines Freundes Jakob Salomon.

Sollte er also jetzt das Angebot annehmen? Das würde bedeuten, dass er die nächsten 5 Jahre in einer Großstadt in Vietnam arbeiten würde. Zusammen mit seiner Frau und in den ersten Jahren auch mit einem Dolmetscher-Ehepaar, für welches Jacob bereits gesorgt hatte und das Teil dieses Angebotes war.

Den beiden rauchte der Kopf.

Dien Bien Pu

Auszug aus Wikipedia : 
Die Schlacht um Điện Biên Phủ gilt als die entscheidende Schlacht des Französischen Indochinakrieges zwischen den Streitkräften Frankreichs einschließlich der Fremdenlegion und den Truppen der vietnamesischen Unabhängigkeitsbewegung Việt Minh. Der Kampf um die französische Festung im Kreis Điện Biện nahe der damaligen Kreisstadt Điện Biên Phủ begann am 13. März 1954 und endete am 8. Mai mit der Niederlage der Franzosen, die das Ende des französischen Kolonialreiches in Indochina besiegelte (ehemals Französisch-Indochina, heute Vietnam, Laos und Kambodscha). Den Việt Minh gelang es vor allem durch menschliche Arbeitskraft, die notwendige Logistik für eine Artillerieüberlegenheit gegenüber den aus der Luft versorgten Franzosen herzustellen. Dadurch konnten sie die Franzosen, die mit einer solchen Leistung ihrer Gegner nicht gerechnet hatten, größtenteils von der Luftversorgung abschneiden und nach wenigen Monaten die Befestigungen um Điện Biên Phủ einnehmen. Ein großer Teil der in Gefangenschaft geratenen Soldaten starb im Gewahrsam der Việt Minh. 
Der Ausgang der Schlacht führte in Frankreich zum Sturz der Regierung Joseph Laniel und bahnte den Weg zur Verhandlungslösung des Konflikts, der Teilung Vietnams und dem Ende von Französisch-Indochina auf der Indochinakonferenz

Die Sprache

Isaac Salomon war all dies bekannt. Genau wie er hatten Millionen französische Mitbürger in jenen Jahren entsetzt mitbekommen, wie ihre große Nation in Ostasien gedemütigt und praktisch rausgeschmissen wurde.

Was nicht in Wikipedia stand, was aber viele Franzosen danach schnell mitbekamen, war folgendes:

Bis 1948 wurde in ganz Indochina an französischen Schulen unterrichtet. Selbst in kleinen Dörfern war das Erlernen der französischen Sprache ein zentraler Punkt der Schulerziehung. Auf diese Art und Weise kamen dann nach dem Sieg der Vietnamesen und dem totalen Rückzug der Franzosen aus dem ganzen Land zehntausende Vietnamesen und Menschen der umliegenden Länder nach Frankreich.

Sie beherrschten die französische Sprache, waren fleißig, blieben oft unter sich und bildeten innerhalb von wenigen Jahren einen speziellen Teil der französischen Gesellschaft. Es gibt bis heute in keiner Stadt der Welt so viele vietnamesische Restaurants wie in Paris.

Die ehemaligen Flüchtlinge aus Indochina waren geschickt in handwerklichen Tätigkeiten. Neben dem Schneidern aller möglichen Kleiderstücke wurden sie in kurzer Zeit auch in den Kürschnereien  eingesetzt und lernten das Nähen und Anfertigen von Kleidungsstücken aus Pelz.

Selbst die Tatsache, dass in Ihrer Heimat das Tragen von Pelzjacken absurd wäre und auch die Tatsache, das die allermeisten Vietnamesen die Tiere, deren Felle sie kunstvoll bearbeiteten, vorher noch nie lebend gesehen hatten, war kein Hindernis. Sämtliche Pariser Großhändler hatten inzwischen eine Abteilung innerhalb ihrer Produktion, die von fleißigen Vietnamesen geleitet wurde.

Das Ende von Indochina lag inzwischen über 50 Jahre zurück. Kaum einer erinnerte sich an die Tatsache, dass die große Nation dort ihr Waterloo erlebte. Aber für Menschen wie Jakob Salomon, der in der ganzen Welt zu Hause war, war Vietnam und die Geschichte dieses Landes und ihrer Bevölkerung ein Punkt, über den er gelegentlich intensiv nachdachte.

Reisepläne

Thomas Deckel schaute auf den nächsten gelben Zettel in seinem inzwischen gut gefüllten Ordner. Dort stand am Ende des dritten Teils des Archivs auf dem gelben Zettel unter der Überschrift „Transportwege – streng geheim“ nur die lakonische Notiz „Transport von Tabor nach Vietnam per Luft, günstig…“.

Er erinnerte sich, dass Jakob Salomon zu diesem Punkt an jenem Abend gesagt hatte, dass der Transport der in der Fabrik von Jurek produzierten Ware von der Tschechei nach Vietnam kein großes Problem darstellen würde.

Einige Osteuropäische Fluggesellschaften flogen Prag an und gleichzeitig auch Vietnam. Die Ware würde also auf ziemlich direkten und unerkannten Weg aus der Tschechei nach Vietnam transportiert werden können.

Das war das Ende dieses Zettels und seines entsprechenden Kapitels im Ordner von Thomas. Er blätterte weiter in seinem Ordner und kam zum vorletzten gelben Zettel, wo oben drüber nur ganz lakonisch stand:

Produktion – streng geheim.
Er wusste jetzt wirklich nicht, wie es weitergehen sollte und rief Jakob Salomon an. Jakob Solomon hatte insgeheim einen solchen Anruf seines Freundes schon seit längerer Zeit erwartet. Er lud ihn ein, übers Wochenende nach Paris zu kommen, um sich über diesen Punkt zu unterhalten.

Das Waisenhaus

Die beiden saßen sich in der Bibliothek des wunderschönen Hauses von Jacob gegenüber. Beide waren Nichtraucher und Thomas hatte die freundliche Aufforderung seines Freundes Jacob, ein Glas eines guten Rotweins zu probieren, dankend abgelehnt.

Er fürchtete, bei den weiteren Erklärungen und Überlegungen von Jakob würde dann sein Kopf nicht mehr völlig klar funktionieren, und das wollte er auf alle Fälle vermeiden. Also trank er eine Tasse Kaffee, der fast so gut war wie jener, der ihm vor einiger Zeit in Wien beim Bankhaus Moser hingestellt wurde.

Jakob begann mit seiner leisen aber eindringlichen Stimme in fast perfektem Deutsch:

„Thomas, ich weiß, es ist alles sehr schwer zu verstehen. Oder, wie ihr in Deutschland sagt, zu durchschauen. Ich habe Ihnen aber auch bei früherer Gelegenheit schon  gesagt, dass das Geheimnis jeglichen Erfolges nicht in der Durchführung, sondern in der Vorbereitung liegt.

Das war und ist mein Leben lang die Devise, unter der ich lebe, arbeite, mich um meine Familie, Freunde und Geschäfte kümmere und die mir all das ermöglichte, was ich erreicht habe. Deswegen bitte ich jetzt schon um Nachsicht, wenn Sie vielleicht das eine oder andere überraschen sollte. Glauben Sie mir, ich habe mir wirklich Mühe gegeben, alles zu durchdenken und vorzubereiten.

Ob Sie es dann so durchführen werden, ist natürlich Ihnen überlassen. Ich selber würde mich freuen, bin aber auch bereit, über jeden einzelnen Punkt mit Ihnen zu diskutieren.“

Nach dieser kleinen Einleitung, die im Grunde genommen nichts anderes bedeutete, als dass Thomas jetzt bitte mal ganz konzentriert zuhören solle, begann Jakob.

Er fing an mit einer kleinen Exkursion über Kastoria.

Kastoria war für Thomas etwas völlig neues, er war nie dort gewesen und hatte nur ganz gelegentlich in Frankfurt einige Griechen getroffen, die offenbar etwas mit Kastoria zu tun hatten.

Der kleine gedankliche Ausflug nach Griechenland endete mit dem Bekenntnis von Jakob Salomon, dass er seinen beiden griechischen Freunden Abraxas und Estia angeboten hatte, schnellstmöglich nach Saigon zu reisen.

Diese ehemalige Hauptstadt von Vietnam heißt zwar seit einigen Jahrzehnten bereits Ho Chi Minh Stadt, aber für ihn als alten Franzosen war es immer noch Saigon und er benutzte auch weiterhin diesen Ausdruck.

Dort hatte Jakob Salomon über einige einflussreiche Freunde die Leitung eines größeren Waisenhauses übernommen. Das war relativ einfach, mit einer größeren Geldspende konnte man so ein Waisenhaus umbenennen, und wer wollte, konnte auch eigene Mitarbeiter, Lehrer oder andere Personen, die für die Zukunft der Kinder sorgen würden, im Waisenhaus anstellen.

Er hatte dann über weitere recht einflussreiche Freunde auf dem großen Gelände dieses Hauses noch zusätzlich eine Behindertenwerkstatt eingerichtet. Dort arbeitete bereits eine kleine Anzahl von Vietnamesen unter Aufsicht einiger Erzieher, um ihr Leben ein bisschen besser gestalten zu können.

Jakob Salomon wollte auf diese Art und Weise mehrere Ziele erreichen: Zum einen hatte er nichts gegen das Image eines Wohltäters, auch für Opfer des seinerzeit fürchterlichen Vietnamkriegs. Zum andern wusste er, das Ausbildung sowohl in der Schule als auch im Beruf die Grundlage jeglicher positiven Entwicklung für junge Menschen ist.

Er wusste auch aus persönlicher langjähriger Erfahrung, wie geschickt die Vietnamesen in verschiedenen Handarbeiten sind. Schließlich war ihm bekannt, dass alles nur funktionieren kann, wenn es optimal organisiert und geleitet wird. Von Fachleuten, die sich in ihrem Beruf auskennen.

Dass man als Mensch, der viel arbeitet, auch gut und gesund ernährt sein sollte, war eine Weisheit, über die Jakob Salomon nicht weiter philosophieren brauchte. Er vertraute den Kochkünsten von Estia.

Schließlich kamen noch politische und produktionstechnische Aspekte zum Tragen, die man auch bereits im Vorfeld bestmöglich gelöst hatte.

Vietnam hatte genau wie fast alle Länder dieser Welt eine Zoll-Freiheit angeordnet für ausländische Hilfsgüter, die in Behindertenheimen verarbeitet werden. Darunter fielen in diesem Fall der Import von Nähmaschinen und der gleichzeitige Import von Waren, die mit diesen Nähmaschinen genäht  werden sollten.

Wenn das alles in einem privaten Betrieb in Saigon durchgeführt werden würde, müsste der Inhaber bis zu 40 Prozent Import-Zoll auf die Maschinen und bis zu 60 Prozent Import-Zoll auf alle Waren zahlen, die damit verarbeitet werden.

Bei einer Produktion in einer Behinderten-Werkstatt fällt dieser Kostenfaktor weg und kann abgehakt werden. Kein Vietnamese hat wahrscheinlich bis dato irgend etwas in Vietnam mit Pelzen zu tun gehabt. In so einem subtropischen Land ist es absurd, sich die Bewohner mit Pelzmänteln oder sonstigen Kleidungsstücken gegen Kälte und Winter vorzustellen.

„Deswegen ist es das Wichtigste, dass diese Menschen vor Ort von jemanden angeleitet werden, der davon wirklich etwas versteht. Und das“, schmunzelte Jacob Salomon jetzt etwas in sich hinein, „ist in diesem Fall dann Abraxas, unser treuer griechischer Freund.

Seine Frau kann zwar auch nähen, aber sie wird hauptsächlich dafür sorgen, dass alle Beschäftigten dort gut und gesund ernährt werden. Vielleicht spricht sich ihre Kochkunst dann irgendwann auch noch mal etwas weiter herum und sie könnte auf diese Art und Weise sogar das erste griechische Restaurant in Saigon eröffnen.“

Sprachprobleme

Jacob war fast am Ende seiner Gedanken, überlegte kurz und fügte dann hinzu:

„Die Sprachprobleme, welche unsere Freunde aus Kastoria am Anfang in Saigon haben werden, können behoben werden, wenn in der ersten Zeit eine entsprechende Dolmetscherin oder ein Dolmetscher zur Verfügung steht.“

Paris ist eine absolut internationale Stadt. Jakob hatte nach kurzem Suchen ein Ehepaar gefunden, wo die eine aus Vietnam und ihr Partner aus Griechenland stammten. Beide unterhielten sich untereinander auf Französisch, hatten aber ihre Muttersprachen noch perfekt in Erinnerung. Dieses Ehepaar hatte sich Bereit erklärt, gegen ein gutes Gehalt die ersten beiden Jahre in diesem Projekt mitzuarbeiten, und, wenn es gut gehen sollte, vielleicht auch für länger.

Entspannt

„Und damit“, lächelte Jakob Salomon jetzt entspannt, „sind wir fast schon am Ziel.“

Thomas hatte in der letzte Stunde seinen Kaffee kalt werden lassen und nur noch den Ausführungen und Erklärungen von Jakob zugehört. Mit jedem Satz, den er an diesem Abend hörte, erkannte er, welch ungewöhnlicher Mensch ihm gegenüber saß.

Seine eigene Lebenserfahrung war bestimmt nicht gering, aber sie bestand hauptsächlich aus „Trial and Error“ – also dem Erkennen einer Situation und dem Ausnutzen der sich dabei ergebenden Gelegenheiten. Wenn es dann aus irgendeinem Grunde nicht so richtig funktionierte, dann eben nochmal das Ganze von vorne, mit einem Angriff über die andere Seite.

Das war, wenn er jetzt die Augen schloss und die wichtigsten Stationen seiner inzwischen über zwanzigjährigen beruflichen Tätigkeit Revue passieren ließ, das Prinzip seiner Handlungsweise und auch seines persönlichen Erfolgs. Und jetzt kam der gute Freund, der ihm hier gegenüber saß, und zeigte ihm in wenigen Sätzen, was man machen kann und machen muss, wenn man eine neue Idee hat.

Thomas berichtigte sich selber etwas und ersetzte das Wort Idee durch das Wort Vision.

Sein Freund Jakob Salomon war ein kleiner, schmächtiger Mensch. Er schätzte ihn auf ungefähr 1,65 Meter. Irgendwann an diesem Abend fragte Thomas sich, warum Menschen dieser Statur oftmals so brillante Taktiken entwickeln konnten.

Ihm ging Napoleon durch den Kopf, er kannte einige Fotos von Albert Einstein, wo dieser Jahrhundert-Wissenschaftler lächelnd der Welt die Zunge herausstreckte. Und Thomas erinnerte sich an den Schauspieler, den er am meisten bewunderte – den kleinen Menschen Heinz Rühmann, über den er immer wieder Tränen lachen konnte, wenn er sich als „Pfeiffer mit 3 F vorstellte, eins vor dem Ei und zwei dahinter“.

Diese kleinen Abschweifungen waren nötig und sicherlich von Jakob Salomon auch geduldet, denn alles musste in dieser kurzen Zeit irgendwie aufgenommen und verarbeitet werden.

Emotionen

„Es ist schon spät“, meinte Jakob Salomon jetzt nach einer längeren Pause zu seinem Besucher. Er hob sein Glas ein wenig und sah Thomas an. Er war gut 20 Jahre älter als sein Gegenüber. Die beiden hatten bei aller persönlichen Sympathie sich bis jetzt mit dem sogenannten „Hamburger Sie“ verständigt.

Das bedeutete, dass man sich gegenseitig siezte, aber gleichzeitig auch mit dem Vornamen anredete. Eine sprachliche Konstruktion, die zwischen dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt und seinem ganz persönlichen Freund Henry Kissinger berühmt wurde.

„Ich weiß, Thomas“, fing Jacob seinen nächsten Satz an, „es sind sehr viele Dinge, die Ihnen jetzt durch den Kopf gehen. Vielleicht hilft es bisschen, wenn wir das ganze jetzt per Du besprechen. Ich heiße, wie Du weißt, Jacob und ich würde mich freuen, wenn wir zu dieser vertrauensvollen Gesprächsform finden können.“

Thomas war emotional gerührt.

Seine beiden Augen wurden für einen Moment leicht wässerig, dann hatte er sich wieder im Griff und schaute konzentriert auf dem kleinen Tisch, der zwischen ihnen stand. Er überlegte einen Augenblick, ob er jetzt auf dieses Du mit einer halbvollen kalten Kaffeetasse anstoßen könnte.

Dann tat er es.

Der Weg

Nach einem kurzen und etwas ungewöhnlichen Ritual, wo ein fein geschliffenes  und mit exquisitem Rotwein gefülltes Kristallglas mit einer handbemalten Porzellan-Kaffeetasse leicht zusammenstießen, brauchte Thomas dringend eine Pause.

Er wusste aus vielen Verhandlungen, dass man so etwas am einfachsten erreicht, wenn man von sich aus und ungefragt ein einfaches Resümee aus dem bisher besprochenen zieht.

Thomas ließ sich die geographischen Punkte all dessen, was er bisher verstanden hatte, durch den Kopf gehen und fing an, seinem Gegenüber eine kleine Aufzählung zu geben

„Hamburg, Pjöngjang, Peking, Ost Berlin, Wien, Tabor, Paris, Macao, Kastoria, Saigon, das sind“ – so wandte er sich jetzt an seinen neuen Duzfreund Jakob – „überschlägig gerechnet anderthalb mal so viel Kilometer wie der Äquator dieser Erde hat. Ich denke, eine solche Reise haben nur die allerwenigsten Menschen oder Sachen bisher gemacht. Und trotzdem“, fuhr Thomas fort und sah Jacob etwas hilfesuchend an, „fehlt mir immer noch der letzte Teil des Weges. Mich würde schon interessieren, wo wir auf dieser gemeinsamen Reise schlussendlich landen.“

Jakob verstand die leichte Ungeduld in der Frage seines Freundes und antwortete mit einem für ihn typischen Gleichnis.

Das Lasso

„Wie ein Lasso funktioniert“, erwiderte Jakob, indem er die linke Hand etwas rotieren ließ, „wissen die allermeisten. Ein langes Seil wird so verknotet, dass es eine Schlinge bildet. Das eine Ende dieses Teils hat der Reiter fest in seiner Hand. Mit der anderen Hand schwingt er den Kreis des Seiles, der sich nach dem Knoten gebildet hat in der Luft herum und versucht so, einem Tier seiner Herde die Schlinge des Lassos um den Hals zu werfen. Hat er Erfahrung, etwas Glück und Ausdauer, wird es ihm gelingen.

Das Tier kann zwar noch etwas hin- und her rennen mit der Schlinge um den Hals. Aber nicht davonrennen. Es ist durch das Lasso in der Hand des Reiters, und der bestimmt den weiteren Ablauf.

Wir beide“, fuhr Jakob fort, „haben bisher mit vielen Gedanken ein sehr langes Lasso geknüpft. Alle Stationen, die du eben aufgeführt hast, sind richtig und Teil dieses langen Seils. Es wird von dir in der einen Hand festgehalten. Und jetzt, von Saigon aus, fliegt es noch einmal eine beträchtliche Strecke über die Erde, hin zu einem Gebiet, wo es dann sein Ziel erreicht hat.“

So schön hätte Thomas nie solche Gedanken ausdrücken können, und er wartete gespannt auf das, was mit dem Lasso gefangen werden sollte.

„Wir müssen uns vielleicht doch etwas von der Vorstellung eines Lassos entfernen“, meinte Jakob, „denn dann würden wir in sehr komplizierte Gedanken verfallen – die man hier aber überhaupt nicht braucht. Wir haben es bis jetzt zum Ende unserer bisherigen Überlegungen in Saigon mit einer Produktion von sehr guten und qualitativ hochwertigen Mänteln und Jacken zu tun.

Durch die Struktur der Tiere, aus dem diese Pelzteile gemacht sind, handelt es sich auf der einen Seite um etwas sehr Wärmendes, was aber andererseits durch neue Produktions-Techniken auch leicht und angenehm zu tragen ist.

An sich der ideale Pelz für die bürgerliche Frau in Europa und Amerika. Aber das wird nie funktionieren“ – sprach er leise zu sich selber. „Es gibt auf der Welt Hemmnisse, die schon so lange in den Menschen reingepresst wurden, dass er nicht mehr in der Lage ist, von sich aus da wieder heraus zu schlüpfen.

Einem Hindu kannst du kein Rindfleisch vorsetzen, so gesund und schmackhaft es auch immer sei.

Ein Moslem wird auch beim Barbecue in Texas oder Paris kein Steak anrühren, von dem er weiß, dass es vom Schwein stammt. Mag es noch so gut zubereitet sein und alle Leute mit seinem Geschmack begeistern.

Das gibt es im Großen und auch im Kleinen.

Schnecken sind eine Spezialität in meinem Land, aber wohl auch fast nur hier.

Wer in Island ist und keinen für uns abscheulichen Schafskopf gegessen hat, hat das Land noch nicht richtig verstanden. Ich kenne niemand auf der Welt außer den 230.000 Isländern, die so etwas essen können.

Du siehst also, dass die Hindernisse zwar menschengemacht sind, aber nicht mehr von Menschen abgebaut werden können.

Jedenfalls nicht mehr in unserer Zeit.

Und deswegen“ – und hier war sein Gesichtsausdruck wirklich leicht traurig – „müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen, dass das Material, aus dem unsere schönen neuen Pelzteile gearbeitet sind, in Westeuropa und Nordamerika nicht akzeptiert werden wird.

Aus einem ganz einfachen Grund. Du kennst ihn.

Die Tiere waren in Nordkorea Grundlage der Ernährung der einfachen Bevölkerung.
Sie wurden gezüchtet, zu vielen verschiedenen anderen Zwecken benutzt, und wenn die Zeit gekommen war, wurden sie geschlachtet und in vielen verschiedenen Formen in den einfachen nordkoreanischen Hütten verspeist.

Kein Nordkoreaner würde sich Gedanken darüber machen, genauso wie wir uns keine Gedanken bei Hühnern, Gänsen oder Fischen machen. Aber für uns hier in Europa sind und bleiben es Tiere einer Art, die für uns etwas Besonderes und Emotionales bedeuten.

Man kann es formulieren wie man möchte, einer der großen Unterschiede zwischen Europäer und Asiaten ist ihre jeweilige Beziehung zu diesem Tier – dem  Hund.“

Das Ziel

„Also was machen wir“, fuhr Jakob Salomon jetzt fort – und eine plötzliche und ganz neue Lebenslust verbunden mit einer fast unbändige  Aktivität straffte seinen Körper.

„Wir bringen unseren Artikel dorthin, wo er gebraucht wird. Und dorthin, wo er respektiert wird.“

Thomas war nach den anfänglich leicht elegischen Erklärungen seines Freundes, warum der Artikel in Europa und Amerika nicht einschlagen würde, schon ziemlich enttäuscht.

Und jetzt umso verwunderter, als Jakob mit seinen letzten Sätzen plötzlich eine Aktivität und Kraft entwickelte, die ihn wieder einmal total überraschte.

Jakob war jetzt kaum mehr zu erkennen.

Er murmelte in einer Mischung aus Deutsch und einer anderen Sprache, die Thomas nicht verstand, etwas von „…der Apfel fällt nicht weit vom Stamm…“ oder „…einen alten Baum verpflanzt man nicht…“ oder etwas ähnliches.

Dann erhob Jacob sich und ging zu einem Bücherbord in seiner Bibliothek. Er kam mit einem alten Atlas zurück, schlug ganz schnell eine bestimmte Seite auf und zeigte sie Thomas. Es war eine Übersichtskarte von Russland, wahrscheinlich 20 oder 30 Jahre alt. Dann huschten der Zeigefinger seiner rechten Hand auf dieser Karte von Nordkorea einige Zentimeter höher und blieb dort stehen.

„Weißt du, was das ist?“ fragte er seinen 20 Jahre jüngeren Freund.

Thomas musste diese neue Situation auch erstmal wieder verdauen. Dass es sich um Russland handelte, war ihm natürlich klar. Dass der Zeigefinger eine kleine Reise von Nordkorea ins fernöstliche Russland gemacht hatte, war ebenfalls unstreitig.

Und dann begriff er.

„Siehst du“, sagte Jakob, „du musst einfach alles ungefähr an seinem Ort lassen. Die guten Hunde kommen nach einer etwas längeren mehrfachen Weltreise zurück in das Gebiet, aus dem sie stammen. Vielleicht 500 oder 1000 km weiter nördlich, das spielt für Hunde keine Rolle, sie kennen keine Landkarten und keine Grenzen.

Die Menschen dort in diesen sibirischen Landschaften haben ihr Leben lang mit einem langen und manchmal sehr langen Winter gelebt. Der kurze Sommer war meist nur ein Übergang zum nächsten Winter. Sie haben sich gegen die Kälte auf ihre Weise geschützt.

In diesem riesigen Gebiet ist das Tragen von Pelzen eine Überlebens-Notwendigkeit.
Genau wie bei Eskimos und einigen anderen Völkern im nördlichen Polarkreis. Mit ihren eigenen Mitteln waren all die Kleidungen, die sie selber produzierten, extrem schwer und hinderlich bei jeglicher Form körperlicher Arbeit. Wir bringen jetzt etwas ganz Neues in diese Region.

Ihre eigenen Rohstoffe“ – und dabei lächelte Jakob etwas in sich hinein, denn dass man Hunde als Rohstoffe bezeichnete, war auch ihm nicht ganz geheuer – „ihr eigenes Material“, berichtigte er sich – „kommt jetzt zurück in einer Form, wie es besser für die dortige Bevölkerung nicht sein kann. Und um in meinem vorherigen Vergleich zu bleiben, mit dem riesengroßen Lasso werfen wir in kurzer Zeit viele 10.000 Pelzmänteln und Pelzjacken in ein kaltes und manchmal vor Eis starrendes Gebiet, wo unser Produkt mit Sicherheit eine Lösung für viele Erschwernisse sein wird.

Wie du dir vorstellen kannst, habe ich Verwandte und Familien in Sankt Petersburg und Moskau. Die wiederum haben gute Kontakte nach den Hauptstädten jener Gebiete, wo unser Produkt hinkommen wird. Als Beispiel sei genannt Krasnojarsk, Irkutsk, Magadan, Chabarovsk  und Wladiwostok. Von dort aus wird der Vertrieb und Verkauf lokal organisiert, das ist dann nicht mehr unsere Aufgabe. Die Erlöse aus diesen Verkäufen werden wieder bei dir in Hamburg landen.

Weder ich noch meine beiden anderen Partner Ali Alaoui und Isaak Fleider können solche Gelder in Frankreich oder Brasilien in irgendeiner Form deklarieren – das macht kein französischer oder brasilianischer Beamter mit.

Und so wird das Geld, dass du am Anfang auf einigen vielleicht manchmal verschlungenen Wegen nach Nordkorea geschickt hattest, am Ende wieder bei dir landen. Behandele es gut und benutze es für die nächste Aktion. Wenn ich es recht überblicke, wird das, was wir jetzt durchführen, mindestens die nächsten 5 Jahre gut funktionieren. Was danach kommt, weiß auch ich nicht. Ich bin zwar einigermaßen vorausschauend“, ergänzte er leicht augenzwinkernd, „aber zum Propheten fehlen mir noch einige Zutaten.

Und jetzt“, fuhr er fort, „noch ein Allerletztes, und damit schüttete Jakob noch einen kleinen Schluck des guten Rotweins in sein Glas – „die russischen Behörden sind auch nur Menschen. Wie überall gibt es Korruption, natürlich auch in Sibirien und den umliegenden Provinzen. Die menschliche Begierde ist universal – in allen Sprachen und Hautfarben.

Wir wissen, dass Pelze normalerweise zur Gruppe der Luxusartikel gehört. Dass ist auch im fernen Osten Russlands nichts Neues, auch dort gibt es Ferraris, Privatjets und 40 Jahre alten Whisky und Champagner. Aber wenn man so etwas, was ich vorhabe, mit diesen Leuten organisiert, ist man ein Teil der Korruption und damit erpressbar. Das möchte ich weder mir noch meinen Freunden und Dir am allerwenigsten  zumuten.

Deswegen machen wir es auf eine für Russland ungewöhnliche, aber wahrscheinlich sehr erfolgreiche Art. Alle unsere Produkte werden mit dem Label der Behindertenwerkstatt Saigon ausgestattet. Man braucht dabei nicht auf die Tränendrüsen drücken, wir werden auch mit Sicherheit eine größere Gruppe von Behinderten in Saigon beschäftigen, vorausgesetzt, sie sind trotz ihrer Behinderung in der Lage, ihre Aufgaben an der Nähmaschine zu erfüllen.

Dieser Artikel, der vorher schon zoll- und gebührenfrei nach Vietnam gekommen ist, nimmt  jetzt den gleichen Weg weiter nach Russland. Auch in Sibirien und anderen Provinzen gibt es eine Import-Freiheit für Artikel, die aus sozialen Einrichtungen stammen – so heißt es dort, ich benutze einfach eine Übersetzung des russischen Wortes.“

Legal

„Wir werden alles mit legalen Papieren versehen. Wir werden alles dokumentieren und es wird entsprechend in den sibirischen Medien auftauchen.

Wir brauchen keinen Mitleidseffekt, der Artikel selber wird einschlagen, weil er einfach gut ist. Keine russische Frau wird sich mit Gewissensbissen rumschlagen, weil sie einen wärmenden Pelz aus Hundefell über ihren hoffentlich hübschen Körper geschwungen hat.

Wir werden offiziell auch mit Vertretern der dortigen Hilfsorganisation zusammenarbeiten. Das Einzige, was wohl noch  passieren wird, ist, dass deren Generaldirektor, vielleicht zusammen mit der Frau des jeweiligen Gouverneurs und einer ihrer Töchter, dann einmal im Jahr unserer Einladung folgen wird, um unsere Behindertenwerkstatt in Saigon zu besuchen.

Sie werden alles so vorfinden wie wir es eingerichtet haben. Sie werde zurückkehren und der Rest wird dort die Presse und das Fernsehen übernehmen. Auch das Fernsehen und die Presse in Sibirien leben davon, dass es immer wieder  Menschen gibt, die Gutes tun und auch darüber reden.“

Dann schwiegen sie beide.

Schließlich erhob Thomas sich und ging zu einem kleinen Schrank an einer Seite der Bibliothek. Dort nahm er ein Weinglas aus dem Bord, stellte es  vor sich hin und Jakob füllte es mit dem allerletzten Rest der Flasche, die er an diesem Abend geöffnet hatte. Sie hoben beide ihre Gläser, sahen sich kurz an und tranken einen kleinen Schluck.

Die Vorbereitung war beendet.

Siebtes  Buch

Einige Monate später trafen Jurek und Thomas sich in Ost-Berlin und reisten gemeinsam nach Pjöngjang

Verträge

Thomas war zuvor noch einmal alleine nach Pjöngjang gereist, um einen offiziellen ersten Vertrag zu unterschreiben, die vertraglichen Einzelheiten der Abwicklung zu besprechen und seine Geschäftspartner darüber zu informieren, dass er bei der eigentlichen Übernahme der Kontrakt-Ware zusammen mit einem Experten kommen wird, der wesentlich mehr von diesem Artikel versteht als er selber.

Gleichzeitig wurde in einer sehr großen Zeremonie ein Rahmenvertrag gemacht, wie es die kommunistischen Wirtschaftssysteme so gerne mögen. Man vereinbarte für die nächsten 5 Jahre eine regelmäßige Übernahme einer bestimmten Menge, und zwar alle 6 Monate.

Das Ganze war im Grunde genommen nichts weiter als eine gemeinsame Absichtserklärung, aber das bis dahin in Nordkorea recht unbedeutende Kombinat, wo diese Artikel gesammelt, sortiert, gepackt und versandt werden sollten, war mit einem Schlag berühmt geworden.

Die Endsummen des gerade abgeschlossenen Globalvertrages waren gewaltig und drangen bis in sehr hohe Regierungskreise vor.

Kim Il Sung

Der Gründer der nordkoreanischen Volksrepublik, Kim Il Sung, wurde in diesem Land wie ein Heiliger verehrt. Er wurde  am 15. April 1912 geboren und starb 1994.

Die alljährlichen Geburtstagsfeiern zu Ehren ihres großen Führers waren der absolute Höhepunkt im Kalender aller Nordkoreaner.

Thomas Deckel kam an diesem Nachmittag von den diversen Besprechungen mit anschließender feierlicher Unterschrift dieses außergewöhnlichen Fünf-Jahres-Vertrages zwischen Hamburg und Nordkorea ziemlich erschöpft ins Hotel zurück.

Es war das gleiche Hotel, welches er einige Jahre vorher schon kennengelernt hatte, nur diesmal ohne traurig blickende Spanier auf der Brücke des Schwimmbads im Keller.

Besuch

Dafür bekam er eine Stunde später Besuch. Eine Delegation von 6 Koreanern, 2 Damen und 4 Herren, alle korrekt im dunklen Anzug oder Kostüm, standen vor seiner Hotel-Zimmertür. Eine junge Dame überreichte ihm einen sehr großen Blumenstrauß und alle klatschten in die Hände.

Thomas dachte, dass dies vielleicht ein nordkoreanisches Ritual zum Abschluss des großen Vertrages war, den er heute unterzeichnet hatte. Er hatte mit seinen Überlegungen recht, aber auch wiederum nicht ganz.

Nachdem er diese kleine Delegation in seine ansonsten unpersönliche Suite im 19. Stock des Ausländer-Hotels gebeten hatte und man auf allen möglichen Stühlen und Sofas des großen Wohnzimmers Platz genommen hatte, erhob sich ein älterer Herr mit einer sehr hohen Mütze auf dem Kopf.

Er begann in etwas pathetischen Ton eine längere Rede, die von der zweiten Frau im dunkelblauen Kostüm konzentriert verfolgt wurde. Irgendwann war auch diese Rede zu Ende und die Übersetzerin versuchte es mit einer Kurzform.

„Sie, Genosse Thomas, haben heute einen großen Vertrag unterzeichnet. Die Menschen unseres Landes und die Menschen ihres Landes werden darüber sehr froh sein. Die Arbeiter unseres Landes und die Arbeiter ihres Landes werden diesen Vertrag ehren und gerne erfüllen.“

Dann hatte sie irgendwie den Faden verloren.

Nach dieser Einleitung, die für alle offiziellen und halboffiziellen Ereignisse in China und jetzt auch offensichtlich in Nordkorea den Auftakt bildet zu größeren Essen- und Trink-Gelagen, versuchte die junge Dolmetscherin den Faden wieder zu finden.

Thomas verstand jetzt etwas von Geburtstag. Wahrscheinlich wussten die Leute aus seinem Pass, den er im Hotel hinterlegen musste, dass er morgen, am 16. April, Geburtstag hatte.

Aber irgendetwas anderes war hier wohl noch viel wichtiger, nur verstand Thomas nicht wirklich, um was es gehen sollte. Dann verabschiedete sich plötzlich die Delegation und der Mann mit der sehr hohen Mütze ließ durch die Dolmetscherin ausrichten, dass man Thomas in genau einer Stunde abholen wird.

Und dass es für alle eine außerordentlich große Ehre sei, ihn, den Genossen Thomas, bei diesen Geburtstagsfeiern dabei zu haben.

Daraufhin verschwanden alle so schnell wie sie gekommen war.

Der Tunnel

Thomas legte den großen Blumenstrauß in die Badewanne, eine Vase war nirgends aufzutreiben. Dann wechselte er vorsichtshalber noch etwas seine Wäsche und putzte seine Schuhe. Mehr konnte er nicht vorbereiten, denn er hatte keine Ahnung, was jetzt geschehen würde.

Genau eine Stunde später wurde an der Zimmertür geklopft und drei Angestellte aus der Lobby des Hotels standen stramm vor ihm und klatschten in die Hände. Thomas kannte dies aus China. Es bedeutet, er solle jetzt diese kleine Delegation begleiten. Unten angekommen marschierten alle durch die wie immer komplett leere Lobby.

Draußen vor dem Eingang des Hotels wartete unter dem großen Vordach eine Kolonne von 4 großen, dunklen Limousinen. Thomas wurde in das dritte Auto hinein gebeten und man fuhr los. Die Fahrt dauerte nicht lange, das Hotel befand sich in der Nähe des größten Platzes der Stadt. Kurz bevor man diesen Platz erreichte, verschwanden alle Autos in einem geschickt angelegten und für normale Verkehrsteilnehmer unsichtbaren, großen dunklen Tunnel.

Sobald das erste Auto im Tunnel war, wurde der gesamte Tunnel plötzlich hell erleuchtet und man fuhr noch einige hundert Meter weiter bis zum Ziel. Dann ging der Weg etwas nach oben und alles stoppte.

Die Wagentüren aller vier Limousinen wurden gleichzeitig geöffnet und eine kleine Gruppe von insgesamt 8 oder 9 Personen stieg aus. Sie wurden durch mehrere große Säle geführt, dann ging es zu einem gewaltigen Fahrstuhl. Der Fahrstuhl fuhr direkt eine relativ lange Zeit nach oben. Dann hielt er – und Thomas war in einer anderen Welt.

Als er den Fahrstuhl verließ, befand er sich auf einer Art Balkon. In einer Entfernung von vielleicht 10 Meter war der riesige Balkon begrenzt von einer großen Brüstung.

Der Kreml

Er war jetzt unter freiem Himmel. Hinter der Brüstung begann ein riesiger großer Platz. Dieser Platz war gefüllt mit Zehntausenden von Menschen, alle in der traditionellen nordkoreanischen Tracht. Farbenfroh und mathematisch exakt positioniert in vielen hundert Blöcken

Jetzt wusste Thomas, wo er war.

An der Stirnseite des großen Platzes des Volkes war ein gewaltiges Gebäude, praktisch ein Spiegelbild des Moskauer Kremls, mit seiner gewaltigen Mauer davor.

Er befand sich auf dem Balkon des Kremls von Nordkorea.

Er war jetzt ohne eigenes Zutun im innersten Zirkel der nordkoreanischen Herrschaft und er wusste nicht, ob er irgendwelche Emotionen zeigen sollte oder nicht. Da alle Männer um ihn herum – es waren vielleicht vierzig Männer und nur ganz wenige Frauen, die alle neben ihm auf diesem großen Balkon standen – völlig regungslos und still standen, beschloss er, sich in diesem Marionetten-Spiel anzuschließen und still und regungslos zu warten.

Dann plötzlich gingen alle Menschen stumm und mit militärischer Präzision geschlossen einige Schritte nach vorne, bis direkt an die Brüstung der Mauer. Niemand beachtete Thomas, alle waren mit absolut starrem Gesichtausdruck so angespannt, dass Thomas meinte, eine Stecknadel hören zu können, die zufällig auf den Boden fiel.

Der Geburtstag

Plötzlich änderte sich die Situation total.

Von einem Moment zum andern brauste ein Lärm um ihn herum auf, wie er es sich nie hätte vorstellen können. Die Totenstille des Momentes davor wurde abgelöst durch ein so irrsinnig lautes Brausen, Klatschen und Rufen.

Thomas war total perplex.

Und dann sah den Grund: Ungefähr 30 Meter links von ihm öffnete sich eine große Tür und ein stattlicher, älterer Herr trat aus dieser monumentalen Tür und  schritt langsam nach vorne bis an den Rand der Mauer. Er blickte dort kurz nach unten hob dann leicht seine rechte Hand.

Dies war das Startzeichen zu diesem orkanartigen Tosen, Klaschen und Rufen.

Kim Il Sung, der große Führer seines gesamten Volkes, stand 30 Meter von ihm entfernt. Er begrüßte sein Volk, erhob seine Hand und dankte für die Huldigungen zu seinem heutigen Geburtstag.

Tanzen

Dann senkte sich der Arm des großen Führers und er verbeugte sich leicht nach vorne. Jetzt fingen die Zehntausende von Koreanern, die auf dem Platz versammelt waren, nach einer unsichtbaren Choreografie an sich zu bewegen.

Es war eine Art Tanzen, alle diese Zehntausende von bunt angezogenen Menschen bewegten sich nach einem ganz bestimmten Rhythmus. Er hörte einige Gesangsfetzen von unten, wahrscheinlich sang die Menge jetzt viele glorreiche Lieder.

Allmählich löste sich die Starre der anderen Menschen, die neben Thomas auf der Mauer standen. Es wurde ein wenig gelacht und einige Männer gingen ein paar Schritte zur Seite und fingen an sich zu unterhalten.

Einige Frauen und Männer neben Thomas fingen an, die Lieder, die von unten heraufschallten, mitzusingen.

Erst mit leisem Summen, dann sangen sie Text und Melodie mit und zum Schluss waren sie genauso elektrisiert wie die Zehntausende ihrer Landsleute auf dem Platz unter ihnen.

Thomas ließ in Gedanken ein Film vor seinem inneren Auge abspielen, den er irgendwann mal im Fernsehen gesehen hatte, als die Führer vieler kommunistischen Länder zu Ehren der großen Mutter Russlands am 1. Mai die Truppenparade der russischen Armee oben auf dem Balkon am Kreml abnahmen.

Er hatte diese Szenen nie interessiert verfolgt, er kannte sie nur einfach vom Sehen. Aber was sich hier in knapp einer Stunde vor seinen Augen abspielte, war etwas, was er sein Leben lang nicht vergessen würde.

Abrupt

So abrupt, wie das ganze begann, endete es auch. Man ging wieder zum Fahrstuhl, fuhr nach unten, ging durch einige große Säle und kam zu den wartenden vier großen schwarzen Limousinen. Der  Konvoi setzte sich langsam in Bewegung und Thomas wurde nach wenigen Minuten vor seinem Hotel wieder abgesetzt..

Es gab keine Essen, kein Bankett, keine weiteren Ansprachen – es war einfach, als ob ein Film abgespult wurde, und jetzt war der Film zu Ende und man ging wieder hinaus in die Wirklichkeit.

Auf seinem Zimmer angekommen, musste Thomas sich erst mal abreagieren. Er erinnerte sich an die Worte der beiden Spanier, dass in diesem Hotel alles abgehört wurde.

Er legte sich im Wohnzimmer auf das bequeme alte Sofa und beschloss zu Ehren des Tages all das, was er heute erlebt hatte, auf Spanisch der Deckenlampe zu erzählen. Er war sich sicher, dass dort das Mikrofon der Zimmer-Überwachung eingebaut war.

Ob und wie lange seine unsichtbaren Zuhörer diesen spanischen Wortschwall aufnahmen, um dann verzweifelt zu versuchen, ihn bruchstückhaft zu übersetzen – das weiß Thomas bis heute nicht.

Die Fabrik

Jurek und Thomas waren in der alten Fabrik angekommen.

Die gemeinsame Reise von Ost-Berlin nach Pjöngjang war unaufgeregt verlaufen, abgesehen von der Tatsache, dass sie insgesamt fast 4 Tage dauerte. Am Tage ihrer Ankunft in Pjöngjang wurden sie von großen Begrüßung-Essen und Trink-Empfängen verschont, Thomas hatte diskret beim letzten Besuch darum gebeten. In der Fabrik war eine große Lagerhalle komplett leer geräumt worden. Auf der Stirnseite dieser Halle lagerten Hunderte von hellgrauen, prall gefüllten Säcken, alle oben mit einem kleinen Band zugebunden und mit einigen koreanischen Schriftzeichen bemalt. Davor in einigem Abstand zwei  überdimensional große leere Tische. Auch darum hatte Thomas vorher gebeten.

Vor und hinter diesen Tischen sowie links und rechts davon war absolut nichts.

Die Frauen

An einer Längsseite dieser imposanten, großen alten Lagerhalle stand militärisch aufgereiht eine Gruppe von ungefähr 20 Frauen. Diesmal nicht in der traditionellen koreanischen Tracht, sondern einfach in grauen Arbeits-Hosen und dunkelblauen Hemden.

Als Thomas diese Frauengruppe beim ersten Eintreffen dort stehen sah, hatte er schon insgeheim Befürchtungen, dass sie gleich anfangen würden, stundenlang irgendwelche Begrüßungs-Lieder zu singen.

Sie sahen aus wie der typische chinesische Fabrikchor, den er auch schon einige Mal in abgelegenen Provinzen erlebt hatte.

Diesmal lag Thomas daneben. Es waren die Frauen, die von der Leitung dieses Kombinats sehr genau ausgesucht worden waren, um bei dieser ersten Übernahme zu helfen. Niemand auf Seite der vielen Koreaner hatte eine Ahnung, wie das Ganze jetzt vor sich gehen würde.

Thomas hatte vorher ausführlich mit Jurek über die Prozeduren dieser ersten Warenkontrolle gesprochen. Er selber kannte solche Stück-für-Stück Warenübernahmen und alle Kniffe und Tricks, die es dabei zu beachten gab, sehr gut – aber nur solange sie im oberen Amazonas, in der argentinischen Pampa bis runter nach Feuerland oder in den Eskimogebieten im Norden Kanadas stattfanden.

Hier in dieser Lagerhalle in Pjöngjang war er genauso absoluter Neuling wie alle Koreaner um ihn herum.

Der Plan

Der Plan, den Jurek vorbereitet, hatte war ungefähr so: Die Gesamtmenge dieser Übernahme sollte zwischen 100.000 und 120.000 Teile betragen. Je nachdem, welches Aufkommen in der Zwischenzeit im ganzen Land gesammelt worden war.

Dann mussten die gesamten Mengen nach 3 Kriterien sortiert werden:

– der Farbe
– der Größe
– der Qualität.

Die Sortierung nach der Farbe war für Jurek ein wesentlicher Punkt. Aber Jurek hatte Thomas vorher eindringlich gebeten, den Koreanern hier keine Einzelheiten zu erzählen. Jurek gab Thomas eine einfache und einleuchtende Erklärung:

„Jeder Mensch möchte gerne helle und fröhliche Kleidungsstücke tragen. Je heller ein Hemd oder eine Bluse ist, desto optimistischer wirkt das Kleidungsstück.“ Und um es Thomas etwas drastisch zu erklären, benutze er folgenden Vergleich:

„Du hast von Natur aus mittelblonde Haare. Möchtest Du – aus welchem Grund auch immer – deinen Gesichtsausdruck etwas verändern, kannst Du dies am einfachsten erreichen, indem Du deine Haare färbst. Deine relativ hellen Haare kannst Du mit einfachen Mitteln in eine andere helle Farbe umfärben. Dann siehst du zwar etwas anders aus, aber dein Gesamteindruck, den du bei anderen Menschen hast, bleibt hell, freundlich und im übertragenen Sinne optimistisch.

Hast du aber von Anfang an dunkle oder schwarze Haare, so kann kein Frisör dieser Welt sie in blonde oder zarte helle Töne umfärben. Du würdest dann so viel Chemikalien in deine dunklen Haare reingeschmiert bekommen, dass das Resultat zwar irgendwann eine einigermaßen helle Farbe wäre, aber deine ganze Haarpracht wäre am Ende stumpf, spröde und total unansehnlich geworden. Und dann würdest du doch lieber deinen dunklen Natur-Haarschopf behalten wollen.

Also, zusammengefasst, Pelze mit hellen Farben kann man leicht in andere ansprechende helle Farben umfärben, sie bleiben ansprechend und sind somit entsprechend wertvoll. Pelze mit dunklem Haarkleid sind kaum noch zu ändern und haben deswegen einen geringeren Wert.“

Die Größe

Der nächste Punkt in Jureks Erklärungen betraf die Größe:

„Hier ist alles sehr einfach“, meinte Jurek. „Genau wie bei uns Menschen gibt es im Tierreich 3 große Gruppen. Kleinere Menschen, normal gewachsene Menschen und große Menschen. Ein normal großes Fell ist zwischen 70 und 80 cm lang. Also brauchen wir nur jedes Fell, was unter 70 cm Länge hat, in die kleine Gruppe schmeißen, die Felle zwischen 70 und 80 cm bilden die normale Gruppe und alles was über 80 cm ist sind eben die Großen.“

Diese Unterteilung – so einfach sie jetzt klang – wurde später der Schlüssel zum Geheimnis der Entwicklung Nordkoreas.

Und Thomas und Jurek sollten die Einzigen sein, die diesen Schlüssel jemals in der Hand hatten.

„Schließlich die Qualität.“ – und damit beendete Jurek seinen kleinen Vortrag – „Auch das ist relativ einfach. Du streichst mit deiner Hand einmal durch das Fell, auch wenn es jetzt noch etwas stinkt, dreckig ist und unansehnlich aussieht. Gleitet deine Hand trotzdem leicht und problemlos durch das Fell, dann ist die Qualität in Ordnung. Spürst du dabei im Fell einige harte oder unangenehme Teile, so ist der Haarwuchs aus verschiedenen Gründen irgendwo gestört worden, und es ist eine mittlere Qualität.

Hast du, nachdem du mit der Hand durch den Rücken des Felles gegangen bist, Haare oder Haarteile an deiner Hand, dann war das Tier krank und es wird auch bei uns keinen Gerb-Prozess überstehen. Diese dritte und schlechteste Sorte brauchen wir im Prinzip überhaupt nicht zu uns in die Fabrik mitnehmen.

Wir wollen es hier aber den Leuten nicht so drastisch erklären – deswegen übernehmen wir hier ausnahmsweise auch einmal die dritte und schlechteste Qualität.“

Jurek und Thomas hatten sich vorher abgesprochen, dass sie diese Übernahme nicht allzu kompliziert durchführen wollten. Sie verzichteten bei der Sortierung auf die verschiedenen Größen.

Jurek meinte dazu, dass aufgrund seiner Erfahrung in jeder Original-Ware immer ungefähr jeweils ein Drittel der kleinen, mittleren und großen Größen enthalten sind.

Die beiden Langnasen – er ging davon aus, dass diese typisch chinesische Bezeichnung für alle Europäer auch in Nordkorea gebräuchlich war – markierten dann auf den Boden der Halle viele große Kreise und am Rande jedes Kreises schrieben sie eine große Nummer.

In Nordkorea sind die Zeichen der Nummerierung  ( 1, 2 , 3 etc ) genau wie in China so wie in Europa somit für alle verständlich. Thomas und Jurek malten links neben ihrem Tisch drei große Kreise und nummerierten diese mit 1 für den ersten, 2 für den zweiten Kreis und so weiter. Auf der rechten Seite ihrer Tische malten sie drei weitere Kreise mit den Nummern 4 bis 6. Die hellen Felle warfen sie auf die linke Seite ihrer Tische in den jeweiligen Kreis für die erste, zweite oder dritte Qualität.
Und alle dunklen Exemplare landeten auf der rechten Seite in den entsprechend großen Kreisen.

Verstanden

Die Frauen verstanden schon nach kurzer Zeit diese einfache Prozedur und arbeiteten entsprechend. Sie brachten den ganzen Tag über einen Sack nach dem anderen von der Stirnseite der Halle und schütteten vorsichtig den Inhalt auf die beiden großen Tische, hinter denen Jurek und Thomas konzentriert arbeiteten, sortierten und das Ergebnis in die entsprechenden Kreise schmissen.

Eine andere Gruppe von Frauen wartete  bei den Kreisen, und sobald Thomas oder Jurek 60 Stück in einem ihrer Sortier-Kreise hatten, schleppten sie diese Felle an die andere Stirnseite der Halle. Dort wurde diese fertig sortierte Ware noch einmal durchgezählt und dann in Ballen gepackt und die entsprechende Nummer des Sortier-Ergebnisses wurde mit dicker schwarzer Tinte außen auf den Ballen geschrieben. So bildeten sich auf der anderen Seite der Halle mit der Zeit sechs verschieden nummerierte Stapel, entsprechend dem, was die beiden sortiert hatten.

Schwanz ab

Thomas kannte ein Problem, was in Brasilien am oberen Amazonas an der Tagesordnung war und das bei dieser Art der Übernahme immer wie auftauchte: Wenn er bei einer Übernahme ein Fell als unbrauchbar rausgeschmissen hatte, landete es mit großer Sicherheit wieder in dem Haufen, den er beim nächsten Besuch vorgesetzt bekam. Und je öfter er kam, desto größer wurde der Anteil der unbrauchbaren Felle, die er bei früheren Übernahmen schon abgelehnt hatte. Man hoffte einfach, dass das eine oder andere Teil auf diese Art und Weise doch noch akzeptiert wurde.

Also nahm Thomas irgendwann einfach ein Messer und schnitt den Fellen, die er als unbrauchbar nicht übernehmen konnte, kurzerhand den Schwanz ab. Auf diese Weise konnten die Verkäufer ihm keine Ware mehr vorlegen, wo bereits der Schwanz fehlte.

Hier wollte er nicht so rigoros vorgehen, aber er hatte einen kleinen Hammer bei sich, wo auf die Fläche, mit der sonst die Nägel getroffen werden, einige kleine Nägel oder Dornen angeschweißt waren. Wenn man mit diesem Hammer jetzt die abgelehnten Stücke an einer bestimmten Stelle des Fells markierte, hatten diese Felle einige ganz kleine Löcher im Leder – ein sicheres Zeichen, das diese Ware schon einmal früher vorgelegt und abgelehnt war.

Die nächsten 6 Tage wurden durchgearbeitet von morgens bis abends, nur von kleinen Kohl-Pausen unterbrochen. Die Menge der Säcke auf der einen Seite der Halle wurde mit jedem Tag weniger, die gegenüberliegende Stirnseite immer voller.

Am Abend des 6. Tages waren sie fertig mit der Arbeit. Am 7. Tag wurden lange Listen erstellt und Protokolle unterschieden.

Thomas hatte aus seiner Erfahrung in China noch darum gebeten, dass jeder einzelne Sack gewogen werden soll. Das war von der Sache her völlig unnötig, aber er wusste, dass die Chinesen Fanatiker von absolut exakten Packlisten waren und er ging davon aus, dass es bei ihren nordkoreanischen Kollegen genauso sein dürfte.

Die Nummern, mit dem der Inhalt der jeweiligen Säcke spezifiziert war, wurden dann noch zusätzlich auf die anderen 3 Seiten der Verpackung neu aufgeschrieben. Auch eine Maßnahme, die Thomas im Laufe der Zeit in China kennengelernt hatte, denn wenn man Hunderte solcher Säcke transportiert, scheuert sich ganz schnell der eine oder andere Sack beim Verladen und bei der Reise irgendwo ab und man kann dann nach der Ankunft in der Fabrik in Europa diese Säcke nicht mehr genau zuordnen.

Wenn jeder Sack aber vierfach beschriftet war, wurde dieses Risiko ausgeschlossen.

Das weiße Pulver

Ein letzter kleiner Diskussionspunkt kam auf, als man über den Schutz der Ware anfing zu reden.

In Nordkorea gab es sehr heiße Tage im Sommer. Entsprechend viele Pelz-Motten konnten sich ganz schnell in ein Fell eingraben und dort Millionen von Eiern legen – das Stück ist nicht mehr zu retten. Aber nicht nur dieses Fell, sondern auch viele daneben werden von den Motten schnell zerfressen.

Aus diesem Grund hatte man in dieser Fabrik, genau wie in vielen anderen Fabriken weltweit, große Mengen von Naphthalin in jeden Sack mit reingeschüttet. Naphthalin ist eine Art natürliches Mottenpulver und hindert die kleinen Schädlinge daran, sich zu vermehren.

Jede Hausfrau, die Mäntel in ihrem Kleiderschrank den Sommer über aufbewahrt, kennt dieses weiße Pulver, das aber auch einen als unangenehm empfundenen Geruch ausströmt.

Die Koreaner hatten keine Ahnung, wie lange die Ware jetzt von Pjöngjang unterwegs sein würde, bis sie in Jureks Fabrik weiterbearbeitet werden würde. Sie schmissen also in jeden Sack, der bereits kontrollierte Ware enthielt, noch eine Schaufel voll Naphthalin hinein.

Thomas bemerkte dies und redete darüber mit Jurek. Thomas meinte, wenn diese Ware in diesem Zustand in Beijing bei Interflug zum Weitertransport nach Ostberlin abgeliefert wird, besteht die konkrete Gefahr, dass man die Annahme dieser Fracht verweigert. Wer einmal in einem Frachtraum oder Container so einen intensiven Geruch erlebt hat, weiß, wie schwierig es ist, diesen wieder loszuwerden.

Er kannte viele Container, die in Hamburg mit Ware eingetroffen sind, die so behandelt waren, und diese Container müssen alle erst einmal gründlich gewaschen und desinfiziert werden, bevor sie wieder mit neuer Ware bepackt werden können.

Jurek verstand die Sorge von Thomas und beide erklärten dann der überraschten Leitung der Fabrik, dass dieses weiße Pulver leider in ihrem Land verboten sei, weil es einige giftige Substanzen enthält. Um sie nicht zu verängstigen fügte Thomas dann schnell hinzu, das liegt aber hauptsächlich daran, dass wir in unserem Land ganz andere klimatische Voraussetzungen haben als ihr hier in Pjöngjang. Hier in der Fabrik macht dieses weisse Pulver mit Sicherheit keine Schwierigkeiten, ganz im Gegenteil. Bei uns aber dürfen wir solches Pulver nicht benutzen..

Mit dieser etwas unlogischen  Argumentation wurden die Frauen angewiesen, die bereits mit Naphthalin gefüllten Säcke wieder auszuschütten, die Ware neu in andere Säcke umzupacken und ab sofort kein weißes Pulver mehr zu benutzen.

Fertig

Damit war dann auch dieser Punkt erledigt und 3 Tage später reisten sie gemeinsam wieder zurück nach Peking.

Der obligatorische Kim-Il-Sung Rundreise-Tag mit dem Besuch der Hütten seiner Kindheit blieb Jurek nicht erspart – und Thomas begleitete ihn aus Sympathie bei diesem nordkoreanischen Ritual.

Achtes  Buch

Beendet

Mit dem Abschluss dieser 1. Übernahme waren jetzt endgültig alle Vorbereitungen, die Jakob Salomon in den letzten fast zwei Jahren organisiert und durchgeführt hatte, erfolgreich beendet. Die Ware ging den langen Weg fast  einmal um den Äquator, die Geldströme fanden ihren vorgezeichneten Weg und die Fabrikation der neuen Qualitäten wurde in Sibirien und ganz Ost-Russland ein großer Erfolg.

Die Übernahmen in Nordkorea fanden termingerecht alle 6 Monate statt und Jurek und Thomas bekamen mehr nordkoreanische Visa und Stempel in ihre Pässe, als andere Weltreisenden zusammen.

Erkenntnisse

Die politische Situation in vielen Ländern dieser Erde änderte sich, mal schneller und mal langsamer.

Die Situation von Nordkorea blieb davon völlig unberührt. Es gab in den Jahren, als Thomas zweimal im Jahr Pjöngjang zur Übernahme reiste, gute und schlechte Jahre in Nordkorea. Darunter 2 sehr große Hungersnöte.

Die wenigen Botschaften, die es in Pjöngjang gab, hatten praktisch keinen Überblick über das, was im Land dort geschah. Hätten sie Thomas und Jurek gekannt, hätten die beiden jedem Wirtschafts-Theoretiker in wenigen Worten die jeweilige Lage erklären können, ohne dass Spione überführt werden mussten, um in Arbeitslager lange Strafen abzusitzen oder ohne dass die nordkoreanischen Regierungsstellen etwas beschönigen konnten, was nicht zu beschönigen war.

Die Prognose

Thomas hatte im Laufe der Zeit festgestellt, dass die Prognose von Jurek bezüglich der Größe der Felle bei jeder Übernahme genau zutreffend war: In normalen Zeiten war von jeder Größe ungefähr ein drittel vorhanden.

Jetzt aber, in Krisenzeiten und insbesondere während der zwei Hungersnöte, vergrößerte sich von einem Jahr zum anderen die Anzahl der kleinen und sehr kleinen Felle auf eine ungewöhnlich große Zahl. Die großen Felle verschwanden praktisch innerhalb eines halben Jahres.

Das Ganze war nichts weiter als ein Spiegelbild der Ernährungs-Situation des Landes. In schlechten Jahren wurden große Mengen der Hunde, die man auf dem Land als Fleischration hatte, geschlachtet. Man hatte nichts mehr, und das, was man hatte, war noch nicht groß und erwachsen geworden.

Thomas und Jurek hätten jedem Nationalökonomen mit wenigen Worten die Situation in Nordkorea schildern können – ob man es ihnen geglaubt hätte, sei bezweifelt. Dabei ist es durchaus mit früheren Hungersnöten in Europa zu vergleichen.

Wenn in Kriegs- und Hungerzeiten von den Bauern die große Mehrzahl der Hennen geschlachtet wird, um überhaupt noch etwas essen zu können, ist die Anzahl der Eier entsprechend gering – und damit auch die Nachkommenschaft dieser Tiere für lange Zeit nur minimal.

Diese Naturgesetze braucht man einfach nur beobachten, und das hatten Jurek und Thomas in den 5 Jahren in Nordkorea bei vielen Übernahmen gemacht.

Der Kreislauf

Irgendwann entwickelte dieser von Jakob Salomon ausgedachte und von Thomas und seinem Freund Jurek durchgeführte weltweite Kreislauf seine Eigendynamik.

Die Mode und die Märkte änderten sich. Thomas und seine Firma hatten schon lange aufgehört, sich selber mit dem Artikel Pelz, und allem was dazu gehört, zu beschäftigen. Das hat er zum einen seinen Kindern zugesagt und außerdem erinnerte sich Thomas gelegentlich immer noch an die weisen Worte des alten Häuptlings, den er vor vielen Jahren am oberen Amazonas kennenlernte und dessen Brillant-Geschenk auch eine Episode seines Lebens wurde.

Thomas bemerkte, dass sein Interesse an neuen Sachen und gleichzeitig auch seine Energie, dies alles umzusetzen, mit den Jahren weniger wurde.

Seine Verbindungen nach Nordkorea und die dabei entstandene freundschaftliche und korrekte Beziehung zu einigen der Menschen aus diesem geheimnisvollen Land ermöglichten es ihm, zum Abschluss seiner beruflichen Tätigkeit noch etwas zu gestalten, was so typisch Thomas war, dass er beschloss, darüber irgendwann noch eine allerletzte Geschichte zu schreiben.

Seit einigen Jahren arbeitet er daran.

Unter dem Arbeitstitel „Finken“ erhält diese Geschichte der langen Vorbereitungen eine ungewöhnliche Fortsetzung, welche er seiner kleinen Enkelin dann ohne Gewissensbisse erzählen kann – wenn sie groß geworden ist.

Epilog

Jakob Salomon starb einige Jahre später ganz plötzlich an einer leichten Lungenentzündung. Er hatte kurz vor seinem Tod eine kleine Nachricht verfasst, mit der er seine Familie und seine Freunde zu sich in sein Haus einlud:

Es sollte keine Abschiedsrede gehalten werden. Er wünschte sich, dass alle Anwesenden an diesem Abend Tango tanzen sollten.

So wurde es gemacht, und da er außerdem darum bat, dass niemand mit einem Handy oder einer Kamera kommen möge, gibt es von dieser Tango-Abschieds-Feier keine Aufnahmen.

Isaak Fleider schenkte seine gesamte Kaninchenzucht seinen Angestellten.
Drei Jahre später waren die Häuser verfallen, die Tiere nicht mehr vorhanden und heute erinnert nichts mehr an das, was in diesem wunderschönen Tal einmal vorhanden war.

Ali Alaoui kaufte sich eine der schönsten und teuersten Villen an der Cote da Sur, direkt auf dem Felsen von Antibes. Kurz nachdem er dort einzogen war, besuchte er seine Familie im marokkanischen Atlas-Gebirge.

Er ist nie von dieser Reise zurückgekehrt, seine Spur hat sich verloren.

Abraxas und Estia leben noch heute in Saigon. Ihr Lokal wird von ihren Kindern geleitet, Vietnam hat sich zum größten Pelzzentrum in Südostasien entwickelt.

Herr Rudolf wurde nach 30-jähriger Arbeit im Bankhaus Moser Prokurist und Teilhaber. Das Bankhaus selber ist nach wie vor genauso unbekannt wie exzellent.

Jurek hat mehrere Einladungen der nordkoreanischen Regierung, in ihrem Land einen großen neuen Betrieb zu öffnen, freundlich dankend abgelehnt. Er wohnt weiter am Stadtrand von Tabor im Kreise seiner großen Familie.

Thomas Deckel hat sich – mit Sicherheit auch seinem recht ungewöhnlichen Lebensweg geschuldet – zusammen mit seiner Frau, einer immer noch wunderschönen Inkaprinzessin, an den Strand der Karibik zurückgezogen. Von Zeit zu Zeit schreibt er in kleinen Geschichten noch etwas auf, was ihm in seinem ungewöhnlichen Leben irgendwann widerfahren ist.

Der kleine Blondschopf, an dessen Bett er vor langer Zeit gesessen hat, um das zu erzählen, was ihn so viele Jahre hindurch bewegte, ist inzwischen eine junge Frau, die ihren Opa heiß und innig liebt und dabei in ihr eigenes Leben eingetreten ist.

Irgendwann, in einigen Jahren oder Jahrzehnten, wird sie anfangen das zu Lesen, was ihr Opa vor langer Zeit aufgeschrieben hatte. Und dann wird sie verstehen, dass viele seiner Geschichten nur für einen einzigen Menschen geschrieben wurden.

Sie wird es erkennen und lächeln.